Full text: Hessenland (46.1935)

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der Herr und Fürst, dem er zu Dienst verpflich 
tet ist, wie die Verkörperung der dunklen Mächte 
fernes Lebens entgegen, die fernen Gang stören 
und hindern, ihm jede Entfaltung hemmen — so 
leuchtet der Landgraf Nkoritz den Wegen des 
jungen Schütz wie ein guter Stern voran. Die 
Namen vieler Künstler und Geister find gebun 
den an die Namen ihrer Gönner und Förderer 
— und dennoch find sie zumeist abzulösen von die 
sen Bindungen. Der Name von Heinrich Schütz 
aber darf kaum alleine genannt werden. WA 
Schütz nennt, nennt auch den Landgrafen. Denn 
er ist es, der uns diesen großen deutschen Nkusiker 
gab, der Schütz den Weg zur Musik wies. Ohne 
des Landgrafen weise Weisung und herrscherlich- 
klngen Ratschluß hätten wir keinen Heinricb 
Schütz. 
Den Knaben entriß er dem Widerstand des 
Elternhauses, stellte ihn hinein in seine Kapelle. 
Fm Colleginm Mauritianum ließ er des jungen 
UUenschen Seele und Geist formen und bilden — 
das war der Preis um den ihm die schöne Stimme 
des stngbegabten Fungen gegeben wurde. Nicht 
um der Musik willen ließen ihn die Eltern ziehen, 
sondern weil er in Kassel besser und intensiver 
als anderortens „zur Schulen und Erlernung der 
lateinischen und anderer Sprachen gehalten und 
erzogen" werden konnte. Es war eine den jungen 
Menschen in all seinen Möglichkeiten voll er 
fassende, hohe Schule der Erziehung und geistigen 
Bildung, an der Schütz im Collegium Manritia- 
num Kassels heraufwuchs. Ein unverlierbares 
Gut aab Kassel mit dieser Zuckt und Schule dem 
Werdenden mit auf den Weg. Des Landgrafen 
fürstlich-zeugerischer Erziehergeist fand in Schütz 
eine formbare und dem Hohen aufgeschlossene 
Seele und trächtig spüren wir diesen Geist wei 
ter wirken im späteren Werden von Gestalt und 
Vverk des Meisters. Sein hoher ritterlicher 
Sinn, seine Verantwortungökraft, seine unwan 
delbare Treue, die Hoheit menschlicher Gesinnung 
und Mätempfindung, seine edle leidenschaftliche, 
eines echten Herrschers würdige Kraft zum per 
sönlichen Einsatz für die ihm gestellte Aufgabe wie 
für die Mmschen, die ihm unterstanden — das 
stnd wohl die Anlagen der eigenen Natur, ge 
formt und gerichtet aber wurden sie durch die Er 
ziehung, die der Landgraf ihm schenkte. 
Der Gedanke an den Musikerberuf lag noch 
dem Jüngling fern. Ihm mng es nach seiner 
Eltern Willen und dem Vorgänge seines Bru 
ders um die Erwerbung „einer gewissen Pro 
fession, um dermaleinst einen ehrlichen gradum zu 
erlangen". So begann er das Studium der 
Rechte an der Universität Mckrburg und zeigte 
bald in einer „disputatio de legatis, wie gut er 
seine Zeit angewendet". Da kam der Landgraf 
nach Marburg und begegnete Schütz. Einst hatte 
eö ihm die schöne Stimme des Knaben angetan. 
Die Kapellknabenzeit am Hofe hatte ihn jedoch 
hinter der Stimme die naturhafte musikalische 
Begabung erkennen lassen. Damals mag schon 
im Langrafen der Entschluß gereift sein, Schütz 
zürn Musikerbernf zu bestimmen. Vielleicht war 
es ihm selbstverständlich erschienen, daß Schütz 
von sich aus den Weg dazu fand. Zumindest war 
er jetzt betroffen und verwundert, Schütz aus 
schließlich beim Studium der Rechte zu finden. 
Des Landgrafen sicherer künstlerischer Instinkt 
und seine überragende geistige Urteilskraft erkann 
ten darin ein „unverantwortliches" Tun. Er er 
wies sich als wahrer Fürst und es zeugt für die 
Größe seines Erziehertnms, daß er zugleich er 
faßte und befahl, was hier einzig notwendig war 
zu tun: er schickte den jungen Schütz zum größ 
ten und berühmtesten Musiker jener Tage, zu 
Giovanni Gabrieli nach Venedig. Diese Tat 
zeugt vavon, daß der Landgraf in Schütz den G e - 
niuS erkannt hatte. Sie bezeichnet einen geschicht 
lichen Augenblick im Schicksal der deutschen ^Uu- 
sik. Mit ihr allein würde sich der Landgraf sei 
nen erhobenen Platz in der Gedenkhalle der Deut 
schen Musik gesichert haben. Eine „Schickung 
Gottes" nannte der greise Schütz selbst später 
dieses Ereignis. 
i611 trat Schütz in Venedig mit seiner er 
sten Veröffentlichung hervor: dem i. Buch der 
Madrigale. Er widmete sie dem Landgrafen. Mit 
einem gewaltig großen Meer der Tugend und 
der Großmut vergleicht er den Fürsten und in 
überströmenden Worten dankt er ihm für seine 
Wohltaten. Eines Tages werde er wieder zurück 
kehren und einmünden in dieses Meer als ein 
ebenso großes der Ergebenheit. Ein klangpräch 
tiges, farbigbewegtes, doppelchöriges Madri 
gal, das den „gran Mauritio" verherrlicht, be 
schließt das Werk: uns ist es mehr als nur eine 
der vielen Widinnngskomposttionen, mit denen 
Musiker dieser Zeit ihre Gönner bedachten und 
ehrten. Uns ist es der Fubelruf des deutschen 
Musikgenius an seinen Finder und Erwecker! 
1613 kehrt Schütz nach Deutschland zurück 
an des Landgrafen Hof. An dem ferneren Gang 
des Meisters schien kaum eine Veränderung 
denkbar. So wie alles bisher geschehen war, 
mußte ihm Kassel sein vorbestimmter Platz für 
kommendes ^Wirken und Schaffen fein. Bis zur 
Nachfolge des Hofkapellmeisters am Kasseler
        

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