Full text: Hessenland (46.1935)

den Willen haben wir zu erkennen, der bei völ 
lig veränderten Verhältnissen und Bedingungen 
eine neue Verwirklichung suchte. 
Wenn Landgraf Moritz bei seinem Regie 
rungs-Antritt dem Leben seines Hofes ein Ge 
präge verleiht, Pas in seinem stets sich erweitern 
den Glanze stark absticht gegen die Hofhaltung 
seines Vaters, wenn er sein Fürstentum mit der 
Pracht und dem Gepränge barocker fürstlicher 
Repräsentation umgibt, die den Kasseler Hof bald 
in aller Munde brachte, so folgt er wohl dem 
Zuge der Zeit. Ein flüchtiger Vergleich aber nur 
etwa mit dem kursächfischen Hofe zeigt, daß dem 
Willen zu äußerer repräsentativer Gestaltung 
des fürstlichen Lebens bei Moritz doch noch ganz 
andere Kräfte innewohnen. Moritz erstrebt die 
Veredelung der Repräsentation. Der Hinweis 
auf das Barocke dieser Art ist nur ein äußerlicher. 
Festlichkeiten, Kunst, Musik und Wissenschaft 
sind hier im Kassel jener Tage nicht nur Schein 
werfer, die der Sichtbarmachung der fürstlichen 
Person und ihres äußeren Glanzes dienen, son 
dern es ist der Landgraf selbst, der mit seinen in 
neren Kräften diese Dinge zum Leuchten bringt, 
da sein Leben und sein Sinnen in ihnen 
wirkt. Er benutzt sie nicht nur zu seinen Diensten, 
sondern er dient ihnen und erfüllt sie mit der 
wärmenden Kraft eines verstehenden Schützers. 
„Meine Lust zum Höchsten" — so deutet er selbst 
die Initialen seines Namens M. L. z. H. In 
diesem Wort müssen wir mehr sehen als nur ein 
Spiel. 
Die Gründung des Collegium Mauritianum, 
dieses ritterlichen Erziehungö^Institutes, ist wie 
ein Symbol dieses Willens. In ihm findet der 
wahrhaft altritterliche Grundzug seines Wesens 
wohl seinen sichtbarsten Ausdruck. Ritterlichen 
Übungen und ritterlichem Kampfspiel räumte 
Moritz überhaupt an seinem Hofe einen Raum 
ein, der weit über das hinausgeht, was jene Zei 
ten davon noch kannten uno übten. Besonders ist 
es die Art, in der der Nachklang der echten 
ritterlichen Idee am lebendigsten wirkt. Denn 
auch hier trat die Schaustellung zurück gegen die 
Formung von Haltung und Gesinnung durch das 
ritterliche Spiel. 
In den Plänen seiner Heeres-Reform verdich 
tet sich schließlich sein ritterlicher Geist geradezu 
zur Idee eines neuen Kämpfertums. Die Durch- 
wirkung des Soldatentums mit sittlichen Kräften, 
eine neue Adelung deö Kampfes schwebte ihm 
vor, seine neue Heiligung durch die Bindung an 
vaterländisches Denken und Fühlen. Kampf sollte 
— wie einst im Rittertum — heilig sein, sollte 
Schutz und Wehr sein der guten Machte. Es ist 
bezeichnend für die Lage jener Zeit, daß es ge 
rade die damals sogenannte „Ritterschaft" war, 
oie sich diesen Plänen widersetzte. 
Hier aber sehen wir am deutlichsten: Landgraf 
Moritz war nicht, was man nachsichtig gerne als 
einen Schöngeist bezeichnet. Um fein Verhältnis 
zur Kunst und zum Leben des Geistes richtig zu 
verstehen, muß man den ganzen Umkreis seines 
Sinnens abtasten. Ein großes staatliches Wollen 
erfüllt ihn. Seine 9Neigungen und Liebhabereien 
gliedern sich darein. In ihm lebte und wirkte das 
Bild von der Einheit alles Lebens und er trach 
tete diese Einheit noch einmal zu erfassen — zu 
gestalten als wahrer Fürst und Regent, der dazu 
begabt war, dem Gott und die Gesetze, wie er 
selbst sagt, die treuesten Ratgeber waren. Kunst 
und Kultur waren ihm nicht schöne Liebhabereien, 
ebensowenig aber schienen sie ihm geeignet, im 
Dienste äußerer Repräsentation die Knechtschaft 
zu erleiden. Er selbst ist der Repräsentant einer 
Einheit von Kunst und Leben, in der dag alte 
Rittertum leise verklingt. Von hier aus ist auch 
seine Stellung zur Musik zu verstehen, sein Ver 
hältnis zu Heinrich Schütz. Nicht seine musikali 
schen Fähigkeiten und Neigungen als solche, son 
dern die Art seines Herrschertums war es, die ihn 
befähigte, in Schütz den Genius der deutschen 
^Mufik zu erkennen. Sein eigenes Mufikertmn 
stand in seinem Leben nicht isoliert als zufällige 
Begabung oder nur fürstliche Neigung, sondern 
trat wie Alles bei ihm, in den Dienst der Idee 
einer hohen geistig bestimmten Regentschaft. Po 
litisch in weiterem Verstände war auch in Dingen 
der Kunst sein Sinn. Davon zeugt sein eigenes 
inufikalisches Werk, wie die Werke seiner An 
regungen. Seine Zeit aber stand gegen ihn, darin 
liegt die Tragik seines Lebens. Zu dieser Tragik 
gehört eö auch, daß der Bund mit dem werdenden 
Genius der deutschen Musik, dessen inneren Ge 
setzen — weil er sie selbst mitschaffen half — 
allein der Landgraf unter den Menschen jener 
Zeit zu folgen vermochte, von außen gewaltsam 
zerstört wurde. Und daß auch Schütz scheiterte 
und seine letzten Werke (Passionen), dem sichtbar 
tätigen Handeln in dieser Welt entrückt, nur der 
Erfüllung seiner selbst folgend, schrieb, läßt Diese 
beiden Männer einander näher rücken, als es 
meist geschieht. 
Nach der Trennung von Kassel rissen die Be 
ziehungen Schützens zum hessischen Landgrafen 
nicht ab. Davon zeugen noch die reichen Schätze 
Schütz'scher Werke ans der Landeöbibliothek. Die 
Verbindung mit der Kasseler Hofkapelle währt 
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