Volltext: Hessenland (46.1935)

Kolbenmaschine arbeitet für den neuerbauten 
Hochbehälter oes Ortenbergs, jenseits der Lahn. 
Der WTfserstanö in den drei Hochbehältern wird 
dauernd von einer elektrischen Fernmeldeanlage 
ans je einem Zifferblatt angezeigt; die Pumpen 
werden entsprechend den Meldungen in und außer 
Betrieb genommen. 
Durch einen fein arbeitenden und mit einer 
zweifachen Kontrolle ausgestatteten Beimischungs 
apparat erhält jeder Raummeter Wasser einen 
Zusatz von 0,13 Gramm Chlor, wodurch sich nach 
Sen monatlichen Prüfungen des staatlichen Unter- 
suchnngsamtes eine praktische Keimfreiheit ergibt. 
Bei vollem Einsatz aller Maschinen vermag 
das Werk 6480 Raummeter zu fördern; der Ta 
gesdurchschnitt beträgt 3500 Raummeter. 
Eine neue Aufgabe erwuchs dem städtischen 
Wasserwerk, als auf dem Ortenberg ein neuer 
Stadtteil entstand; er hätte von dem Renthofbe- 
hälter aus versorgt werden können, wenn nicht die 
Nervenklinik für Feuersgefahr einen Wasserdruck 
von 2%. Atmosphären erfordert hätte. Die neue 
Anlage, von Herrn Direktor R. Schulz erson 
nen und durchgeführt, sieht eine Hoch- und eine 
Tiefzone vor. Die Hochzone wird gespeist von 
einem 1913 erbauten, 200 Raummeter fassenden 
Hochbehälter unter dem Gipfel der Spiegelslust 
in der Höhe von 396 Meter ü. ÍR. N. Zu 
ihm führt ein Druckrohr von dem Werk in 
^Wehrda. Daneben verläuft ein Fallrohr bis zur 
Höhe der Nervenklinik, um die Georg Voigt 
straße südwärts und die Elsässer- und die Loth 
ringer Straße nordwärts zu beliefern. Die Tief- 
zone beginnt in 232 Meter ü. N. N., dicht 
oberhalb des Wialdrandes, mit einem dem Fall 
rohr angeschlossenen Behälter; von ihm aus geht 
eine Leitung hinab in die tieferen Straßenzüge, 
die Schützenstraße nach Norden und den Som- 
inergartenweg nach Süden. Die Leitung setzt sich 
südwärts fort, um nach etwa 1700 Metern zu 
einer Höhe von 240 Meter ü. N. N. empor 
steigend einen 300 Raummeter fassenden Behäl 
ter unterhalb des Bismarcktnrms zu füllen. Von 
hier aus wird ein ausgedehnter, aus Abbil 
dung 3 ersichtlicher Bezirk versorgt. Die beiden 
Behälter uns das sie verbindende U-Rohr gewäh 
ren in dem gesamten Netz der Tiefzone einen voll- 
kommen gleichmäßigen Druck. 
Schlußbetrachtung. 
Ein Rückblick erfüllt uns mit Bewunderung 
für die mittelalterliche Technik, die mit einfachen 
Nritteln, mit Holzröhren und bescheidenen von 
Menschen-, Tier- und Wasserkraft betriebenen 
Nt aschinen arbeitete, die kein anderes Sprengmit 
tel als feuergedörrtes, durch Begießen mit Wasser 
quellendes Holz kannte; Erstaunen über die ma 
thematischen Berechnungen der Saug- und Druck 
anlagen eines Ebert Baldwein, und um ehrlich 
zu sein, Überraschung über die hydrostatischen 
Kenntnisse und die Niveanmessungen unserer Alt 
vorderen, da sie vor mehr denn 700 Jahren in 
kühnem Unternehmungsgeist ihre Leitungen über 
Berg und Tal zur Burg und Stadt legten. Wir 
haben erfahren, mit welchen Schwierigkeiten die 
Wasserversorgung der Burg ständig zu kämpfen 
hatte — es war der Jahrhunderte lang wäh 
rende Tribut, den sie für ihre hervorragende stra 
tegische Lage im hessischen Verkehrsnetz zu tragen 
hatte. Als die Fortschritte friedlicher Technik die 
Schwierigkeiten der Wasserbeschaffnng eines 
Berggeländes überwunden hatten, war durch die 
Entwicklung der Kxiegswaffen bereits 100 Jahre zu 
vor die Rolle der Marburger Festung ausgespielt. 
Daneben erhebt sich als Gegenstück die moderne 
Wafserbaukunst mit ihren großartigen Maschi 
nen und Triebmitteln, dem vollendeten Röhren 
material, den selbsttätigen Sperr- und elektrischen 
Meldevorrichtungen, der Selbstverständlichkeit 
ihrer Berechnungen. Bemerkenswert ist der 
Gleichklang der mittelalterlichen, ans verschiede 
nem Besitzstand entspringenden Trennung in ein 
oberes landgräflicheö Burggebiet und ein niederes 
Stadtgebiet mit der neuzeitlichen, durch das Ge 
fälle des Leitungsdruckes erforderten Einteilung 
in eine Höhenzone für die Oberstadt und eine 
Tiefenzone für die Unterstadt. Von vornherein 
ist dieses Doppelsystem nach weitauöschanendem 
Plan in dem neuen Stadtteil ans dem Orten 
berg vorbildlich aus einem Guß geschaffen worden. 
Aber auch von dem allgemeinen Kulturstand 
per breiten Bevölkerung redet unsere Zusammen 
stellung. Steht jetzt den 23 000 Einwohnern 
eine höchste Tagesmenge von 6480 Raummetern 
Leitungswasser zur Verfügung, so hatte sich vor 
300 Jahren ein Fünftel dieser Zahl bei gün 
stiger Schätzung mit einer Menge von 300 
Raummetern zu begnügen; oder in wissenschaft 
lichem Deutsch gesagt: es entfielen im Mättel- 
alter einschließlich des geförderten Lahnwassers 
60 Liter, und im Juli 1934, als dem heißesten 
Monat des Jahres 176 Liter auf den Kopf der 
Bevölkerung. 
Wenn nun der Leser ein Glas aus unseren 
köstlichen kristallklaren Ouellen schlürft, so wird 
es gewiß in andachtsvollem Nachdenken über den 
Jahrhunderte langen Werdegang der Waster- 
versorgung unserer ewig jungen und schönen Stadt 
geschehen. 
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