Full text: Hessenland (46.1935)

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Wasserführer trug den Bornschlüssel. Eines 
Tags — anno 1512 — hatte einer das Vor 
hängeschloß gestohlen und es mußte ein neues bei 
der Eisenkrämerin gekauft werden. 1635 wurde 
— wie durch die Jahrhunderte hindurch in allen 
technischen Fragen üblich — ein auswärtiger 
Sachverständiger, ein Bergmann berufen; er 
untersuchte die Quelle, ob fie stark genug sei, um 
auf das Schloß geführt zu werden. Neuerliche 
Funde von alten Töpferscherben weisen auf eine 
vorgeschichtliche Siedelung in der Nähe der 
Quelle hin. 
Mit oer Erbauung des Fürstenschlosses gegen 
Ende des 13. Jahrhunderts mußte ein großzügi 
ges Wasserbeschaffungssystem eingeführt werden. 
Als Spender kamen in Betracht das Schicht- 
und Grundwasser, die Quellen auf der Haide, 
1600 Meter in der Luftlinie entfernt, jenseits 
der tief einschneidenden Marbacher Schlucht mit 
30 Nieter Gefälle, und in Ockershausen, 630 
lMeter entfernt, unter der Höhenlinie des Schlos 
ses, und schließlich die Lahn (s. Abb. 1). 
i. Die Haideleitung oder der 
Küche nbruuneu. 
Fm Gebiet der Haide steht ein verlassenes 
Brunnenhaus; ihm waren eine, seit 1626 zwei 
weitere in „Koffern" gefaßte Verwerfnngsquellen 
angeschlossen, deren entlegenste, am Michelbacher 
Pfad, 370 Nieter weit herangeführt wurde. Die 
Leitung verlief sanft abfallend über den Grassen- 
berg, dann steil hinab in den Marbacher Weg, 
wo kürzlich die alten Holzröhren zu Gesicht 
kamen, um nun in grader Richtung durch den 
Götzenhain, durch ein „Wehr", 80 Nieter hoch 
zu der Nordfront der Burg emporzusteigen. Vor 
dem Saalbau, in dem schmalen Zugangsweg, der 
sog. Ratz (Ratten) falle (Küch, Tafel 123), nahm 
ein unterirdischer gemauerter Gang das Erlen- 
rohr auf. Steinerne, früher Eichenholzdeckel be 
zeichnen den Verlauf des Gangs; durch die 
Mannslöcher konnte man zu Reparaturen und 
Auftauungen einsteigen. Der gepflasterte Altan 
unter der Brücke zwischen Sakristei und Wil 
helmsbau birgt das alte Haidebasfin (1492 ff.), 
nach seiner Bemalung auch der rote Hahn be 
nannt (Abb. 2). Der Behälter, aus Gandstem- 
platten gefügt, faßte bei seiner Wiederherstellung 
im Fahre 1769 83 Raummeter Wafser. Er 
versorgte zunächst die Küche und die Speisekam 
mer, dann die Badestube der Landgräfin, zu der 
fie aus ihrer Kemenate auf einer Wendeltreppe 
hinabstieg, das Backhaus und die späteren Wirt 
schaftsgebäude an der Nordfront (Abb. 2). 
Durch ein in den Boden des roten Hahns einge 
lassenes Fallrohr erhielt der als Kern der neuen 
Stadt am Nordabhang erbaute Wirtschaftshof, 
der Renthof, sein Wasser (Abb. 2 und 4). Älle 
Leitungen waren zur Regelung des Zuflusses und 
zum Zapfen mit Mesfinghähnen versehen. 
Seit 1363 wurde die Wasserversorgung auf 
den jäh abfallenden südlichen Burgbezirk ausge 
dehnt. Der Behälter auf dem Schloß erhielt 
einen aus Messing gegossenen Hahn in einem 
angebauten Brunnenhäuschen; von hier ging eine 
Leitung vermutlich durch den Zwinger, durch den 
Torweg in einen Kumpf im „Schmiedegarten". 
Dieser ursprünglich bis unter den Wilhelmsbau 
sich hinziehende Streifen war zwei Fahre zuvor 
durch die für den landgräflichen Leibarzt Dr. 
Wolfs, den Begründer des Wolffschen Stifts in 
Ockershausen, erbaute Schloßtreppe durchschnit 
ten worden; der westliche Teil, unter der 
„Schmiede" (jetzt Direktorwohnung), ist alö 
Bückingsgarten bekannt. Von dem Kumpf (3) 
verliefen die Fallröhren an die aus der Abbil 
dung 2 ersichtlichen Stellen. Einen Stumpf der 
eisernen Röhre zum Forsthof (1626) steht man 
noch heute in der Niauer unterhalb des Eingangs 
zu Bückingsgarten. Der Kumpf in der Ritter 
straße ging 1611 ein; 1740 bewilligte Landgraf 
Wilhelm VIII. eine neue Leitung zur Ritter 
straße; ver Schreyvogelsche Brunnen, auch Klin- 
gelborn genannt, verschwand 1884 von der Bild 
fläche (s. Tafel 121, 1. bei Küch und C. 
Knetsch, die Ritterstraße 1923). Fn der Ober- 
hesstschen Zeitung vom 22. 11. 1880 beschwert 
sich ein Einsender über das Ungeschick einer 
amtlichen Warnungstafel am Klingelborn: 
„Lahnwasser undbrauchbaar zu trinken". Der 
Fehler liegt jedoch nicht nur in der Orthogra 
phie, sondern auch in der Herkunft des Wassers. 
Es war Quellwafser von der Haide! 
Mit der Errichtung des städtischen Hochbehäl 
ters im Schloßpark im Fahre 1893 wurde oie 
Haideleitung aufgegeben; der rote Hahn erhält 
seitdem von dort sein Wasser und dient als Re 
servoir bei Feuersbrünsten. 
2. W a s s e r k u n st. 
Ein Hebewerk im Tal schaffte das Wasser 
durch ein Druckrohr in einen Hochbehälter auf 
dem östlichen, der Burg zugewendeten Abhang 
des Hains (Abb. 1 und 4). Von hier führte 
ein Fallrohr über den Halsgraben in einem Kumpf 
in der Vorburg 3 ). Fm Fahre 1371 erhalten 
3) Oie Vorburg ist entstanden durch die Absprengung 
der westlichen Hälfte des Berggipfels bis an den 17
        

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