Full text: Hessenland (46.1935)

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Die Schwälmer Tracht im Wandel der Jahreszeiten und in 
verschiedenen vedensla^en. Lrachtmstud,- »°n J°h. H-mr. Schwalm. 
Die Schwälmer Tracht erweckt bei oberfläch 
licher Betrachtung den Anschein der Gleichför 
migkeit bei allen Gelegenheiten; das trifft aber 
nur scheinbar zu, eine andre ist sie am Sonntag 
als am VKrktage, andere Kleidungsstücke ver 
langt der Wandel der Jahreszeiten, andere die 
Festlichkeiten als gewöhnliche Zeiten. Nur dem 
Wissenden entschleiern sich diese Geheimnisse, die 
wir in unserer nachfolgenden Arbeit ein wenig zu 
lüften gedenken. 
Welche Veränderungen die Tracht aber auch 
in den verschiedenen Jahreszeiten und Lebenslagen 
annehmen mag, eins bleibt dabei gleich, die Farbe. 
Rot bezeichnet stets die unbescholtene Jugend, 
Grün die ersten der Hochzeit nachfolgenden Jahre, 
veiolnblo (veilchenblau, violett, lila) die dem Alter 
zustrebende Zeit, Schwarz das besinnliche Alter 
oder auch die Trauer. Jeder Leser wird ermessen, 
wie bezeichnend diese Farben ausgewählt sind. 
Der Verfasser ist sich der Unzulänglichkeit sei 
nes Beginnens, die Schwälmer Trachtenverhält 
nisse mit Worten darzustellen, voll und ganz be 
wußt, die gute Abbildungen, zumal Buntbildcr, 
mit weit größerer Anschaulichkeit zu übermitteln 
vermöchten. Trotzdem hält er seine Arbeit nicht 
für zweck- und wertlos. 
Hinweisen möchte er noch auf seine Abhand 
lung in Heßlers Hessischer Volkskunde, soweit sie 
denselben Gegenstand behandelt. Besonders sei 
an die die Schwälmer Tracht darstellenden Illu 
strationen, dort, z. T. nach Bildern von Prof. 
E. Bantzer und Prof. W. Thielmann, erinnert, 
i. Die Schwälmer Tracht bei der Arbeit im 
Frühling. 
Ein linder Frühlingsmorgen kommt heran 
geschritten. Die Schwarzwälder in Meier- 
hanse Wohnstube verkündet rasselnd die 3. Ta 
gesstunde. In der Madchenkammer flammt 
Licht ans. Ann (Anna) und Koth (Kathe- 
rina), die beiden Magde, erheben sich von ihrem 
Lager. — — — — — — — — — — 
Ann streift weiße, selbstgestrickte wollene Zwik- 
kelstrümpfe über die strammen Waden oder auch 
ein älteres Paar, an dem die weiße Zwickel mit 
Baumwollfäden hergestellt ist („eingelegte"). Rot- 
wollene Strumpfbänder flattern ihr in je einer 
großen Schlinge an den Außenseiten neben den 
Kniekehlen nieder. Die Füße schützen ältere kalb 
lederne Schnallenschuhe mit viereckigen Schnal 
len, durch Kupferplättchen verziert. Nun folgen 
3—4 ziemlich abgeschossene Schwälmer dunkel 
blaue Beiderwandröcke, die bis geradeso unter die 
Kniee reichen, und mit rotem Daamest (Damast?) 
(ein spez. Schwälmer Stoff, der mit öem Damast 
der Stadt keine Ähnlichkeit hat) eingefaßt wer 
den. (An Stelle von Daamest (nicht mehr er 
hältlich, wenigstens nicht während des Weltkrie 
ges) wird heute an schwarzen Röcken Samt, au 
roter Linon verwandt.) Der oberste besitzt noch 
seine dunkelblaue Farbe. Dariiber faßt die dun 
kelblaue Leinenschürze von der Länge der Röcke. 
Die halbärmelige Jacke besteht aus blaugrünem 
„Druckwerk" mit grüner Zeichnung. Um den 
Hals legt Ann ein weißkattunenes, geblümtes 
Halstuch. Die Schnetz (Einzahl: der Schnatz — 
Haarflechten, Zöpfe) bedeckt eine feuerrote ältere 
Betzel, die durch zwei schwarze, rot gezackte 
(— „Gimpe!") Seidenbänder festgehalten wird. 
Der Betzelboden ist rot gestickt. Die Betzelbän 
der sind gewöhnlich bei der Arbeit unter dem 
Kinn zu einer großen Schlinge vereinigt, werden 
aber sonst wohl auch mit einem kühnen Schwung, 
verschlungen, über den Kopf zurückgeworfen. 
Koth hat Trauer. Sie trägt ebenfalls Mes 
singschnallenschuhe, aber die Schnallen haben 
ovale Form und ermangeln jeglicher Verzierung. 
Die Strümpfe weisen eine kleine („linke"") 
Zwickel auf. Die schwarzen Strumpfbänder, mit 
weißen Rändern, werden „gewickelt". Ihre 3 
bis 4 dunkelblauen Beiderwandröcke find mit 
schwarzem Daamest eingefaßt, der oberste ist ganz 
schwarz. Sie werden ebenfalls von einer gleich 
langen schwarzen Schürze bedeckt. Aus schwar 
zem Druckzeug, mit weißen Punkten (oder aus 
durchweg schwarzem Baumwollstoff) ist auch 
die halbärmelige Jacke geschneidert. Als Hals 
tuch benutzt Koth ein schwarzwollenes Franchen- 
tuch. Ihren Kopf bedeckt eine schwarze Betzel, 
deren Boden, ebenfalls schwarz, nur ein paar 
weiße zwirnene Stickereien, „Hühnerfüße" oder 
„Bäumchen", aufweist. An die Betzel sind un- 
gestickte schwarze Wollbänder angenadelt. 
Beide Mädchen nehmen, nachdem die ge 
wöhnliche Arbeit getan ist, eine Wanne und 
je einen Rechen zur Hand und begeben sich auf 
die Bachwiese, die heute gerecht (gereinigt) 
werden soll. Alles „Gezinkel" und „Genist", 
das der Bach ausgestoßen hat, dazu sämtliche 
Maulwurfshaufen, die da liegen, wo die Wiese 
anbergt, sind sorgfältig zu entfernen. —
        

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