Full text: Hessenland (46.1935)

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Homberg in der hessischen Geschichte. V°n Bib>i°th°ksdir-kl°r Dt. s <-»f. 
Die Teilnehmer an der Jahreshauptversamm 
lung des hessischen Geschichtsvereins, seine Mitglie 
der und seine freunde, werden in Homberg in 
besonderem Maß Gelegenheit haben, die Verbun 
denheit der historischen Entwicklung mit der Land 
schaft zu erkennen und wuchtige Zeugen geschicht 
licher Vorgänge auf sich wirken zu lassen. Der 
Blick vom Schloßberg in das zu weiter Ebene 
sich öffnende Tal der Efze bis hin zur Mündung 
in die Eder macht es dem aufmerksamen Beobach 
ter, der sich bei seiner Betrachtung von den heu 
tigen Verkehrs- und Nachrichtenverhältnissen frei 
zumachen weiß, sinnfällig, daß dieser Punkt im 
Mittelalter eine bemerkenswerte Bedeutung ge 
habt haben muß. Wird dann eine mittelalterliche 
Straßenkarte zu Rate gezogen, so ergibt sich, daß 
hier eine s. Zt. viel benutzte Straße aus dem Eder- 
ins Fuldatal, von Fritzlar nach Hersfeld vorbei 
führte. Ausgangs- und Endpunkt dieser Straße 
standen unter dem Einfluß des Erzbistums Mainz, 
das seine an sich schon starke Stellung bereits 
im i2. Jahrhundert durch Erwerbung und Be 
festigung des Heiligenberges (ij 86) noch weiter 
sicherte. 
Die große Bedeutung dieser Verbindungslinie 
hatten schon die Landgrafen von Thüringen er 
kannt, und es ist ein deutlicher Beweis für den 
weiten Blick, mit dem sie die Geschicke ihres aus 
gedehnten Gebietes zu lenken verstanden, daß sie 
sich schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts Hom 
berg als Stützpunkt in die Hand brachten. Hier 
saß schon im 12. Jahrhundert ein gleichnamiges 
Geschlecht, das einen guten Blick für die hervor 
ragende Lage seiner Burg bewiesen hatte: liegt 
doch die Stadt, über deren Entstehung wir im ein 
zelnen ebenso wenig wissen wie über die der Burg, 
im Schutze des Berges in einer Flußschlinge, deren 
offene Seite vom Schloßberg beherrscht und ge 
schützt wird. 
So war es ein dringendes Gebot der Selbst 
erhaltung, daß Herzogin Sophie sogleich bei der 
Begründung der Landgrafschaft in Homberg festen 
Fuß faßte — Burg und Stadt sind dann dauernd 
in hessischem Besitz geblieben und einer der zuver 
lässigsten Stützpunkte der Landgrafen geworden. 
Sophie, deren staatsmännischer Befähigung die 
junge Landgrafschaft Aufrichtung und Sicherung 
verdankt, konnte an Homberg um so weniger vor 
übergehen, als der mainzische Heiligenberg eine 
starke Bedrohung bedeutete und unbedingt Gegen 
maßnahmen erforderte. So ist es zu verstehen, daß 
zu derselben Zeit Felsberg an den deutschen Orden 
gegeben wurde, dessen Streitkräfte damit im Ge 
gensatz zu Mainz für Hessen dienstbar gemacht 
wurden. 
Natürlich konnte die Gegenwirkung nicht aus 
bleiben: schon 1^30 schob der Abt von Hersfeld 
sein Einflußgebiet nach Westen vor, indem er 
auf der Wasserscheide des Knüll die Burg Wal 
lenstein erwarb und damit auch von Osten her auf 
das hessische Homberg drückte. Die Lage blieb so- 
init bedroht und erfuhr erst eine fühlbare Er 
leichterung, als es 1273 gelang, die Mainzer 
Burg auf dem Heiligenberg von Grund aus zu 
zerstören und damit Mainz aus' dieser Linie zu 
verdrängen. Mainz dachte freilich zunächst noch 
nicht daran, sie etwa kampflos aufzugeben, und 
suchte nach einem anderen Stützpunkt, den es 1322 
in dem ziemlich genau in der Mitte zwischen dem 
Felsberg bzw. der Altenburg, die von Hefsen in 
demseben Jahr zur Unterstützung des Felsberges 
wieder aufgebaut wurde, und Homberg gelegenen 
Falkenberg fand; kam diese Burg dem Heiligen 
berg an Stärke und Bedeutung keineswegs gleich, 
so war Mminz von hier aus doch jederzeit in der 
Lage, die Verbindung zwischen diesen beiden hes 
sischen Burgen zu stören. 
So hat Homberg durch seine Lage und Stärke 
in dem 200jährigen Ringen, in dem Mainz die 
Landschaft mindestens zur Bedeutungslosigkeit her 
abzudrücken sich bemühte, eine bedeutsame Rolle 
gespielt. Der Schlüssel zur Lage und damit der 
Brennpunkt der Ereignisse lag am Heiligenberg: 
man geht aber gewiß nicht fehl in der Annahme, 
daß Hessens Kampf gegen die Aufrichtung eines 
mächtigen Priesterstaates im Herzen Deutschlands 
ein noch viel schwererer gewesen wäre, wenn nicht 
Homberg als Flankenstellung den Angriff gegen 
den Heiligenberg geschützt hätte. 
Daß die Landgrafen der allmählich herange 
wachsenen Stadt — Homberg wird 1231 zum 
ersten Mal als „Stadt" (oppidum) bezeichnet — 
alle Förderung angedeihen ließen, war nach Lage 
der Dinge selbstverständlich. Einmal waren Burg 
und Stadt nicht von einander zu trennen, und eine 
Preisgabe der Stadt hätte den Verlust der Burg 
unweigerlich nach sich ziehen müssen. Zum andern 
war die Besetzung der wichtigen Straßen mit 
landesherrlichen Städten ein hervortretendes 8N0- 
ment in der Sicherung des Landes wie der Hebung 
des Verkehrs. Denn in solchen Städten fand die 
landesherrliche Gewalt stets eine wertvolle Stütze 
— die zahlreichen und schon über das Maß des 
Notwendigen und Entwicklungsfähigen hinans-
        

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