Full text: Hessenland (46.1935)

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zum Blechschmiedemeister Adolf Henkel in der 
unteren Marktgasse in die Lehre, und so blieben 
ihm nach des Tages Last nur die Nächte, um an 
seinem geliebten Klavier zu üben. Nach bestan 
dener Lehrzeit erklärte er den Eltern rundweg, 
nachdem er bisher ihren Willen getan, werde er 
nun dem seinigen folgen. Dreiviertel Jahre war 
er Mitglied des Kasseler Theaterchors, dann 
folgte er den Spuren des originellen „Theater 
grafen" Karl Hahn - Neuhaus. Landmarschall 
Graf Hahn, 1762 auf Schloß Remplin in Meck 
lenburg als Sohn eines der größten Großgrund 
besitzer Norddeutschlands geboren, opferte seiner 
Theaterleidenschaft — er baute u. a. in Remplin 
für 60 000 Taler ein eigenes Theater — sein 
Riesenvermögen und zog dann 4» Jahre lang als 
Direktor von Wandertruppen ruhelos von Ort zu 
Ort. In Stralsund auf des Grafen Hahn 
Bühne erlebte Häser das Geschick fast aller De 
bütanten. Schon beim ersten Auftreten verwickelte 
er sich mit den Sporen und legte sich in seiner 
ganzen Länge auf die weltbedeutenden Bretter. 
Auch bei den Spielversuchen der nächsten Abende 
sandte ihm das Stralsunder Publikum vom Par 
terre aus ermunternde Zurufe wie „Schafskopf" 
und ähnliche Schmeicheleien auf die Bühne. So 
war es ihm schon recht, wenn nach zehn Wochen 
die Gräflich Hahwsche Bühne aufgelöst wurde. 
Mit seinem älteren Bruder begab sich Karl 
Häser nun nach Richtenberg, einem vier Stunden 
von Stralsund gelegenen Städtchen, wo sie in die 
Schmiere eines Herrn Klotz eintraten. Hier hätte 
Häser fast sein kurzes Künstlerleben mit einem 
idyllischen Dasein vertauscht. In dem gemüt 
lichen Städtchen veranstaltete er mit einigen Bür 
gern Ouartettübungen und hatte sich mit der Zeit 
so beliebt gemacht, daß man ihm das Amt des 
Nichtenberger Organisten antrug. Aber er sollte 
so wenig vor den Kasseler Blechkannen der Hen- 
kelschen Werkstatt wie vor den Blechpfeifen 
einer Pommer'schen Orgel seßhaft bleiben. Schon 
hatte er sich zum Antritt der neuen Stelle bereit 
erklärt, da wurde ihm eröffnet, daß mit diesem 
Amt die Verpflichtung verbunden sei, eine Toch 
ter des kinderreichen bisherigen Organisten zu ehe 
lichen. Häser hatte jedoch sein Herz bereits an 
eine Schöne der Klotz'schen Schmiere verloren, 
schüttelte daher schleunigst den Staub von seinem 
Kothurn und folgte der Truppe nach dem benach 
barten Städtchen Loitz. Kurz darauf verschwand 
Vater Klotz, und es begann nun für die verwaiste 
Herde ein an Entbehrungen reiches Abenteuer 
leben, wie wir es aus Holtei'ö „Vagabunden" 
kennen. Kartoffeln bildeten Frühstück, Mättags- 
nnd Abendmahlzeit der hirtenlosen Kunstgenossen 
schaft, und ein Weiterwandern verhinderte der 
biedere Loitzer Gastwirt, bei dem man stark in der 
Schuld war. Schließlich gab er wenigstens die 
Erlaubnis, im nahen Gnoyen deklamatorisch-dra 
matische Abendunterhaltungen zu veranstalten. 
Da aber der brave Gastfreund die Bücher uno 
Kulissen zurückbehielt, mußten sie ohne alles thea 
tralische Handwerkszeug abziehen. Donnerstag 
kamen sie an, am Sonntag sollte Karl Blum's 
„Mirandolina" gegeben werden. Am Freitag 
war das Theater notdürftig mit geborgten Ge 
räten aufgebaut, aber bei der Probe am Sonn 
abend konnte sich niemand ohne Rollenbuch zurecht 
finden. Man schrieb nun das Stück rasch nach 
dem Gedächtnis zusammen, und der Sonntag 
abend brachte eine gefüllte Kaffe. Noch zwölf 
Vorstellungen wurden gegeben, zuletzt mußte der 
Wirt eine Wand des Theatersaals einschlagen, 
um dem Publikum Raum zu schaffen. Da traf 
den blühenden Weizen des Theatervölkchens ein 
vernichtender Hagelschlag — die Regierung ver 
bot, der Himmel mag wissen, aus welchen Grün 
den, weitere Vorstellungen, und die Gesellschaft 
bezog das Städtchen Treptow an der Pollenfe. 
Hier aber setzte die Cholera, die 1831 alle 2Ran- 
derbühnen sprengte, ihrem VRrken ein Ende. 
Die beiden Brüder Häser kehrten nun nach 
Kassel zurück. Das Hoftheater war nach der Pa 
riser Julirevolution auf unbestimmte Zeit ge 
schlossen und an die Bethmann'sche Schauspieler 
gesellschaft verpachtet worden. Hier trat Karl 
Häser beim Ehor ein und ging mit diesem, als die 
BethmannAhe Truppe abgezogen war, auf einige 
Zeit nach Hannöverfch-Münden. Als dann Hä- 
fers Onkel Feige 1833 für das neu eröffnete Hof 
theater alte verdiente Mitglieder, darunter auch 
Häsers Ntutter, wieder engagierte, wurde auch 
der junge Häser übernommen. Natürlich begann 
er mit kleinen Rollen, zuerst mit dem Herrn von 
Mirler in Töpfers Stück „Der beste Ton". 
Zum ersten Mal gerufen wurde er *— das Her 
vorrufen war damals noch so selten, daß es in 
auswärtigen Korrespondenzen regelmäßig vermerkt 
wurde — als William Gawtry in „Nacht und 
Morgen" von der Birch-Pfeiffer. An diesem 
Abend wurde die Direktion zum ersten Mal auf 
sein Können aufmerksam. Schon früh wurde ihm 
das Fach der Alten überwiesen, und hier hat „der 
alte Häser", wie dieser populärste aller Künstler, 
die je auf der Kasseler Bühne wirkten, allgemein 
genannt wurde, eine unübersehbare Reihe der 
prächtigsten Figuren geschaffen. Geben wir dar 
über einem zeitgemäßen Kritiker, dem wir diese 
Einzelheiten verdanken, das Wort: „In der 
Oper, im Schauspiel, im Lustspiel und in der
        

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