Full text: Hessenland (46.1935)

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richtung tat. Dennoch treten bei den beiden wich 
tigsten Forschern der romantischen Staatöwifsen- 
schaft, C. L. von Haller und Adam Müller, 
anvere Gesichtspunkte in den Vordergrund: die des 
politischen Katholizismus. Es ist noch zu wenig 
beachtet, daß die Vertreter der Romantik in Lite 
ratur und Kunst zu einem ganz großen Teile zum 
Katholizismus übergetretene Protestanten gewesen 
sind (man denke nur an Fr. Schlegel, an die Na 
zarener u. a.). 
Dieselbe Erscheinung trifft aber auch fiir die 
StaatSwifsenschaften zu, denn die erwähnten Ver 
treter der Romantik, Mmller und Haller, waren 
(das Wort ohne irgendwelchen Nebengeschmack 
gebraucht) Konvertiten. Vollgraff, der reformiert 
war, hat diese Richtung nicht mitgemacht. Es 
ist völlig irrtümlich, wenn ihn der — vom Juden 
tum zum Protestantismus übergetretene — 
Staatsrechtslehrer Stahl der „Hallerschule" zu 
rechnet. Im Gegenteil: bei aller Bemühung, 
auck dem Katholizismus gerecht zu werden, blieb 
Vollgraff seiner Kirche treu, und wenn er ge 
legentlich anvere als protestantische Auffassungen 
einfließen ließ, so waren sie -eher so, daß ans ihnen 
etwas wie Pietät für altgermanisches Wesen zu 
lesen ist. So meint er, die Germanen hätten das 
Christentum durch ihre Frauen empfangen. „Die 
Frage, was wohl aus den germanischen und nordi 
schen Völkern geworden wäre, wenn ihnen ihre 
Nationalveligion . .. geblieben wäre, ist nicht so 
müßig, wie es scheint." An anderer Stelle be 
tont Vollgraff, das Christentum habe bei den 
Germanen erst Fuß fasten können, als „ste sich 
ausgetobt, ihre Kraft sich konsumiert hatte". Es 
wäre aber irrtümlich, diese und andere Stellen 
zu verallgemeinern. Im ganzen ist Vollgraff 
stets für das eingetreten, was heute „positives", 
oder „praktisches" Christentum heißt. Dem 
„romantischen" hat er ein „heroisches" Staatö- 
iveal gegenübergestellt. Damit find wir aber 
schon in die Würdigung seines Werks eingetre 
ten, die nun, soweit es der Raum und die Schwie 
rigkeit der Mmterie zuläßt, fortgesetzt werden soll. 
III. 
Einen „Deutschen Prometheus" nennt Voll 
graff ein Mann, der wohl das größte Verdienst 
um ihn sich erworben hat: der Würzburger 
Staatsrechtslehrer Joseph Held. Ilm so mehr 
müssen wir dies Verdienst anerkennen, als Held 
von der katholischen Weltanschauung herkommend 
manches ausräumen zu müssen glaubte, was ihm 
an Vollgraff unerträglich schien: so dessen „Ma- 
terialismus", der sich aber, im Grund genommen, 
in etwas auf den Prädestinationsglauben des Re 
formierten und auf eine, Vollgraff eigentümliche, 
naturphilosophische Ilnterbauung der StaatS- 
wistenschaft zurückführen läßt: hier kommen wir 
wieder auf Vollgraff als Rastentheoretiker zu 
sprechen. Nicht das unendlich viele Einzelne, das 
er aus der gesamten (vor allem auch französisch- 
englischen) Litergtur der Zeit als Beleg seiner 
Auffassung zusammentrug, ist heute noch wichtig, 
das allermeiste hiervon wird sogar überholt sein. 
Vielmehr entscheidet die Tatsache, daß Vollgraff 
die Raste als den unbedingten, konstanten, in alle 
Fragen des Volkes, des Staates und der Ge 
sellschaft unerbittlich einschneidenden Grundfaktor 
geschichtlichen, zeitgeschichtlichen und zukünftigen 
Geschehens hinstellt. Damit, so meint Held im 
Vorwort zu der von ihm mit großer Treue be 
sorgten Neuausgabe des Hauptwerks (des „Neuen 
Versuchs in der „Polignoste und Polilogie" 
gipfelnd), fei doch der göttlichen Vorsehung vor 
gegriffen. Man steht, ein zeitgemäßes Problem, 
wie ja fast alle, unsere Zeit bewegenden Fragen 
bei Vollgraff vorweggenommen erscheinen! Nun 
aber ein Einwand, der, wenn ihm stattzugeben 
wäre, Vollgraff unserem Zeiterleben wieder weit 
entrücken müßte: 
Im Vorwort zum „Frühwerk" (den „Syste 
men der praktischen Politik im Abendlande") 
meint sein Verfasser: 
„Es erfordert die Lektüre dieses Teils starke 
Leser, M ä n n e r, welche die Wahrheit z u 
ertragen vermögen; denn ich gestehe noch 
einmal, mich selbst erschreckt jetzt die hier und da 
starr uno nackt hingestellte Wahrheit." lind er sei 
doch nicht, wofür man ihn halten könnte, ein 
„Nlenschenhafser oder gar Vertheidiger des Des 
potismus", vielmehr ein „rechter Vertheidiger 
der Volksrechte"! 
Vvas hat Vollgraff zu dieser Selbstverteidi 
gung veranlaßt? — Dies war seine Meinung, 
wonach die Völker seiner Zeit, vor allem die Ger 
manen und Slawen, unfähig seien, einen Staat 
zu bilden; sie seien, im Gegensatz zu den von ihm 
eingehend und liebevoll dargestellten antiken Völ 
kern, „staatszentrifngal", nicht „staatszentripetal". 
Sie seien „Haus- und Familien-, nicht Staats 
völker". — Wäre nun diese Anficht nicht durch 
das Schrifttum ihres Autors selbst widerlegbar, 
so würde, bei aller Anerkennung der großen Lei 
stung, doch kaum von ihr ein Beitrag zur Gegen 
wart erwartet werden können. 
Die Widerlegung ist aber möglich und gründet 
sich auf folgende, durch das ganze Wierk hin be 
legbare Grundgedanken: Staaten und Völker,
        

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