Full text: Hessenland (46.1935)

122 
Der Salzpfarrer. 
Ein Bild aus Alt-Söder Tagen 
Die „Eisheiligen" find immer kritische Mai 
tage. Sie waren es auch im Jahre des Heils 
1586 im Schatten der ehrwürdigen Marien 
kirche in den Soden. Unter der altersbraunen 
Balkendecke seiner Studierstube saß der Pfarr 
herr, Magister Johannes Rhenanus von MA- 
sungen, der schon über 30 Jahre seines Amtes 
in der Kirche und als Mit-Salzgrebe waltete, 
nicht ohne mancherlei Zwischenfälle, aber mit 
Kraft und Erfolg. 
Der masstge Leib des Pfarrherrn ruhte in 
einem schweren, eichenen Lehnsessel, der unter sei 
ner Last seufzte und knarrte. Eins seiner Beine 
hatte der Hochwürdige auf einem Schemel liegen. 
Es war dick mit Tüchern umwunden; denn das 
Zipperlein, der peinlichste aller Geister, die auf 
dem Grunde des geliebten Bechers lauern, plagte 
den alten Zecher mit rücksichtsloser Tücke. Dann 
war mit ihm nicht gut Kirschen essen! Wie Don 
nergrollen dröhnte seine Stimme durch das Haus 
und überschüttete das Pärchen, das geduckten 
Kopfes vor ihm zitterte und bebte, mit scheltendem 
Schwalle. 
„Freien? Warum dann allszn freien? Nichts 
im Topfe, nichts im Kopfe außer Freien! Werd' 
erst ordentlicher Salzknecht, armseliger Pimper! 
Es wird noch eine Zeit kommen, wo sie freien und 
kein Hemd auf den Leib zu ziehen haben! War 
tet, bis ihr trocken hinter den Ohren seid!" 
Der Bursche und das NUidchen stolperten wie 
betäubt zur Tür hinaus und fielen fast über die 
Haushälterin, die teilnehmend ihr Ohr am 
Schlüsselloch gehabt hatte, die steile Treppe hin 
unter. 
„Trina! Trina!" tobte der Gestrenge drinnen. 
Es war gut, daß die Gewünschte gleich zur Hand 
war; so verstärkte sich sein Zorn nicht noch durch 
längeres Warten. 
„Da!" rief er und wies auf den großen Zinn 
krug, der zwischen Bergen von Folianten und 
Pergamenten auf dem Tische stand. „Du willst 
mich wieder verdursten lasten!" 
„Konnt nit ahnen, daß er schon wieder leer 
ist!" erwiderte die Haushälterin mit einer diesem 
Geschlechte eigenen Schnippischkeit. „Ich habe 
den Krug heute schon dreimal gefüllt!" 
„Gottloseste aller Magde," rief der Pfarrer, 
„nicht genug damit, daß du mich Mangel leiden 
lässest, willst du mich auch noch vergiften! Denn 
du weißt, dnß zugezählte Bisten und Schlucke nit 
bekommen! Tummle dich, ich rate dir gut, oder 
Von M artin Otto Johannes. 
ich werfe dir diesen Band „de rebus naturalibus" 
an den Kopf!" 
Trina nahm die Drohung ziemlich auf die 
leichte Achsel und ging unter Türenschlagen. Der 
Magister wandte sich seufzend wieder seinem 
Schreibwerke zu., in dem ihn der Besuch vorhin 
gestört hatte. Eö war das Schmerzenskind seines 
Lebens, über dem er brütete, die Aufzeichnungen 
über das Söder Salzwerk, die ihm noch der hoch 
selige Landgraf Philipp niederzuschreiben aufge 
tragen hatte. Aber Rhenanus war kein Schreib 
knecht. Nlit dem Worte und im tätigen Han 
deln stellte er allezeit seinen Mann. Nur das 
Hocken über den Pergamenten und das Tinten 
klecksen ging ihm gegen den Strich. Wie oft 
war er in der langen Zeit schon an seine Auf 
gabe gemahnt und ihretwegen bedroht worden! 
Erst gestern war ihm wieder ein Gewaltstreich 
des Landgrafen kund geworden. Und dazu die 
unaufhörlichen Störungen durch die unzähligen 
Pflichten des Doppelamts! Nun war er glücklich 
im vierten der fünf geplanten Bücher angelangt, 
aus denen sich das Werk gestalten sollte, aber 
schon türmte sich neuer Stoff auf, der in An 
hängen untergebracht werden mußte, vor allem 
die Berichte über seine Studienreisen durch die 
wichtigsten Salinen. Und beständig zwackte die 
Gicht im Fuße! 
Der Pfarrherr seufzte abermals kellertief auf 
und probierte die sich borstig sperrende Gänsefeder 
auf der Schreibunterlage, als es schon wieder 
klopfte. Herein schob fich eine lange, stangen 
dürre schwarze Gestalt mit bleichem Hungerge- 
stcht, RheinlandtS Kaplan, Amandus Hose, den 
er eigener Arbeitslast wegen hatte annehmen 
müssen. 
Unwillig wetterleuchtete der Pfarrherr auö 
seinem runven, feuerroten Antlitz den Stören 
fried an. Mit wehmütiger, hoher Stimme ent 
schuldigte der sein Eindringen und bat um An 
weisung für die sonntägliche Predigt. 
„Predigt, was Ihr wollt," brummte Rhena 
nus, „predigt über das selbständige Handeln und 
den Mut zur Selbstverantwortung, aber lastet 
mich ungeschoren! Ihr seht, was auf mir liegt, 
und ahnt nit, wie sehr Ihr selbst davon mitbetrof- 
fen seid!" 
„Es find des ferneren zwo Taufen angemel 
det," fistelte der Kaplan. 
„Tauft, kopuliert, begrabt, was Ihr könnt!" 
rief der Pfarrer. „Am liebsten gleich im vor 
aus auf zehn Jahre! Nur mich verschont jetzo!"
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.