Full text: Hessenland (46.1935)

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Damit griff er erschöpft nach dem filbernen 
Becher, der in Reichweite stand, bemerkte ent 
täuscht, daß er auch nicht einen Tropfen enthielt, 
und stellte ihn kopfschüttelnd wieder hin. Der 
Kaplan schwebte geisterhaft davon. 
Zum Glück erschien jetzt die frischgefüllte 
Kanne. Rheinland ließ sich einschänken, hob den 
Becher, blinzelte mit einem Auge in den golden 
schimmernden Inhalt, mit dem anderen nach sei 
nem Vvickelfuße, schloß die Lider und tat einen 
langen Zug. 
„Nun aber an die Arbeit!" murmelte er be 
friedigt und bückte sich über den Tisch. 
Da klopfte es! 
„Oh . . . Qh!" Der Pfarrer fuhr sich nach 
dem Halse, als wollte er am Schlagfluß er 
sticken. 
Trina erschien gleichgültig, als hätte sie keine 
Ahnung davon, was stören heißt, im Türrah 
men. 
„Einer is unten!" 
„Einer? Oh . . . oh! Was für einer?" 
„Jetzt sinn er's schon zweie!" 
„Oh Allerbarmer! Änd dabei nit fluchen 
dürfen!" 
Die Boten traten ein. Der Erste brachte eine 
Probe der frisch geförderten Kohlen vom Meiß- 
ner, mit denen Rhenanuö neuerdings die Pfannen 
Heizen ließ, zur Ansicht und Begutachtung. Der 
Zweite meldete, daß eine Stange an der Schöpf 
kunst gebrochen sei. Der Pfarrhcrr möchte den 
Schaden besehen und den Zimmerleuten Anwei 
sung geben. Inzwischen war noch ein dritter Ab 
gesandter angelangt, der eine dringliche Einla 
dung von Herrn Christoph Homberg, dem Salz 
greben, brachte, ihn wichtiger Mitteilungen hal 
ber sofort zu besuchen. 
Der Pfarrherr sprang auf. Mit einem Auf 
schrei, halb Wut, halb Schmerz, riß er die 
Binden vom Muße und schleuverte sie in die Ecke. 
Dann griff er nach dem Krückstock und humpelte, 
die erschrockenen Boten vor sich hertreibend, aus 
der Stube. Hinter ihm fiel das Tintenfaß vom 
Tisch und goß eine lange schwarze Spur in Ge 
stalt einer Schlinge hinter ihm drein. Vergeb 
lich, nichts hielt ihn mehr zurück. 
Die Zähne wütend zusammengebissen, den gro 
ßen Schlapphut vermögen auf das Haupt ge 
stülpt, hinkte und polterte er in unvermuteter 
Schnelle die Stufen und Gäßchen hinab und 
zwischen den Koten hindurch. Der Mangel am 
Pumpwerk war bald mit dem Zimmermeister be 
sprochen. Nun trat er bei seinem alten Freunde 
Homberg in der Pfennigstube ein. 
Nhenanus warf sich in einen Sessel. 
„Einen Schluck, Alter, oder ich sterbe! Wenn 
du wüßtest ..." 
Homberg sah ihn von der Seite mit zugeknif 
fenen Augen an und sagte langsam: 
„Schluck? Du redest noch von Schlucken? Da 
will ich dir den Schluß eines sauberen Briefes 
zu Gemüte führen, der von Seiner Gnaden die 
ser Tage eingetroffen ist. Vvir kennen das The 
ma ziemlich; es handelt sich wieder um eine Mah 
nung, das Salzbuch zu vollenden!" 
Rhenanus lächelte nachsichtigt: „Du hast auch 
einen Brief? Die in Kassel sind wie kleine Kin 
der! Alles muß gleich fertig sein!" 
„Gleich?" murmelte Homberg. „Ich glaube, 
wir haben vor 23 Jahren angefangen!" 
„Und was ist dabei?" fuhr der Pfarrherr auf. 
„Geht sonst alles so schnell? Ehe eine Eiche her 
anwächst, kannst du auch das Warten kriegen! 
Der Herrgott hat ..." 
,,. . . die Welt in sechs Tagen geschaffen!" 
fiel Homberg ein. „Beruf dich lieber nit darauf!" 
„Na, wir sind auch keine Herrgötter!" 
„Nee, da hast du recht! sehr recht! — Höre, 
wie der Gnädige Herr schreibt, oder vielmehr 
seine Federfuchser! Die machen sich einen Spaß 
daraus; aber wir wollen's ihnen eintränken! 
Also: Denn wenn du und der Pfarrherr solltest 
abgehen, wie Ihr denn beide SaufenS halber 
Euch nit wenig kränket und Euer Leben schwächt, 
so wäre jetzo kein Mensch mehr, der des Salz- 
werkö Ankunft oder Gelegenheit wüßte. Was 
fprichste nu?" 
„Ho, ho, ho, ho!" Der Magister lachte aus 
vollem Halse und hielt sich die Seiten. „Seine 
Gnaden ist wirklich spaßig! Einem den Durst vor 
zuwerfen! Wie man nur so alte Geschichterchen 
aufwärmen kann! Das sind nun 24 Jahre her, 
daß ich vor den versammelten Predigern des Ful 
da- und Werrastroms ermahnt wurde, meinen Le 
benswandel zu bessern! Als wenn ich mich nit 
„gebessert" hätte! Dag war den lieben Mit- 
pfäfflein damals ein gefunden Fressen! Und ich 
hab sie doch alle in den Sack gesteckt, trotz Ehren 
Gran von Sankt Erncis! Johann Rhenanus 
war unentbehrlich beim Salzwerk! Und auch da, 
wo sind alle die Neider, die Hemmer, die Neue 
rungsfeinde, die mir das Leben schwer gemacht und 
mich oft genug beim Gnädigen Herrn ange 
schwärzt haben? Geschlagen sind sie! Und unser- 
einem sollte jemanv die einzige Erquickung miß 
gönnen, die man noch hat? Ich weiß, was ich 
seiner Gnaden antworten werde!" 
„Was dann?" fragte Homberg neugierig.
        

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