Full text: Hessenland (46.1935)

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auch die deutschen, zeigen in ihrer Geschichte Zei 
ten des politischen Hochschwungs unv solche des 
Verfalls; immer aber, wenn sie dem Verfall nahe 
waren, haben sie sich wieder aufgerichtet, ja sie 
haben gerade dann glänzendes geleistet. Wie ist 
aber diese Anschauung vereinbar mit der oben 
vorgetragenen, wonach die Germanen grundsätz 
lich staatsunfähig seien? Offenbar hat sich Voll- 
graff allzusehr von den Eindrücken, die er un 
mittelbar aus seiner Zeit erfuhr, leiten lassen: was 
geschichtlich-einmalig war, galt ihm, der in seinem 
theoretischen Schema befangen war und eine 
Bruchstelle hierin nicht leicht zugegeben hätte, als 
unabänderlich. Sicher barg die trostlose Politik 
des kleinstaatlichen Deutschland im Vormärz, barg 
die unpolitische und sportfremde Lebensform des 
Biedermeier (die schwer auf Vollgraff gelastet 
haben muß), eine Fülle von Erlebnissen und Ein 
drücken, die zum Pessimismus berechtigten; derart, 
daß manche Teile von Vollgraffö Werken mit 
kaum weniger Recht als die Lehre vom „Unter 
gang des Abendlandes" gedeutet werden könnten 
als dies bei dem bekannten Werke zutrifft. Wie 
derum aber ist es das raffe- und volkmäßige Emp 
finden, das uns den Schlüssel für fraglose Wider 
sprüche in Vollgraffs Werk bietet: denn wann 
allein ist nach Vollgraff ein Volk und Staat 
endgültig verloren? Nicht, wenn er im Kriege 
unterlag, wenn er Fremdherrschaft dulden mußte, 
sondern nur dann, wenn Rasse und Volk sich 
selbst aufgegeben haben, wenn Rassekreuzungen 
und falsche Bevölkerungspolitik (Geburtenrück 
gang!) herrschend wurden. Auf diesem Gebiet 
allein entscheiden sich Völkerschicksale; hier aber 
haben Volk und Staat ihr Schicksal selbst in der 
Hand! Scharf lehnt Vollgraff deshalb Mifch- 
ehen ab und den Juden will er nur die bürger- 
Vom Kasseler Gkaatstheater. 
Mit dem Beginn der neuen Spielzeit im 
August dieses Jahres wird das Kasseler Thea 
ter, das seit 1932 in städtischer Verwaltung ge 
standen hat, vom Preußischen Staat wieder 
übernommen und als Preußisches Staats- 
t h e a t t r dem Ministerpräsidenten Hermann 
Göring und der Generalintendanz in Berlin un 
mittelbar unterstellt. 
Diese begrüßenswerte Neuordnung der Dinge 
ist mehr als ein nur äußerlicher, verwaltungs 
mäßiger Vorgang, sie greift vielmehr tief in das 
künstlerische Leben dieses für Kurhefsen so wichti 
gen Kunstinstituts ein. Eine grundlegende Neuge- 
staltimg des Ensembles mit wesentlichen Verän- 
lichen, nicht die politischen Rechte eingeräumt 
wissen. 
Gewiß klingt es wiederum pessimistisch, wenn 
in der Allgemeinen Deutschen Biographie (40. 
Band, wo übrigens einige Daten unrichtig 
wiedergegeben find) Vollgraffö Anschauung wie 
folgt zusammengefaßt wird: Auf die Frage, was 
das Menschenreich jetzt noch sei, habe er geant 
wortet: „Ein colossales Trümmerfeld! Denn es 
werde gebildet 1. aus längst verfallenen Völkern, 
2. aus Unterjochten, 3. aus solchen, denen fremde 
Sprache und Kultur aufgenöthigt sei, 4. aus 
einem gekreuzten Mulattengeschlecht." Aber, 
und das wurde in jener Onelle vergessen, Voll 
graff hat sich nie bei solch negativer Feststellung 
begnügt, hat immer die noch vorhandenen Kräfte 
zur Erneuerung aufgegriffen und aufgerufen. 
Was hier zusammengetragen wurde, ergibt ein 
kärgliches und nur gröbste Umrisse berücksichtigen 
des Bild. Einiges weitere mag man dem 
oben genannten Schrifttum und der erwähn 
ten Arbeit des Verfassers entnehmen. Jmmerhiu 
gründet sich das Vorgetragene auf gewissenhafte 
Bearbeitung von Vollgraffö gesamtem Schrift 
tum und auf Kenntnis seiner Lebensumstände. 
Daß dies Schrifttum alles andere wie eine leichte 
Lektüre ist, wurde ausgesprochen. Gobiueau's 
glänzende, geschliffene Sprache darf man in ihm 
nicht suchen. Wer aber durch eine sehr rauhe 
Schale zum Kern des deutschen Vverks durch 
dringt, wird nicht nur den Gelehrten bewundern 
und den glühenden Patrioten lieben, sondern auch 
den Mann erkennen, der seiner Zeit vorauseilte, 
in ihr unverstanden bleiben mußte und gerade des 
halb den Nachkommen Lehrer und Führer sein 
kann. 
derungen im Orchester-, Ehor-, Ballett- und 
Bühnenapparat wird in Zukunft die künstlerische 
Höhenlage gewährleisten, für deren Behauptung 
zudem der neue Intendant Dr. U l b r i ch alle 
persönlichen und sachlichen Voraussetzungen mit 
bringt. 
Ein Rückblick auf die vergangene Opernspielzeit 
des Kasseler Theaters läßt ein wirkliches Hochge 
fühl nur in bescheidenem Maße aufkommen. 
Zwar erlebte man auf dem Gebiet der großen 
Oper Spitzenleistungen. Richard Wagners 
„Rienzi", „Tristan", „Rheingold" und „Wal 
küre", dazu Richard Straußens „Elektra" und von 
erst- und uraufgeführten Werken Kempffs „Fa-
        

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