Full text: Hessenland (46.1935)

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zweige, ist nur zu natürlich. So hat es denn heute, 
bei vorläufig geringem zahlenmäßigen Rückgang der 
Einzelbetriebe, nur allenfalls die Gefamterzeugnng 
aufzuweisen, wie sie vor dem Kriege bestand, und 
macht obendrein gegenwärtig durch die Konkurrenz 
der Fabriken eine Krisis durch, vor der es in der 
vorausgehenden Zeit feiner höchsten Blüte durch 
besondere Umstände bewahrt geblieben ist. 
Ehe in Lindewerra durch den als Flüchtling 
von der Plesfe zugewanderten Wagner die Stock- 
macherkunst heimisch wurde, und zunächst noch 
geraume Zeit, mußte das abseits gelegene Dorf 
mit der kleinen Feldmark seine Söhne hinaus- 
schicken: als Maurer und Weißbinder, zum Wege 
bau und in die Ziegeleien. Jetzt ist das einst als 
armseliges Nest verschrieene und womöglich oben 
drein mit übeler Nachrede belastete Lindewerra 
eines der schmucksten und ansehnlichsten Dörfer 
weit und breit: saubere Straßen, alle Häuser mit 
freundlichem Anstrich, zahlreiche Anbauten und 
Neubauten, ein gepflegter Friedhof. Nur allein 
das Kirchlein, ein Bau des 16. Jahrhunderts mit 
den drei hansteinischen Halbmonden in der Wetter 
fahne, verrät nichts von dem heutigen Wohlstand 
der Bewohner: es könnte recht wohl auf den hier 
übel angebrachten spätgotischen Schnitzaltar ver 
zichten, wenn durch dessen Verkauf an ein staat 
liches oder landschaftliches Museum die (Mittel 
für die Herrichtung des baulich garnicht reizlosen 
Innern und eine neue Orgel beschafft würden. 
Die Wasserversorgung des Schlosses und der Stadt Marburg 
einst und fetzt. Karl Just, in Marburg. 
Zweiter Teil: 
Die alte Wasserversorgung der Stadt, 
i. Die Quellen. 
Den Marburger Felsriegel durchschneiden meh 
rere große Verwerfungen, aus denen Wasser her 
vortritt oder vor der Bebauung hervortrat. Eine 
Quelle, die 1764 in einem Antrage des Magist- 
ratö auf Erbauung des „Beringbrunnens" erwähnt 
ist, entsprang am Plan aus dem Halsgrabenriß 
(s. Abb. 1, Kreis rechts von 8). Aus ihr schöpf 
ten vor Zeiten die Ansassen bei der Hofstadt und 
der Kilianskapelle ihr Master. Eine andere fließt 
vor dem Barfüßertor, da wo der Weg zum Ro 
tenberg abbiegt, aus dem Bruchspalt zwischen 
Hainblock und Dammelsberg. Hier labten sich 
Roß und Reiter, ehe sie von Süden her in die 
Stadt einzogen; dicht dabei stand eine dem H. 
Nikolaus, dem Patron der (Wanderer geweihte 
Kapelle. Jetzt ist die Quelle in den Schwemm 
kanal abgeleitet und durch eine Tür verschlossen. 
Aus der Verwerfung, die den Schloßberg im 
Norden und das Grundstück der Boppschen 
Brauerei gegen die Senke des botanischen Gar 
tens abschneidet, ergoß sich der „Klingelborn am 
Pilgrimstein" (1483, 1526) — vermutlich 
speiste er die städtischen Badestuben daselbst —, 
und weiter im Tal der „Klingelborn" am Bie 
gen, an der Lahn bei der Deutschordenswiese 
(1320 ff, 1365). Am Nordabbruch jener Senke, 
am Sockel der Augustenruhe, finden wir die 
stärkste städtische Quelle, den St. Elisabethborn. 
In seiner Nähe erbaute die fromme Fürstin ihr 
Krankenhaus. 
7483 errichtete der Orden ein neues Brunnen- 
gebäude mit einer Vorrichtung znm Emporwin- 
den der Wassergefäße. 7309 erhält Eonrad der 
Maurer 21% Pfd. V/2 d. „für den heiligen stock 
zu rnachen bi sent Elisabeth born". 7535 wurden 
zur Erneuerung des Kuinpfes 20 Karren Steine 
angefahren. 7547 bittet der Komtur die Stadt 
um die Erlaubnis, die Quelle in das Deutsche 
Hans leiten zu dürfen. 7675 meldet die Trappe- 
neirechnnng, daß der Brunnen in die Küche geht. 
Kleine Abflüsse aus den Wasserhorizonten gibt 
und gab es znm Verdruß der Hausbesitzer an meh 
reren Stellen *). Die Ketzerbächer hatten ihren eige 
nen Brunnen; sein Wasser kam aus der vom 
Schlag heräbfließenden Ketzerbach (Viereck links 
vom D. Haus, Abb. 7). Grnndwafserbrnnnen 
befanden fich am Grün seit 1483 (Fronhofer 
Born, Ziehbrunnen mit knanfgeschmücktem Born- 
*•) In dem Majeruschen Garten (Barfüßertor 16) 
befand stch noch vor 30 Jahren als Gegenstück zu dem 
Vorkommen im Dammelsberg (s. S. 70g) eine geolo 
gisch bemerkenswerte Grottenquelle. Ein überwölbter 
Eingang führte über 8 Stufen hinab in eine über 
mannshohe, 4 Meter lange Felskammer, in der stch 
das Schichtwaffer zu einem mehrere Fuß tiefen See 
ansammelte. Spielende Kinder gondelten in einer 
Waschbütte auf dem Wasser umher. Die jetzt ausge 
trocknete Grotte dient als Gartenkcller. l'lber den Born 
im Dammelsberg teilt mir Herr Architekt Rumpf mit, 
daß er vor 70 Jahren durch Grabungen eine Ton- 
röhrenleitung von der Duelle in südlicher Richtung big 
in ein Grundstück oberhalb des Sandwegs nachgewie 
sen hat. Vermutlich befand stch ani Sandweg eine 
Zapfstelle, die den steilen Anstieg in den klrwald er 
sparte. Einige der nach dem einen Ende verjüngten 
Röhren verwahrt die Sammlung des Kunstinstituts.
        

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