Full text: Hessenland (46.1935)

sogar über des Landgrafen Tod hinaus: das Ab 
leben seines ehemaligen Studiengenofsen und Ka 
pellmeisters am Kasseler Hof Christoph C o r- 
n e 11 efytt Schütz mit einem geistlichen Konzert 
„Herr nun lässest du deinen Diener fahren". 
Welche künstlerischen Befruchtun 
gen Schütz durch Kassel und die Mmfik am 
Kasseler Hofe erfahren hat, ist nur schwer greifbar. 
Als Schütz nach Venedig ging, hatte er im Stu 
dium der Compofition „einen nur schlechten unge 
gründeten Anfang". Darnach hat er während der 
Kasseler Zeit einen eigentlichen gründlichen Kom 
positions-Unterricht nicht erhalten. Was der 
Knabe und Jüngling jedoch an Musik am Kasseler 
Hofe aufgenommen und kennen gelernt hatte, trug 
er als unverlierbares Gut fein ganzes Leben mit 
sich. Es war die Tradition deutscher Musik des 
ausgehenden 16. Jahrhunderts, die im Kassel jener 
Tage vorherrschte wie kaum an anderen Höfen. 
Während an anderen Orten um die Jahrhundert 
wende das Jtalienertum immer stärker einzu 
dringen beginnt, bleibt in Kassel das deutsche 
Element in jeder Hinsicht durchaus überwiegend. 
Immer stärker begann sich gerade in der zweiten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts unter der großen 
Zuchtmeisterschaft des universalen eingedeutschten 
Niederländers Orlando di Lasso das eigene Pro 
fil der deutschen Musik herauszuheben. Das 
deutsche Kleinmeistertum jener Tage, da die 
deutsche INusi'k auf ihren ersten Großmeister 
n a ch Senfl noch wartete, pflanzte die besten 
Kräfte nordischen Mufizier-Willens, deren Trä 
ger das Niederländertum war, von Generation 
zu Generation fort und wuchs immer mehr heran 
zu eigenen Prägungen. Vom Geiste dieser niveau 
vollen, handwerklichen und traditionsbewußten 
deutschen Musik, die in Kassel gepflegt wurde, 
ließ sich der werdende Schütz berühren. Der da 
malige Hofkapellmeister des Landgrafen, Georg 
Otto, sammelt in sich diese Kräfte der deutschen 
Musik jener Tage zu einprägsamer Gestalt, die 
der junge Schütz täglich vor Augen hatte. Der 
Grund zu Schützens vertieftem Traditionsbewußt 
sein wurde in Kassel gelegt. Soweit er auch je in 
die Bezirke italienischer Kunst vordrang — der 
festgefügten deutschen Tradition wurde er nie 
mals untreu. Der Geist deutscher Musik, den er 
in Kassel erfahren hatte, wirkt durch sein ganzes 
Werk hindurch und in dessen späteren Wand 
lungen tritt er immer sichtbarer und klarer her 
vor bis hinein in die grandiosen Visionen seines 
Alters, in denen deutscher Geist in der Musik 
ewig wurde. cklber Kassel ging der Stern auf, 
der Heinrich Schütz den Weg wies zur deutschen 
Unsterblichkeit und mit ihm ging auch der Geist 
des Landgrafen ein in die ewigen Gefilde deutscher 
Musik. 
Im Staatsarchiv Marburg/Lahn wird unter 
„Politische Akten Sachsen-Albert. II, 40" der 
folgende eigenhändige, bisher noch unveröffent 
lichte Brief voü Heinrich Schütz an den 
hessischen Landgrafen aufbewahrt H. — Im 
August 1615 hatte der Landgraf seinen Orga 
nisten dem sächsischen Kurfürsten für zwei Jahre 
überlassen. Im Dezember 16^7 — vor Ablauf 
dieser Frist also — fordert er ihn wieder ein. 
Gleichzeitig hatte der Landgraf an Schütz selbst 
geschrieben und ihm persönlich die „Abforderung 
von Dresden" zukommen lasten. Der Brief ist 
nicht erhalten. Das hier abgedruckte Schreiben 
ist jedoch die Antwort auf diesen Schütz „jüngst 
zugeschickten gnädigen befehl". Es ist das ein 
zige Dokument, das uns gewissen Einblick gewährt 
in Schütz' eigene Stellung zu dem Streit der 
Fürsten um seine Person. Er ist um seine Mei- 
nung nicht gefragt. So sehr ihn die größeren Ver 
hältnisse wie die selbständigere Stellung am 
Dresdener Hofe gelockt haben mögen — in Kassel 
war er nur Organist —, so läßt doch gerade dieser 
Brief kein Zweifel, wohin Pflicht und innere 
Neigung ihn zogen. „Alle natürliche und gött 
liche Gesetze vermahnen" ihn, „die Zeit seines 
Lebens" dem landgräflichen Hofe „aufzuwarten", 
das ist der Satz, um destentwillen dieses Schrei 
ben zu einem wahrhaft bedeutsamen persön 
lichen Dokument des Meisters wird. Es zeugt 
überdies von dem nahen, ja herzlichen Verhältnis 
zum Landgrafen und seiner Familie. Der Ab 
druck dieses Briefes als Anhang zu den obigen 
Ausführungen über „Heinrich Schütz und Land 
graf Moritz von Hessen" trägt seinen Sinn in 
sich 2 ). 
Durchleuchtiger Hochgeborner Fürst, Gnediger 
Herr, E. F. G. feind nebenst Wünschnng zeitt- 
licher und ewiger Wolfahrt, meine gantz pflicht- 
schüldige untterthenige gehorsambste Dienste höch 
stes Vermögens jederzeit zuvor, 
Hochgeborener Fürst, Gnediger Herr, E. F. G. 
mir jüngst zugeschickten gnedigen befehl habe ich 
in untterthenigkeit wol empfangen, daraus auch 
die gnedige abforderung und citation meiner We- 
1) Den Hinweis auf diesen Brief danke ich Herrn 
Werner Däne-Köln, der ihn in Verfolg feiner Studien 
über „Landgraf Moritz von Hessen als Musiker" im Mar- 
burger Staatsarchiv auffand. 
2) Er erfolgt der Vorlage getreu bis auf die Ersetzung 
des „v" durch „u".
        

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