Full text: Hessenland (46.1935)

S 
Konditorei am Steinweg und läßt sich ein Stück 
Apfeltorte geben, sieht aber plötzlich prächtige ge 
füllte Kreppeln auf dem Ladentisch stehen. „Fräu- 
leinchen, kann ich nicht lieber statt der Torte eine 
Kreppel haben?" — „Gewiß, Herr Häser." Er 
verspeist sie mit Behagen und schreitet dann 
würdevoll zur Tür. Das Fräulein ruft ihm nach: 
„Herr Häser, Sie haben ja die Kreppel noch nicht 
bezahlt!" — „TLas, bezahlt? Dafür habe ich 
Ihnen doch die Apfeltorte zurückgegeben!" -— 
„Ja, die haben Sie aber doch auch nicht bezahlt." 
— „Natürlich nicht, die hab' ich doch auch gar 
nicht gegessen!" Beim Bäcker Bottenhorn in der 
Mittelgasse — Häser wohnte damals im „Sack" 
— hatte er auch eine lange Rechnung stehen. Der 
Meister steht grad vor seinem Haus, als Häser 
mit dem Generalintendanten von Berlin vorbei 
kommt. Er nimmt sich vor, dem Künstler einen 
Streich zu spielen und ruft über die Straße hin 
über: „Herr Häser, wie wird das eigentlich mit 
meinen zehn Talern?", worauf Häser seelenruhig 
erwidert: „Och, darüber machen Sie sich keine 
Gedanken, dafür lasse ich Brot holen." 
Am i. November konnte der 72jährige auf 
eine ununterbrochene 30jährige Tätigkeit an der 
Kasseler Hofbühne zurückblicken, und Intendant 
Freiherr von und zu Gilsa, der aus diesem Anlaß 
eine „Karl Häser'sche Stiftung" ins Leben rief, 
die dem Künstler einen sorgenfreien Lebensabend 
sichern sollte, erwirkte ihm beim alten Kaiser Wil 
helm ein Geschenk von tausend Mark. In ge 
radezu ritterlicher Weise trat Baron Gilsa hier 
für seinen Künstler ein, wenn er nach Berlin be 
richtete: „Trotz manchen Familiensorgen hat sich 
Häser von jeher bis zur Stunde als eines der eif 
rigsten, pflichttreuesten Mitglieder des hiesigen 
Theaters erwiesen und sich in seiner Stellung 
nicht nur die vollste Zufriedenheit seiner Vorge 
setzten, sondern auch die Achtung und Verehrung 
aller Theatermitglieder und der gesamten hie 
sigen Einwohnerschaft im buchstäblichsten Sinne 
des Wortes erworben und bewahrt. Ja, man 
kann, ohne zu übertreiben, sagen: der alte Häser 
— so wird er hier genannt — ist einer der weni 
gen Menschen, die keine Feinde, sondern nur 
Freunde haben, die allerorts gern gesehen und 
wohl gelitten sind. Er ist eine jener merkwürdigen 
Künstlererscheinungen, die sich tief in die Herzen 
ihrer Mitbürger hineingespielt haben, eine jener 
seltenen populären Existenzen, die mit der Chronik 
der Stadt verwoben find und denen ein Gedenk 
blatt in ihr für alle Zeiten sicher ist." 
Es läßt sich denken, daß die theaterfreudigen 
Kafselaner ihren Häser an seinem Ehrenabend mit 
Huldigungen überschütteten. Er spielte den 
Schnepper in Görners „Nichte und Tante" und 
dann eine seiner, von keinem anderen Darsteller 
erreichten Glanzrollen, den unverwüstlichen 
Wichfier Strobel im „Bemoosten Haupt" von 
Benedix unter den nicht endenden Beifallsstürmen 
des vollbesetzten Hauses. Zum Schluß begrüßten 
Z00 Sänger, Mitglieder von 14 Kasseler Ge 
sangvereinen (Häser selbst gehörte der Liedertafel 
und dem Mannergesangverein an) den Jubilar 
auf der zum Wald umgewandelten Bühne mit 
dem Vortrag seines unsterblichen Waldliedes. So 
war dieser Abend eine glanzvolle Anerkennung des 
Schauspielers und Komponisten zugleich. 
Noch weitere 3% Jahre füllte Häser seinen 
Platz im Schau- und Lustspiel aus. Am 16. 
April 1887 raffte ein sanfter Tod den 78jährigen 
hinweg, der zwei Tage zuvor noch den Hortenfio 
in der „Regimentstochter" gespielt hatte r— auch 
eine Rolle, deren Komik kein anderer so wie er er 
schöpft hatte. „Das muß ein Ende haben", hatte 
er damals, von Sorgen bedrängt, geschrieben, aber 
sie haben ihn bis an das Grab begleitet. Ein alter 
Mann ist stets ein König Lear. Fünf Kinder und 
die Gattin waren ihm im Tode vorangegangen, 
der einzige, noch lebende Sohn unter Zurücklas 
sung von Frau und Kindern nach Berlin verzogen, 
die älteste Tochter nach Amerika ausgewandert, 
während die jüngste dem verwitweten Vater das 
Hauswesen führte. Sie war nicht imstande, ihn 
bestatten zu lassen, und so mußte zunächst das 
Theater die Sorge für die Beerdigung überneh 
men. Dieses Leichenbegängnis gab noch einmal 
Zeugnis von der beispiellosen Popularität des 
würdigen Veteranen deutscher Schauspielkunst. 
Tausende und Abertausende gaben ihm das Ge 
leit in dem Bewußtsein, daß mit diesem Alraune 
ein gut Stück Alt-Kassel zu Grabe getragen 
wurde, und die Presse lieh dem Empfinden der 
Gesamtheit noch einmal überzeugenden Ausdruck, 
wenn sie schrieb: „Nun ist der Ouell seiner Lieder 
versiegt, die Kraft seines künstlerischen Schaffens 
erloschen, womit er Tausende erfreut und erhoben, 
sein Name aber wird unter uns und in der Ge 
schichte der deutschen Kunst fortleben, so lange 
noch ein frisches, freies deutsches Lied von Deut 
schen gesungen wird." 
Wenn die Stadt Kassel hoffentlich recht bald 
einmal daran denkt, im Interesse der Heimai- 
kultur die Zahl ihrer Gedenktafeln zu verdrei 
fachen, so soll man sich an Häserö Sterbehaus 
(Gardeducorpsstraße 3) auch der Dankbarkeit er 
innern, die zwei Kasseler Generationen diesem 
schlickten und großen Künstler schuldeten. 
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