Volltext: Hessenland (45.1934)

62 
linier Den jungen Mädchen bildet jeder Jahrgang 
das „Korps", das zusammenhält, seine Spinnstuben im 
Winter und im Sommer seine Spaziergänge in und um 
das Dorf macht, lind ähnlich hält immer die gleiche 
Bcchresklafse auch der jungen Burschen zusammen und 
gehört mit seiner Mädchenklasse bei allen Gelegenheiten 
zusammen. So, wenn im Frühjahr die Sumpfdotter 
blumen geholt werden, so, wenn man am Abend vor das 
Dorf geht oder am Sonntag am Waldrand seine 
Scherze treibt. Bis dann der Tag kommt, wo die zu 
sammengehörigen Paare ausgerufen oder die Mädchen 
unter den jungen Burschen versteigert werden, während 
die Mädchen selbst von ihren Kammerfenstern aus zu 
erlauschen suchen, wem sie am Abend zugesprochen sind. 
Bei der „Versteigerung" aber wird meist der Mädchen 
überschuß als ganzes dem letzten Burschen als „der 
Pferch" zugewiesen. Was aber bei der Versteigerung 
erlöst wurde, wurde noch am selben Abend im Dorf- 
wirtshaus den Weg aller Flüssigkeiten geschickt. 
Nun schloß sich ein Bild von der strengen Sommer- 
arbeit des Bauern an und wie sich die Steigerung der 
Arbeit auch in den Mahlzeiten und ihrer Besetzung 
spiegelt, angefangen von dem Kaffee mit Mus zum 
Frühstück im Winter bis zu dem reich mit Butter und 
Wurst besetzten Frühstürkstische in der Ernte. Wen» 
aber die Kartoffeln ausgetan find, dann wird eg Zeit, 
daß dag Haus völlig in Ordnung gebracht wird, denn 
die Kirmes ist vor der Tür. Die junge» Burschen 
wählen ihre „Platzburschen", sie kaufen oder besser kauf 
ten in der nahen Stadt das Bier ein, wobei natürlich 
dessen Güte schon beim Einkauf geprüft werden mußte. 
War doch das Bier früher dag einfach gebraute „ordi 
näre Bier". — Die Kirmes begann dann gewöhnlich in 
der Woche, in welcher der 18. Oktober lag, am Donners 
tag abend. Am ersten Kirmestage trugen dann die 
Mädchen den Schmuck ihrer Kleider, Platten, Strumpf 
bänder usw. in grün und silber, am zweiten Tage, dem 
Höhepunkte des Festes, in rot und gold, während am 
dritten Tage schon dag violett herrschte und überhaupt 
die leuchtenden Farben vornehmlich nur in den Stunden 
von zwei bis vier iihr am Mittag gezeigt wurden. Am 
Montag wurde die Kirmes unter der Linde begraben. — 
Langsam trat der Winter in sein Recht, der früher noch 
die harte Arbeit des Dreschens kannte. Weihnachten 
mit seinen Geschenken war nur für die Kinder oder die 
Burschen, die ihren Mädchen an diesem Tage Pantof 
feln schenkten. Dann kamen die „Schätzetage", die 
Tage, an denen der Lohn an das Gesinde ausbezahlt 
wurde und ein Mietkontrakt erneuert oder neu gemietet. 
Fälschlich hat sich die Bezeichnung heute in „Scherze 
tage" gewandelt und der Treysaer „Schätzemarkt" in 
einen „Scherzemarkt". Inr Winter trat auch die 
Spinnstube in ihr Recht und gegen ihr Ende lagen der 
„Wurstball" und die „Lange Nacht". Nicht zu ver 
gessen im Winter ist aber auch dag Schlachten mit seinen 
Scherzen und Freuden. 
Rednerin gab dann noch ein Bild einer Schwälmer 
Verlobung mit Weinkauf und Hochzeit. Es würde hier 
zu weit führen, all den symbolischen Einzelheiten nach 
zugehen von dem Augenblicke an, wo der Freiersmann 
auf dem Hofe der Erkorenen Umschau hält bis zu dem 
Augenblicke, wo mit dem reich beladenen Kammerwagen 
der Hausrat der jungen Frau in dag Haus des Mannes, 
der (Schwiegereltern, vielleicht im Nachbardorfe, gefah 
ren wird. Besonderes Interesse weckte natürlich die Be 
schreibung des Brautschmuckes, der von dafür besonders 
eingelernten Frauen der Braut angezogen wird und 
außer dem gestickten „Brett", das vor dem Mieter ge 
tragen wird, eine Unmenge grüner und violetter Bänder 
erfordert, die alle angesteckt werden, so daß ein Braut 
schmuck über 500 Stecknadeln erfordert. Ferner gehört 
dazu die schwere Brautkrone mit den Glasperlen, wäh 
rend der Bräutigam die „Lust", einen Strauß^ aus 
Glasperlen, am schwarzen Kirchenrock trägt. Sollte 
aber das Erstgeborene der jungen Ehe sterben, so wird 
ihm der ganze Brautschmuck der Mutter mit ins Grab 
gegeben. 
Rednerin wußte noch ihren so reichen Vortrag durch 
eingestreute Kinderreime und Liederverse zu würzen. 
Reicher Beifall dankte ihr. Dann schloß sich der Sing 
kranz der „Frauenkultur" mit zwei Liedern an, deren 
erstes aus dem Böhmischen Deutschtum stammte, wäh 
rend das zweite ein Lob des Bauernstandes war. Auch 
hier dankte starker Beifall, den Landesbibliotheksdirektor 
Dr. Hopf noch einmal unterstrich, dabei besonders be 
tonend, welche Aufgabe dem deutschen Bauerntum in der 
Erneuerung des Vaterlandes zufalle und welchen Wert 
bäuerliche Sitte für Gegenwart und Zukunft unseres 
Volkes besitzen. 
Zweigverem Gelnhausen. 
Am 20. November 1-933 veranstaltete der Geschichts 
oerein Gelnhausen einen Vortragsabend über die Frage: 
„Was will unser Geschichtsverein?" Die grundlegenden 
Ausführungen behandelte Herr Lehrer Stark, Wirt- 
heini. Als Teilnehmer an dem heimatkundlichen Lehr 
gang im Marburger Institut für „Geschichte und Lan 
deskunde von Hessen und Nassau", konnte er mitteilen, 
daß der Verein ganz im Sinne der neuen Zeit und des 
dritten Reiches gewirkt hat und weiterzuwirken an dieser 
Zeitwende bestrebt ist. V" sinniger Weise ging der Red 
ner auf das erste Kapitel des Werkes „Einführung in 
die Politik", des Oberregierunggrateg im Reichspropa 
gandaministerium, Dr. Wilhelm Ziegler ein, in dem ^ei 
Begriff Land und Leute im Sinne der Geschichts 
entwicklung der jüngsten Tage durch den neuen Gleich- 
klang Blut und Boden ergänzt wird. Als gebür 
tiger Gelnhäuser hat der Oberregierunggrat Dr. Ziegler 
für die Geschicke Gelnhausens stets Interesse gehabt, 
sodaß es für den Vortragenden angebracht erschien, stch 
mit diesem tiefgründigen Werk zu beschäftigen. Der 
Geschichtsverein Gelnhausen betrachtet Stadt und Kreis 
Gelnhausen als sein Arbeitsgebiet und läßt durch wür 
dige Vertreter die verschiedenen Sparten seiner frei 
willigen Aufgaben betreiben, und ist bestrebt, die Ge 
schichte der Heimat in dem Sinne zu erforschen und ihr 
Verständnis der Öffentlichkeit näher zu bringen, wie er 
ini Marburger Institut beim heimatkundlichen Lehr 
gang dargestellt wurde. Der Redner verwies dann auf 
einzelne Abschnitte des Buches „Mein Kampf", und 
zeigte damit, wie der Führer des deutschen Volkes für 
die Errichtung des neuen Staates stets die geschichtliche 
Verbundenheit der Menschen mit dem Heimatboden als 
Grundlage betrachtete. 
Don den einzelnen Sondergebieten, die im Verein be 
arbeitet werden, sprach Herr Tierarzt Lin dem an» 
über die „Zeugen der Vorgeschichte in unserem Heimat 
kreise", die zahlreicher sind als man bisher denken 
konnte und deren Studium uns noch mit manchen über 
raschenden Resultaten bereichern wird. Er nahm Bezug 
auf die neuern vorgeschichtlichen Funde in der Nähe 
von Neuses und auf eine Reihe von Flurbezeich- 
nnngen in verschiedenen Gegenden des Kreisgebietes, 
dren Deutung an die Vorgeschichte erinnern. 
Herr I. Kreuter berichtete dann über die Einrich 
tung des vom Verein gegründeten Heimatmuseums und
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.