Full text: Hessenland (46.1935)

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milie Gozzi" und Grovermanns „Heilige Not" 
entsprachen in ihrer musikalischen und regiemäßi 
gen Ausgestaltung bei erster Besetzung wirklich 
hochgesteckten Ansprüchen — aber die deutsche 
Spiel- oder Volksoper, die der breiten Maste das 
Theater erst nahebringt, litt — von wenigen 
Ausnahmen abgesehen — unter Unzulänglichkei 
ten in der Besetzung und Vorbereitung, oder 
konnte mangels ausreichender Kräfte in befriedi 
gendem Umfang nicht aufgeführt werden. Es ist 
zum Beispiel bezeichnend, daß in der ganzen 
Spielzeit Ntozart überhaupt nicht zu !Worte kam. 
Nicht wesentlich anders liegen die Dinge im 
Schauspiel. Auch hier ergaben sich Besetzungs- 
schwierigkeiten, und was man an modernen 
Stücken sah, blieb hinsichtlich des dichterischen 
Wertes oft reichlich unter dem Durchschnitt. Alo 
beglückende Erlebniste konnen Shakespeare^ 
„Sommernachtstraum", Swenzens „Baren", 
Jbsens „Peer Gynt" und Anzengrubers „G'wis- 
senswnrm" gewertet werden. 
Ntan darf zu'der neuen Leitung des Staats- 
theaters das Vertrauen haben, dast fie — von na- 
tionalsozialistischem Kultnrwillen erfüllt — dem 
ihr zu treuen Handen iibergebenen Institut wie- 
der den künstlerischen Rang fichert, auf den es 
nach Tradition und Gegenwartsdentung berech- 
tigten Anfprnch Hat. Ft. 
Die Schütz-Feiern in Kassel und Marburg. 
Die Bach-Händel-Schütz-Feler, die in den Monaten 
Februar big März dieses Jahres von der Reichgnmsik- 
kammer veranstaltet wurde und in so neuer und einzig 
artiger Weise unser ganzes deutsches Volk erfaßte, hat 
auch im Hestenlande lebhaften Widerhall gefunden. 
Mit Recht hatte die Reichsmufikkammer die Städte 
Kassel und Marburg beauftragt, Schütz-Feiern zu ver 
anstalten. In Kassel wurde Heinrich Schütz auf Ver 
anlassung des Landgrafen Moritz auf dem Gymnasium 
Mauritjanum erzogen, hier weilte er später als 
Prinzenerzieher; in Marburg studierte er zunächst die 
Rechtswissenschaften, bis fein Gönner ihm eine Stu 
dienreise nach Venedig ermöglichte. Sie war für seine 
musikalische Entwicklung entscheidend, lernte er doch 
hier den neuen italienischen Stil in der Musik, die 
Kunst des seelischen Einzelausdruckes kennen, die er 
dann später nach Deutschland brachte und mit der ge 
läuterten Tradition des alten strengen Satzes zu einer 
selbständigen deutschen Kunst paarte, so den Weg eb 
nend zu der unerhörten Blüte der deutschen Musik im 
Barock. 
Die Feier in Kassel, die von der neuen Heinrich- 
Schüh-Gesellschaft unterstützt wurve, umspannte meh 
rere Tage. Eingeleitet von liturgischen Vorfeiern und 
geistlichen Abendmusiken der Kasseler Kirchenchöre stei 
gerte sie über eine Gedenkfeier in der Landesbibliothek, 
bei der Herr Dozent Dr. H. Birtner, Marburg, die 
Rede hielt, zu dem großen Festgottesdienst in der Mar 
tinskirche am Sonntag, den 5. Mai, und dem wunder 
vollen Hauptkonzert am Abend dieses Tages unter 
Staatskapellmeister Dr. h. e. Robert Laugs. In Mar 
burg leitete Prof. Dr. Hermann Stephani die ein 
drucksvolle Feier in der Stadtpfarrkirche. Alle diese 
Feiern reihten sich würdig ein in die große Reihe der 
Veranstaltungen, die ganz Deutschland in einem leben 
digen Bekenntnis zu seinen großen Meistern vereinte. 
Wir werden die Rede, die Herr Dr. Birtner in 
Kassel hielt, demnächst zum Abdruck bringen, um auch 
zu unserm Teil dazu beizutragen, im Hessenoolke Ver 
ständnis, Liebe und Verehrung zu Heinrich Schütz, dem 
Wegbereiter einer neuen deutschen Kunst, zu fördern 
und zu vertiefen. 
Kasseler Kunstverein. - Einweihung des Landarafenhaufes. 
Das Kasseler Kunst leben beging am 12. 
Mai einen großen Erinnerungötag. Der Kunstverein 
kann auf eine 100jährige Tätigkeit im Interesse der 
Kasseler-hessischen Kunstpflege zurückblicke». Es 
war ein Akademieprofessor, Friedrich Müller, 
der die Anregung gab und die Vorbereitungen schuf für 
das Entstehen eines Kunstvereins. Das Protektorat 
übernahm der Kurprinz und Mitregent. Im Jahre 
1833 trat der Kunstverein ins Leben. 
Die enge Verbindung zwischen Kasseler Kunst 
akademie und Kunstoerein ist in Kassel immer geblie 
ben. Ueber die wechselvolle Geschichte des Kasseler 
Kunstvereins liegt ein inhaltsreiches Büchlein vor: 
Hundert Jahre k u r h e s s i s ch e r u n d Kas 
seler K u n st 0 e r e 1' n , von Helmut C r a m m , 
das einen außerordentlich fesselnden Einblick in das 
Ausstellungswesen und überhaupt die Kunstpflege in 
Kassel gewährt, die ja zu gleicher Zeit ein 2 lbbild des 
Wechsels der politischen, wirtschaftlichen und kulturel 
len Verhältnisse ist. Oie Jahrhundertfeier wurde in 
Kassel festlich begangen. Das Kunsthaus am Stände 
platz ist jetzt ganz den Bestrebungen des Kunstvereins 
gewidmet, während früher die Ausstellungen nur in 
einem Saal des Hauses stattfanden. Die Stadt Kassel 
hat das ganze Haus dem Kunstoerein zur Verfügung 
gestellt. 
Bei der Eröffnungsfeier, bei der Oberbürgermeister 
Dr. Lahmeyer, der Vorsitzende des Kunstvereins Ban 
kier Dr. Earl Pfeiffer, Ministerialdirektor v. Keudell 
für das Propagandamim'sterium, sowie Professor Thor- 
mälen, der Eustos der Staatl. Sammlung, das Wort 
ergriffen harren, übernahm der Oberpräsident der Pro 
vinz, S. kgl. Hoheit Prinz Philipp von Hessen, die 
Schirmherrschaft, ei» Nachkomme der Landcsfürstcn, 
die Kassel einst zu dem machten, was es heute noch ist. 
Das Kunsthaus wurde eröffnet mit einer Ausstellung 
in sämtlichen Räumen: Hessische Kunst 1835—1933, 
über die ein reich bebilderter Katalog vorliegt. Dieser 
Ausstellung, von der ein kleiner Raum dem Kunst- 
handrverk gewidmet ist, gibt einen kleberblick nicht nur 
über die hessische Malerei, sondern bringt auch 
überhaupt Bilder von Malern, die in den letzten hundert 
Jahren in Hessen gemalt haben. Oie Aufgabe ist 
ziemlich weit gefaßt, allerdings werden von jedem 
Maler nur wenige Bilder gezeigt. Das gilt insbeson 
dere von den hessischen Malern, die in der letzten Zeit 
durch Sonderausstellungen in Kassel hervorgetreten 
sind. Es würde zu weit führen, den Inhalt dieser reich
        

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