Full text: Hessenland (45.1934)

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Das mißtrauische Volk hatte fast überall die 
Häuser verriegelt. Weder die geringste Er 
quickung, noch ein Nachtlager, ja nicht einmal 
Pferde zum schnellen Fortkommen in einen 
ruhigeren, gastlicheren Strich waren in den Post 
häusern zu bekommen." Die Reisenden waren 
bisher zu Fuß gewandert. „Auf der letzten Station 
vor Mmrburg fügten wir uns in die ordinäre Post 
ein, mit der Offiziere und Professoren aus Mar- 
burg fuhren. Es ist dort gewöhnlich, daß auch 
Leute von Distinktion stch der ordinären Post be 
dienen, denn man kommt mit ihr ebenso leicht und 
schnell fort wie mit Extrapost, und unsre Schlaf 
mützen von Postillions könnten dort fahren lernen. 
Hierzulande kann es freilich niemandem zugemutet 
werden, daß er stch langsam von unten auf soll 
rädern lasten. Der Menschenschlag übrigens die 
ser Gegend scheint mir eben nicht der schönste. Zu 
mal unter dem Bauernvolk gibt es eine RUenge 
häßlicher Gefichter, die 2 Deiber haben rohe, 
plumpe, widrige Züge und eine abscheuliche 
Tracht. Dieser unschöne Menschenschlag scheint 
stch bis auf die Bergstraße verbreitet zu haben, 
selbst in diesem himmlischen Erdstrich steht die 
RUenschenform in wenig Einklang mit der hesfi- 
schen Natur; die Männer passen eher, aber die 
Weiber haben, wie in Hessen, plumpe Glieder 
und rohe Züge. Erst in Heidelberg und der Ge 
gend um diese herrliche Stadt scheint sich der 
Mißlaut der Menschenform in Harmonie mit der 
unvergleichlichen Gestalt der Natur zu lösen; ein 
südlicher Hauch verklärt hier schon den Menschen 
schlag, selbst in den sogenannten niederen Klassen. 
Über M a r b u r g als Universität kann ich nichts 
sagen, der Nausen Stimme schwieg in der kriegeri 
schen Unruhe dieser Tage, und überdem waren 
Ferien. Daß unter den hiesigen akademischen 
Lehrern einige vortreffliche Namen glänzen, ist 
bekannt. Doch scheint die Kunde von dem neuen 
großen Tage der Wissenschaft noch nicht hierher 
gedrungen. Das wird den weniger wundern, wer 
bedenkt, daß eö selbst in jenen Gegenden, von 
wannen jene besseren Ansichten größtenteils aus 
gingen, noch Universitäten gibt, wo man von dem 
hellen Tage nichts weiß oder nichts wissen will 
und wo man den alten Sauerteig immer noch 
knetet und verbäckt. Die Stadt Marburg 
übrigens ist, wie das Volk der Gegend, häßlich 
gebaut, hohe Häuser mit überragenden Stockwer 
ken und enge, krumme Straßen. Die Lage der 
Stadt aber ist malerisch, zumal von der Seite auf 
Gießen zu nimmt sie sich herrlich aus auf dem 
Berge, mit üppigem Grün wie ein heiteres Ge 
mälde eingefaßt." 
Zum Schluß noch eine Reiseschilderung aus 
dem folgenden Jahr, die einen Hessen zum Ver 
fasser hat, nämlich den Dr. jur. Philipp Ferdinand 
Brede, der 1781 in Kassel als Sohn eines Gast 
wirts auf der Oberneustadt geboren wurde, aber 
schon 1807 starb. Er unternahm im Jahr 1605 
eine Reise nach Paris, um sich das dort angesetzte 
Siegesfest mitanzusehtt. Den Niederschlag die 
ser Fahrt bildet die in seinem Todesjahr 1607 in 
Göttingen erschienene „Reise durch Teutschland, 
Frankreich und Holland im Jahr 1806", die er 
seinem Paten, dem Kasseler Ratsschöffen Seche- 
haye, widmete. Seine Reise beginnt natürlich in 
Kassel. „Schnell flogen wir vor dem letzten 
Wirtshause „der letzte Heller", der letzten zur 
Stadt gehörigen Wohnung, vorüber. Mancher 
fechtende Handwerksbursche mag hier wohl aller 
dings den letzten Deut fitzen lasten, um bei seiner 
TLanderschaft nach der Stadt durch äußeren Geist 
den inneren zu stählen. Hinter der sogenannten 
Knallhütte *) verloren wir Kassel aus dem Ge 
sicht. Doch sahen wir noch immer zur Rechten 
auf dem dunkelbläulichen Habichtöwalde das rie 
senartige Oktogon mit seinem kolossalen Herkules 
wie einen ungeheuern grauen Felöblock hervor 
ragen. Eö ist ein wahres Vergnügen, auf so guten 
Wegen zu fahren, wie unter andern die kurhesst- 
schen Ehausteen find. Doch find auch sie nicht 
allenthalben so beschaffen, wie die Mrnge und 
Güte des erforderlichen Baumaterials erwarten 
ließe; doch fehlt es ihnen an MAlenzeigern und 
Ruhebänken, wodurch sich die hannöverischen Land 
straßen auszeichnen, und an vielen Stellen an 
Fußwegen, Gräben und Obstbäumen. Außerdem 
find die Seitenwege desto schlechter und mitunter 
gefährlicher, und die Nachsicht der Regierung ist 
in dieser Hinsicht ebenso unbegreiflich als die 
Trägheit und Gleichgültigkeit der Bauern, da es 
doch ausgemacht ist, daß gute Kommunikations 
wege eine wahre Wohltat für ein Land find. 
Einen widerlichen Anblick gewährten mehrere 
unbebaute Heidestrecken an der Straße. Wird 
man nicht bald erwachen und in Ansehung dieser 
großenteils nutzlosen Triesche eine allgemeine 
zweckmäßige Maßregel ergreifen? Man weiß, daß 
die Bevölkerung im Steigen begriffen ist und 
stch, trotz der vielen Auswanderungen, mit ihr die 
Konsumption täglich mehrt, man weiß, daß wilde 
Landstriche urbar machen Provinzen erobern heißt, 
und dennoch zaudert man, dem kindischen Eigen 
sinn einzelner Kommunen zu steuern und das Wohl 
aller dem eingebildeten Vorteile einiger Individuen 
vorzuziehen. 
1 ) Liefe Zitierung der Knallhütte 1806 beweist, daß sie 
ihren Namen nicht erst nach dem späteren Gefecht an der 
Knallhütte erhalten haben kann.
	        

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