Full text: Hessenland (45.1934)

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ging nach Willingshausen in das ihm genannte 
Haus, wo er nach dem Annemargret fragte. Die 
Eltern sagten, es sei mal fortgegangen, er solle 
fich setzen, es käme gleich wieder. Dazu hatte er 
aber keine Ruhe, er wartete vor dem Hause in 
der Dunkelheit auf das Mädchen. 
Bald kam auch ein Mädchen auf das Haus 
zu und er fragte sie, ob sie das Annemargret sei, 
er wäre der Hans Hinrich Kalbfleisch. Als das 
NTadchen sagte, sie sei die, die er suche, ant 
wortete er: „Mädchen ich sehe Dich nicht, aber 
an Deiner Stimme höre ich, daß Du die mir von 
Gott Befohlene bist, willst Du meine Frau wer 
den?" Womit das Mädchen auch sogleich ein 
verstanden war. Als er mir dies erzählt hatte, 
sagte ich: „NTeister, das hat ja keine Viertel 
stunde gedauert, da wart Ihr schon einig". „Was 
e Viertelstunn?" antwortete er, „Kee finf Mi 
nute hat vas gedauert". 
Das Annemargret war eine ganz ausgezeich 
nete Frau und Mutter geworden, die auch lange 
Jahre den Handarbeitsunterricht in der Schule 
gab. Die Ehe war mit Kindern gesegnet. Von 
den vier Söhnen wurde einer Schuhmacher, einer 
Schneider, einer Metzger und Leineweber und 
einer Blechschmied, und der Vater war stolz 
darauf, dem Dorf so viele tüchtige Handwerker 
geschenkt zn haben. 
Äußer von mir selbst, wurde er auch mehrfach 
von meinen Schülern gemalt, wobei er dann die 
einzelnen Arbeiten in der Pause kritisierte. War 
er damit durch, so sagte er: „Mer wunn widder 
oafange, es muß was geschafft sein". Faulenzer 
konnte er nicht leiden und schimpfte sie tüchtig 
ans. Von einem solchen sagte er mal: „Wann 
das mein Jung' wär', der kriegt aber Schmiß!" 
Beim Malen stand er meist in heißer Sonne, 
hatte aber von früh 4 Ahr an . schon „gewebe", 
und wenn er gerade eine Steige Leinwand fertig 
hatte, so trug er die auch noch in der Mittags- 
Hitze auf dem Rücken nach Treysa. Donner 
wetter, was warew das für kernige Menschen! 
Seine Grübelei zeigte fich mal in einer Äuße 
rung mir gegenüber. Ich begegnete ihm auf der 
Dorfstraße, wo er unvermittelt mich fragte: 
„Glaube' Sie an Gespenster?" und als ich ant 
wortete: „Ihr seid wohl nicht recht gescheit 
Meister" drehte er fich um mit den Worten: 
„Dann glaube Se auch nit an Gott!" und ging 
weiter. Alles Übersinnliche war für ihn eins. 
Uber Gespenster, Gesichte haben und sich Melden 
ferner Angehöriger in Not hatten die Männer 
beim Malen vor der Kirche auch ab und zu ge 
sprochen, besonders der alte Kalbfleisch, meist aber 
unterhielten sie fich von ihrer Militärzeit und von 
häuslichen Verhältnissen. Hätte jemand diese 
Gespräche aufzeichnen können, so wären das aus 
gezeichnete Beiträge zur Volkskunde gewesen. 
Den alten Kalbfleisch, der 1911 achtundfiebzig- 
jährig starb, habe ich verehrt und geliebt. 
Der nächste links, vom Rücken gesehen, ist der 
alte Joh. Heinr. Corell, er war Schwälmer 
Butterhändler und hatte in jungen Jahren die 
Butter noch auf dem Schubkarren nach dem 63 
Kilometer entfernten Kassel auf den Wochen- 
markt gefahren und in hohem Alter noch schwerste 
Lasten Fallholz aus dem Walde nach Haus ge 
tragen. Auch er hatte gegen Frankreich mitge 
kämpft. Ein kraftvoller Mann von großer Ent 
schiedenheit im seinem Wesen. Schon seinen 
Vater hatte ich gemalt, wie später auch seinen 
Enkel und einen Urenkel. Ich kenne die Familie 
also in fünf Generationen. 
Die Werkstatt 
Prof. Bantzers 
in Willings 
hausen
	        

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