Full text: Hessenland (46.1935)

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krischen Kraft geltend zu machen. Verbessert wurde 
zunächst die Nkethode der Erhitzung des Holzes im 
Backofen oder neuerdings im „Schwalchkessel", 
und dann die Sicherheit der Krümmung zum Griff 
vermittelst eines sehr einfachen Maschinchens des 
sog. „Planchets". Der Laie macht sich meist nicht 
klar, daß der Rundhaken am Ende des „Schus 
ses" ein künstliches Erzeugnis ist, bei dessen Her 
richtung früher ein nicht geringer Teil der Stöcke 
durch Bruch unbrauchbar wurde. Dem ist durch 
das Planchet, das man in fabrikmäßigen Betrie 
ben kennen lernte, dessen erste Exemplare für 
Lindewerra aber um 1910 ein geschickter Schlosser 
in Oberrieden herstellte, gründlich abgeholfen. Ein 
70 Zentimeter langes Stahlband, auf der Innen 
seite mit einem Papp- oder Schmirgelstreifen ver 
sehen, dient als Gegenlager, wenn der Schuß des 
erwärmten Stockes in einen Schraubstock gespannt 
mit Hilfe des Planchetstiels angebogen wird. Der 
init einer Draht- oder Bindfadenschlinge gefestigte 
Griff wird dann noch zweimal im Backofen er 
hitzt, bis die Schlinge abfällt. Von den nun 
trockenen und von den Schlingen befreiten Stöcken 
entfernen Frauen ( wie es unsere Abbildung zeigt) 
oder Kinder die kleinen Astspnren im Griff, 
der Stock kommt znm letzten (Male auf g—10 
Minuten in den Ofen und wird nunmehr end- 
giltig „gerichtet". Das letzte Reinigen und Glät 
ten des Schusses erfolgt heutzutage mit einer elek 
trisch betriebenen Kreisraspel. Es kommen unge- 
beizte und gebeizte, und dann se nach der Stärke 
der Beizsäure heller und dunkler gefärbte Stöcke 
in den Handel. 
Die Zwingen stellten die Stockmacher vor dem 
Kriege, mit dem wir die dritte Etappe schließen 
dürfen, ans Eisenblech selbst her, heute werden sie 
fertig von Solingen oder Schmalkalden bezogen. 
Aber trotz allem was Maschinen und Lieferan 
ten an Arbeit dem Stockmacher abgenommen 
haben, es »st bis in die unmittelbare Gegenwart 
eine echte Heimindustrie geblieben, in die die ganze 
Familie eingespannt ist, soweit sie nicht durch 
Haus- und Feldarbeit abgehalten wird. 
Daß die jährliche Produktion, die in der Vor 
kriegszeit rund igo 000 Stöcke betrug, während 
des Weltkriegs keine Einschränkung, vielmehr 
zeitweise eine Steigerung erfuhr, wird der ver 
stehen, der da draußen in dem weiträumigen Ge 
biet deö Stellungskampfes Offiziere und Soldaten 
sich zwischen Wällen und Gräben und einem von 
Granattrichtern aufgewühlten Terrain mit dieser 
Ausrüstung von Eichenstöcken hat bewegen sehen. 
Eine wirkliche Überraschung aber erlebte unsere 
Stockmacherei in der Nachkriegszeit: statt deö be 
stimmt erwarteten Rückganges trat jetzt ein er 
höhter Absatz ein, der sich in den Jahren um 1926 
auf Z00 000, ja bis zu 500 000 steigerte! VÄr 
wollen es unsern Lesern überlassen, sich auszu 
malen, wie das kam und von wem in dieser inner 
lich aufgewühlten Notzeit unseres Vaterlandes 
der Eichenstock als Schutz und Zierde wehrhafter 
Männer geschätzt wurde, denen die Waffe ver 
sagt blieb. Hält man sich aber die Dauerhaftig 
keit dieser Ware vor Augen und bedenkt, daß, 
was etwa davon verloren geht, zumeist bald einem 
dankbaren Finder zufällt, dann ist es gewiß nicht 
gewagt, wenn wir der Vermutung zustimmen, daß 
weitaus die Mehrzahl der um jene Zeit (und auch 
noch heute) in Deutschland benutzten Eichenstöcke 
aus Lindewerra stammt! Sie wandern ja auch 
heute noch in den deutschen Osten, wo sich ihrer 
die Bergleute im Erz- und Riesengebirge bedienen 
— über die westliche Grenze gingen sie früher nach 
Holland und gewiß auch in dessen überseeische Ko 
lonien. 
Und dieser gewaltige Vertrieb und Export 
stammte und stammt aus einem kleinen Werra 
dorfe von knapp 4vo Einwohnern, von einem Heim 
gewerbe mit selten mehr als Zo Meistern, die 
freilich alle ihre Familienglieder dazu heranziehen. 
Verteilen wir die Erzeugung von auch nur 150 000 
Stöcken auf diese Dreißigzahl, so kommt im 
Durchschnitt eine TAochenproduktion von hundert 
Stück auf die Familie — und diese Zahl ist zeit 
weise auf das Doppelte und über das Dreifache 
gesteigert worden! Immerhin ermöglichen es die 
zunehmende Benutzung einfacher Maschinen und 
das bessere Material, das geliefert wird, gegen 
wärtig einem geschickten Meister, bis zu 2g 
Dutzend in der 2Doche fertig zu stellen. Und da 
bei sind zur Herstellung eines Stockes auch heute 
noch 4 —5 Tage erforderlich, und annähernd 
vierzigmal geht er im Arbeitsgang durch deö 
Meisters Hand. 
Als Erzeugungsländer und Lieferanten des 
(Materials traten schon vor dem Kriege Österreich 
(mit dem Kastanienholz aus Kroatien und gelegent 
lich mit Weichsel) und Ungarn (mit seinen Eichen) 
mehr und mehr hervor. Nach den Friedensschlüssen 
von 1919 gehören diese Lieferungsgebiete zu Süd- 
slawien, der Tschechoslowakei und Rumänien; die 
Vermittlung aber besorgen nach wie vor un 
garische Juden, weshalb man noch immer von der 
„ungarischen Eiche" spricht. Daß die Schwierig 
keiten der Devisenbeschaffung unser Gewerbe zur 
Zeit ähnlich bedrücken, wie so viele andere Erwerbs-
        

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