Full text: Hessenland (46.1935)

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ihre Anhänglichkeit und Opferwilligkeit, und man 
braucht nur an Simon Bing, dessen Wiege m 
Homberg gestanden hatte, zu erinnern, um ein 
Bild von der wackeren Haltung der Stadt mit 
ihren Bürgern in gefahrenschwangerer Zeit zu be 
kommen. 
Zweieinhalb Jahrhunderte später hatte Hom 
berg in schwerer Zeit wieder Gelegenheit, seine 
Treue zum angestammten Herrscherhaus zu be 
tätigen. Die Stadt und ihre Umgebung hat sich 
eigentlich nie mit der französischen Herrschaft ab 
gefunden, und Homberg ist einer der Plätze, an 
denen der Widerstand gegen die fremden Unter 
drücker immer wieder aufflammte. Schon 1806 
und 1808 kam es zu Aufstandsversuchen, bei denen 
Männer wie der Postmeister Humburg, Metro 
politan Murtin, Hospitalsprovisor Rommel, 
Karl Dithmar, Philipp Ehrenfeld, Forstinspektor 
Wilhelm von Buttlar, Karl Wilhelm Ernst 
Berner und Sigismund Peter Martin eine Rolle 
spielten; neben ihnen seien die Stiftsdechantin 
Mmrianne vom Stein, Frau von Baumbach und 
ihre Reichte Karoline sowie Frau Wolfs von 
Gudenberg nicht vergessen. Der ernsteste Ver 
such, die Ketten abzuschütteln, war der Aufstand 
vom Jahre 1809; am 22. April sammelten sich 
auf dem Marktplatz Schaaren von Bauern und 
entlassenen Soldaten, die unter Führung des 
Obersten von Dörnberg gegen Kassel marschier 
ten. An der Knallhütte nahm das ungenügend 
vorbereitete und übereilt durchgeführte Unterneh 
men ein trauriges Erwe — an die Stelle der über 
schäumenden Begeisterung trat auch in Homberg 
tiefe Trauer und herbes Elend, das erst mit Ab- 
fchüttelung des französischen Jochs sein Ende 
nahm. 
Es ist eine eigenartige Fügung, daß die Höhe 
punkte der Geschichte Hombergs mit denen der 
hessischen Heimat überhaupt zusammenfallen: bei 
der Begründung^ und Festigung der Landgrafschaft 
war Homberg dank seiner Lage und der Anhäng 
lichkeit der Bürger ein starker Pfeiler der land 
gräflichen Politik; in den bewegten und ent 
scheidenden Stunden der Reformation durfte die 
Stadt einem der bedeutsamsten Vorgänge der Zeit 
Raum und Namen geben; als Hessen zum ersten 
und einzigen Mal seiner Geschichte Bestandteil 
eines fremden Staatswesens werden mußte, war 
hier an der Efze eine der Ouellen, ans denen die 
Befreiung ihre Kräfte zog. Und wenn von jenen 
Zeiten der hessischen Anfänge vor allem der 
Schloßberg deutliche Kunde gibt, so weiß der 
schon als Stadtbild so eindrucksvolle Markt 
mit der ihn überragenden Stadtkirche von den 
stolzen Oktobertagen des Jahres 1526, aber auch 
von dem Unglück des Jahres 1609 jedem, der 
Augen hat zu sehen, Kunde zu geben. Und so 
werden auf der Homberger Tagung nicht nur be 
rufene Munner von ihren Forschungen aus unserer 
heimatlichen Geschichte berichten, sondern auch die 
Steine von den Großtaten hessischen Bürgersinns, 
hessischer Treue und hessischer Opferwilligkeit 
predigen. 
Heinrich Schütz und Landgraf Moritz von Hessen. 
Von Dr. Herbert Birtner, Privatdozent für Musikwissenschaft 
an der Philipps-Universität zu Marburg. 
Festrede, gehalten anläßlich der Gedenkstunde zur H. Schütz-Feier der Stadt Kassel 
am 4. ONai 193,5 in der Landesbibliothek zu Kassel. 
„Ich habe genügsamen Anlaß, mich ge 
reuen zu lassen, daß auf das in Teutschland 
wenig bekannte und gewürdigte Studium 
RUusicum so viel Fleiß, Arbeit, Gefahr und 
Unkosten ich jemals gewendet und dessen 
Direktorium am hiesigen Kurfürstl. Hofe zu 
Dresden auf mich genommen." 
So spricht im Jahre 1652 der 67jährige Hein 
rich Schütz, aufs tiefste erregt und in seinem 
Innersten getroffen durch das Verhalten eines 
fürstlichen Herren, der um Sinn und Sendung, 
nm Verpflichtung und Verantwortung wahren 
Herrschertums nicht wußte. Mck Erschütterung 
vernehmen wir Heutigen diese Worte eines gro 
ßen Deutschen. Lodernde Verzweiflung veranlaßt 
Schütz ein Jahr später zu sagen: 
„Ich für meine Person will hiermit pro 
testiert haben, daß, nachdem ich nunmehr 
alles, bis auf das Blut aus den Adern 
gleichsam teils zugesagt, teils unter etliche 
notleidende Musikanten vorstrecket habe, mich 
länger allhier in Dresden zu dauern ganz 
unmöglich fallen wird. Nur dieses will ich 
bezeuget haben, daß lieber den Tod als län 
ger sotanen bedrängten Zustand beizuwoh 
nen, ich mir wünschen wollte."
        

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