Full text: Hessenland (46.1935)

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geistigen Anspruch, der sich der politischen Er 
wägung beugen mußte. Der vom sächsischen Kur 
fürsten konstruierte Rechtsanspruch auf Schütz als 
einen geborenen Kursachsen beleuchtet zur Genüge 
die Mittel, derer sich der Kurfürst bediente. Der 
letzte Versuch des Landgrafen, Schütz im Jahre 
1619 nach dem Tode von Georg Otto zurückzu 
gewinnen, wird ebenso fadenscheinig vom Kurfür 
sten abgewiesen mit dem Hinweis auf die bevor 
stehende Heirat von Heinrich Schütz, der nun 
selbst seinen Schwiegereltern gelobt hätte, in 
Dresden zu bleiben. 
Schütz war der Spielball Dieser Auseinander 
setzungen. Wie er sich innerlich verhielt, wissen 
wir nicht. Daß ihn jedoch der Dresdener Hof 
lockte und locken mußte, ist sicher. Aber auch in 
diesem Ereignis seines Lebens erblickt er später 
eine „Fügung des allmächtigen Gottes" und wir 
können daraus entnehmen, wie sehr er die Tren 
nung vom Landgrafen als bedeutsamen Einschnitt 
in seinem Lebensgange und in der Entwicklung 
seines Künstlertums empfand. — 
Landgraf 3Cst 0 rrtz der Gelehrte 
hat als Fürst von einem zumal für feine Zeit 
einzigartigem Gepräge, als ein Fürst von um 
fassender Bildung, schöpferisch in Wissenschaft 
und Kunst, von hohem herrscherlichem Sinn, der 
alle Gebiete des Lebens zu meistern verstand, po 
litisch und kriegerisch weitblickender als man ge 
meinhin annimmt, — und trotz aller dieser 
Fähigkeiten dennoch ein Scheiternder, — dieser 
Fürst hat von jeher den Blick der Nachwelt auf 
sich gezogen. Es kann uns in diesem Zusammen 
hange nicht genügen, neben seine Leistungen in 
Wissenschaft, Kunst, Politik, Theologie usw. sein 
Mnsikertum zu stellen oder nur feststellend die 
Tat zu setzen, der wir einen unserer größten Mu 
siker danken. Daß er selbst Musiker war, vermag 
diese Tat wohl von außen als die eines Musik- 
verständigen und fürstlichen Musikliebhabers zu 
erhellen. Das ist aber nicht ihr tieferer Ginn — 
sie ist der Ausdruck umfassenderer Kräfte, die im 
Landgrafen wirkten. Der Landgraf Moritz war 
ebensowenig nur „Liebhaber" der Musik, wie er 
nicht nur „Liebhaber" der Künste und Wissen 
schaften, nicht nur „Liebhaber" des Fürstentums, 
der Politik, des Staates, oder gar der Kriegs 
kunst, des Friedens, der Arbeit, seines Landes war 
— auch wenn es noch so sehr scheinen möchte. 
Sondern es ist der Trieb und das Streben zu 
umfassender Durchdringung und Beherrschung 
des Lebens und all seiner Gebiete und in diesem 
Streben wirkt eine alte mächtige Idee nach: die 
Idee einer geschlossenen Erfassung und einheit 
lichen Prägung des Lebens und seiner Gestaltung 
— und dies in einer Welt, die in ihrem Gefüge 
zu brechen begann und der Verwirklichung dieser 
Idee widerstand. Die Gestalt des Landgrafen — 
in ihr weht noch ein allerletzter Hauch des alten 
Rittertums — in einer Zeit, die dessen hohen 
Werte nur in der Entartung kannte und bis zur 
Entstellung verwandelt hatte. Schon Kaiser 
^Maximilian, den man den letzten Ritter nennt, 
hatte das erfahren. 
Einst war zur Zeit der hohenjbaufischen Kaiser 
das Rittertum aufgestiegen als neue gesell- 
schafts- und stanoesbildende Macht. Der Dienst 
ves schwer gerüsteten Reiters forderte die Ver- 
zwecklichnng VeS Waffenhandwerkes. Aber nicht die 
Waffe selbst gewann an Wert, sondern in Waf- 
fenübnng und Waffenhandwerk verkörperte sich 
die Idee eines neuen, herrscherlichen Streitertumö. 
Der Kampf war heilig — daß er Gebet sein 
konnte, davon zeugt die Kreuzzugsidee, die wie ein 
Brand die Herzen dieses Jahrhunderts ent 
flammte. Das Schwert öffnete nicht nur das 
Tor irdischer Unsterblichkeit und Ruhmesehre, 
sondern auch daö Tor des Himmels. Die Idee, 
von dem dies Kämpfertnm erfüllt war, war so 
stark, daß sie über die Pflege der TLaffenkunst 
weit hinausreichte. Sie formte das ganze Leben 
und erhob es zu einer Würde besonderer Art. 
Das Handwerk suchte höhere Erfüllungen. 
Kampf ist hier Schutz der Wahrheit und der 
Schuldlosigkeit. Er ist Vorrecht und TOürde mw 
zugleich das Symbol höchster geistiger Verant 
wortung; und so geht es ihm auch um den gei 
stigen Besitz. Die ritterliche Idee zeugt 
nicht nur Formen, die das Leben in seinem äuße 
ren Ablauf gestalten, sondern daö Rittertum wird 
zugleich der Träger einer mächtigen hohen künst 
lerischen Kultur, die nach innen wirkt und die 
tieferen Kräfte des Menschen ergreift. Das ge 
formte und gefügte, die Gesamtheit umfassende, 
ritterlich-höfische Leben zeugt eine Kunst, die eö 
verherrlicht und zugleich weiter formt. Es bindet 
das Leben in seiner Gesamtheit an die Kunst, 
findet in ihr ihren höchsten Ausdruck. Sinn und 
Art dieser Kunst beruht in einem für uns kaum 
mehr faßbaren ursprünglichen Zusammen- und 
Jneinanderwirken aller zeugerischen Lebenskräfte. 
In ihr gibt es nichts Teilbares, nichts Einzelnes. 
Dieses Kultur- und Lebensbewußtsein ist zu 
Zeiten des Landgrafen Moritz gestorben. Den 
noch müssen wir an die Art dieses Bewußtseins 
denken, wenn wir den großen Willen, der im 
Landgrafen lebte, begreifen und richtig würdigen 
wollen. Es ist nur ein schwacher Abglanz; aber
        

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