Full text: Hessenland (46.1935)

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die Erbauer und ersten Besitzer des Fürstenhofes sind 
nur recht spärlich vorhanden. Das prächtige Doppel- 
portal des Erdgeschosses stammt aus der Zeit um 
1550 und ist wahrscheinlich von einem Angehörigen 
der Familie Reiprecht von Büdingen errichtet wor 
den, in deren Besitz dag Gebäude bis zur Mitte des 
17. Jahrhunderts verblieben ist. Dann wurde es 
von einem Junker Grem von Freudenstei'n erworben 
Dieser verkaufte dag Anwesen an einen Ritter von 
Heidemann, von dem eg 1676 wieder von dem Sohne 
des ersten Besitzers aus der Familie Gremp von Freu 
denstein zurückerworben wurde. 1685 wurde die Lie 
genschaft von dem Pfalzgrafen Johann Carl von Zwei- 
brücken-Birkenfeld, dem zweiten Sohne des Pfalzgra- 
fen Christian I., gekauft. 
Entgegen der Annahme von Junghans und von 
Bickel in ihren Werken über Gelnhausen war der 
Fürstenhof nicht ein pfalzgräfischer Witwenfitz, sondern 
Herrschaftgsitz der von dem Pfalzgrafen Earl gegrün 
deten pfalzgräfischen Nebenlinie. Als Angehörige dieses 
pfalzgräfischen Hofes konnten aus den neunziger Jah 
ren des 17. Jahrhunderts festgestellt werden: Stallmei 
ster Johann Philipp von Görtz, die Kannnerherren 
Johann Adolf Löw von und zu Steinfurth, Christian 
Ludwig von Oynhausen und Hofmeister Johann Wolf 
v. Seckendorf. 
Zuletzt war der Fürstcnhof bewohnt von der Witwe 
des Pfalzgrafen Friedrich Bernhard von Birkenfeld- 
Geluhausen, Ernestine Luise, einer geborenen Gräfin 
von Waldeck. Im Jahre 178z wurde das Besitztum 
von dem damaligen Erbprinzen Wilhelm von Hessen- 
Hanau erworben und zwar für den späteren weimari- 
schen Generalmajor Carl von Heiinrod. Dieser war 
mit Goethe bekannt, der ihn im Fürstenhof 181 4 zwei 
mal besuchte. Nach Heimrodg Tode wurde der Fürsten 
hof vom kurhessischen Staate angekauft, der in die 
Räume dieses alten Besitztums das Amtsgericht ver 
legte, das sich noch heute darin befindet. 
Ausführlich handelte der Vortragende dann noch über 
Pfalzgraf Johann Carl und die Nachkommen des Her 
zogs Wilhelm von Bayern. 
Am 12. Januar 1935 sprach Herr Reg.-Rat Ru 
dolf Schäfer über F a m i l i e n w a p p e n. Er 
behandelte Entstehung und Bestandteile, Erwerb und 
Berechtigung zum Führen. Im Hinblick auf dag ver 
mehrte Interesse, das heute den Familienwappen ent 
gegengebracht wird, betonte der Vortragende, daß erst 
nach Ausschöpfung aller Möglichkeiten, ein etwa früher 
vorhandenes, später aber verloren gegangenes altes 
Wappen festzustellen, der Familicnforscher daran den 
ken dürfe, ein neues Wappen anzunehmen. Daß dazu 
alle heraldischen Grundregeln beachtet werden müssen, 
dürfte eine Selbstverständlichkeit sein, die heute leider 
immer noch nicht genügend befolgt wird. Sehr zu 
warnen ist vor Wappenfabrikeu. Von besonderen, In 
teresse waren die im Lichtbild gezeigten Wappen von 
Gelnhäuser Familien und von Familien aus der be 
nachbarten Wetterau. 
Der Geschichtsverein Gelnhausen erlitt am 29. Jan. 
*935 einen schweren Verlust durch das Hinscheiden sei 
nes Mitbegründers und langjährigen Geschäftsführers 
Herrn Lehrer i. R. Heinrich Druschel. Der Verstorbene 
hatte sich besonders für die Ausgestaltung des VotragS- 
wesens verdient gemacht und auch die vorstehend be 
richteten Veranstaltungen sänitlich noch veranlaßt. Als 
gleichzeitiger Mitbegründer des Heimatmuseums für 
Stadt und Kreis Gelnhausen hoffte er, nachdeni er 
im Oktober vorigen Jahres in den Ruhestand getreten 
war, sich ausschließlich der Förderung der heimatge- 
schichtlichen Belange widmen zu können. Es war ihm 
leider nicht vergönnt, im Ruhestand die ihm so lieb 
gewordenen Aufgaben erfüllen zu können. Nach mehr- 
wöchentlichem Krankenlager ist er im Gustav-Adolf- 
Krankenhaus in Hanau, in dem er Genesung suchte, 
an der Verschlimmerung eines inneren Leidens verstor 
ben. Der Geschichtsverein Gelnhausen wird sein An 
denken stets in Ehren halten. 
Zweigverein Hersfeld. 
Gemein'samer Vortragsabend mit dem Univerfitästbund 
Marburg. 
In seinem Vortrag über den Stand der vor 
geschichtlichen Forschung in Hessen zog 
Herr Professor Dr. von Merhart zunächst einen 
scharfen Strich zwischen der entsaguugsreichen, müh 
samen Arbeit des Wissenschaftlers und den Träumen, 
Deuteleien und Märchen einiger zwar vom heilige» 
Eifer beseelter, aber nicht wissenschaftlich geschulter 
und arbeitender Männer. Nach einer libersicht über 
das bisher in Hessen Geleistete ging der Redner dann 
besonders auf die Grabung des Hersfelder Geschichts- 
vereins bei Hilmes ein. Sie führt uns in die Zeit 
Karls des Großen und offenbart eine scheinbar unan 
sehnliche Kultur, die aber insofern ihre Besonderheit 
und Wichtigkeit hat, als nur noch in Mardorf ähn 
liche Funde gemacht sind. Man darf wohl sagen, daß 
die gefundenen Gebeine nicht auf Slaven, sondern auf 
Germanen und Hessen hindeuten. 
Anschließend nahm Herr P e r r e t vom Kaiser-Wil- 
helm-Jnstitut für Anthropologie in Berlin-Dahlem als 
Anthropologe Stellung zu den Hilmeser Funden. Die 
hier auggegrabenen Skelette ähneln mit ihren breiten, 
niedrigen, fast viereckigen Gesichtern und kräftigen 
Gliedern dem Typus der bronzezeitlichen Hügelgräber 
bei Escheberg im Kreise Wolfhagen und der der jün 
geren Steinzeit angehörenden Steinkiste von Altendorf. 
Er offenbart eine überraschende Ähnlichkeit mit deni 
Cromaguon-Menschen. Diesen in Hessen wiederzufin 
den, wird eine Aufgabe der Zukunft sein. 
Hennebergjscher Geschichtsverein 
Schmalkalden. 
Herr Lehrer Reinhard sprach über „Hof- und 
Haushaltung der letzten Henneberger Grafen". Er ent 
rollte das typische Gemälde eines kleinen deutschen 
Fürstenhofes des 16. Jahrh., der durch die Ungunst der 
Zeit, besonders die wirtschaftlichen Umwälzungen, aber 
auch durch starres Festhalten an kostspieligen Bräuchen 
und Gewohnheiten immer tiefer in Schulden geriet. Alle 
Versuche, durch Hofordiiuugen und Einschränkungen dem 
Verfall zu steuern, führten nicht zum Ziel. Erst der 
Vertrag von Kahla, iZZch & cr & er ernestinischen Linie 
der sächsischen Herzöge die Erbfolge sicherte, wofür sie 
die gewaltige Schuldenlast übernahm, brachte die 
Rettung. 
Für die Säirifkleitung verantwortlich Archivrat Dr. F. Uhlhorn, Marburg a. L.. Lothringer Straße 20. Zuschriften an 
diele Adresse oder an den Herausgeber, Marburg a. L., Markt 21. Verlag und Druck: Dr. C. Hitzeroth, Marburg a. L. 
D. A. II/35: So«
        

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