Full text: Hessenland (45.1934)

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wir durchstreiften das Land von Heiligenstadt über 
den Haustein, Allendorf a. Werra, Friedewald, 
Hersfeld bis Schlitz, ohne etwas zu finden, was mir 
vollkommen zugesagt hätte, während Wilhelm 
bereit gewesen wäre, an jedem dieser Orte zu 
bleiben. Er ließ mich aber nicht allein weiter 
ziehen, und wir machten nun einen großen Sprung 
bis Vvächtersbach, von wo aus wir die ganze Ge 
gend, die auch mir sehr gut gefiel, zu erkunden 
suchten. 
Am besten gefiel es uns in dem hoch gelegenen 
Töpferdorf Wittgenborn, am Fuße des Vogelsber 
ges, und wir beschlossen dort längeren Aufenthalt 
zu nehmen, zunächst aber noch einige Zeit in 
Wächtersbach zu bleiben, wo Ritter Architektu 
ren malen und zeichnen wollte. Wich selbst hielt 
ein malerisches altes Häuschen in dem jenseits der 
Kinzig gelegenen Dorf Aufenau fest, vor dem ich 
in der Dämmerung einen ruhenden alten Mann 
hatte fitzen sehen, der mit dem alten verfallenen 
Häuschen ganz eins war. Das gefiel mir so gut, 
daß ich ein kleines Bild davon malte. Nachdem 
wir unsere Arbeiten im Tal beendet hatten, zogen 
wir auf die Höhe. Ritter wohnte in dem an 
einem der großen Weiher schön gelegenen Weiher 
hof, ich selbst in Wittgenborn. 
Dae weite Landschaft auf dieser Hochebene 
war überall schön, in dem Dorf gab es malerische 
Menschen unter den Töpfern, die an den heißen 
Abenden jenes Sommers mit ihren Familien vor 
den Häusern saßen und mir mancherlei Anregung 
zu den von mir geliebten Feierabendsstimmungen 
gaben. Zn 2Dittgenborn malte ich keinen 
Feierabend, wohl aber in der eine knappe Stunde 
von da entfernten TLaldenserniederlaffung 2Val- 
densberg, wo ebenso wie in Aufenau ein einma 
liger Eindruck mich zum Malen eines kleinen Bil- 
veö veranlaßte. Behaglich ausruhend faß ein 
fchwarzbärtiger Mann in blauer Zacke und mit 
Holzschuhen auf einer kleinen Bank vor seinem 
Häuschen und neben seinem umzäunten Gärtchen, 
in welchem viele Feuerlilien blühten, die zusam 
men mit dem Blau der Zacke einen feinen Klang 
gaben. Außerdem malte ich einige Landschaften 
aus TLald und Feld. 
Wilhelm Ritter, der in seiner feinen Art al 
les was er sah, künstlerisch und reizvoll zu gestal 
ten wußte, trug seine Feldstaffelei immer nur 
einige Schritte aus dem TVeiherhof heraus und 
machte nach allen Seiten hin schönste Zeichnungen 
und Oelstudien. 
Als Ritter mit seiner Frau, die auch nach dem 
Weiherhof gekommen war, wieder nach Dresden 
zurückfuhr, zog es mich nach Willingshausen, das 
mir nach dieser Abschweifung schöner als je vor 
kam, und wo ich dann noch bis spät in den Herbst 
blieb. 
Zetzt und in den nächsten Zähren malte ich in 
Willingshausen nur Landschaften, zum Teil mit 
Figuren. 
Erst 1896/97 malte ich dort wieder ein grö 
ßeres Fignrenbild: Schwälmer Zugend beim 
Tanz. 
Zn Niederwalgern hatte ich einmal etwa 188z 
einen Kirmesabend erlebt, der das Tollste an aus 
gelassener Fröhlichkeit war, was man sich vor 
stellen kann. Alles war in taumelnder Freude, 
die Burschen warfen die leergetrunkenen Gläser 
hoch in die Luft, so daß sie am Bretterfußboden 
zerschellten, und in den Scherben stampften sie 
dann tanzend, singend und juchzend herum. Die 
Alten saßen trinkend und singend an ihren 
Tischen und auf leeren Tischen und Bänken 
standen die Kinder und sahen dem Schauspiel zu. 
Auf einem Leiterwagen, der unter einem großen 
Apfelbaum stand und über den zeltartig ein Wa 
gentuch gespannt war, saß die Musik, aus der 
die jubilierende Clarinette alles andere übertönte. 
Hinter dem Ganzen baute sich das Dorf mit sei 
ner hochgelegenen Kirche auf. 
Dieses Erlebnis machte zwar einen sehr star 
ken Eindruck auf mich, aber ich war zu jener 
Zeit nicht in der Stimmung, einen solchen Vor 
gang zu malen. Es ließ mich aber nicht los, und 
als ich nach vielen Zähren mich imstande fühlte, 
eine solche Fröhlichkeit innerlich selbst mitzuerleben, 
wollte ich den Kirmeöabend malen. 
Mein Arbeitsgebiet war inzwischen die 
Schwalm geworden und ich hoffte dort auf den 
Kirmessen etwas Ähnliches wie in Niederwalgern 
zu erleben, aber vergeblich. Go viel Kirmessen 
ich auch besuchte, nirgends sah ich etwas, was an 
Niederwalgern erinnerte. An der Schwalm 
ging alles ruhiger und in gemessenen Formen vor 
sich, die vielleicht nur am Abend des dritten 
Kirmestages etwas freier wurden. 
Dagegen erlebte ich bei diesen Kirmesbesuchen 
etwas Anderes. Wenn der „Schwälmer" ge 
tanzt wurde, dieser alte aus mehreren Teilen be 
stehende Tanz mit den lustigen Weisen, die 
Freund Lewalter zum ersten Mal in Noten fest 
gehalten hat, dann war der Tanzplatz wie ver 
wandelt. Die Burschen juchzten und je nach 
dem Teil des Tanzes schwenkten sie die Mädchen 
in wirbelndem Tanz herum, daß die buntgesänm- 
ten Röcke hoch aufflogen, oder folgten stampfend 
und in die Hände klatschend dem tanzend sich 
drehenden Mädchen, worauf noch einige andere 
Formen des „Schwälmer" folgten. Die starken 
Bewegungen des „Schwälmer" ergaben, beson-
	        

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