Full text: Hessenland (45.1934)

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So kam der Tag heran, an dem Vater Bast bett 
lägerig wurde. Diesmal war's ernst. Bleich und zum 
Geriffel (Knochengerüst) abgemagert lag er zwischen 
dem Bettzeug und schläbchte (rang) nach Luft. 
Jost besuchte ihn jeden Tag mehrmals, und auch des 
sen Frau tat, wag in ihren Kräften stand. 
Eckerd und seine Frau dagegen ließen sich selten sehen 
und wenn das geschah, merkte jeder, daß es den Zweck 
verfolgte zu beobachten, ob die „Last" nicht bald ab 
kratzen werde. 
Als Jost wieder einmal am Krankenbett seines Va 
ters saß, meinte der: „Ich bin — über 80 Jahr alt, 
diesmal — geht's zu End." 
„Vater, nian kann's nicht wissen, Ihr seht nur nicht 
gerade nach Sterben aus", begütigte Jost. 
„Alles recht, mein Jung, aber ich ich fühl's. Ich 
würd dir die paar Taler in dem Strumpf unter meinem 
Kopfkissen geben, aber ich hab 's Gemüt nicht dazu. 
Wenn ich mal tot bin, lang dir den Pack." 
Damit ging Jost fort. Kaum war er zur Haustür 
hinaus, klinkte sie Eckart auf. Mit wenigen Blicken 
übersah er, daß sein Vater einen heftigen Anfall hatte. 
„Der bringt das End", berechnete er. 
Und dann kam ihm ein teuflischer Gedanke. Er schob 
seinen Vater zur Seite und griff nach dem Strumpf 
mit den Geldstücken. 
In diesem Augenblick öffnete der alte Bast gelster 
(verstört) die Augen, merkte, was vorging, richtete sich 
mühsam und röchelnd auf und packte ebenfalls hastig 
nach dem Strumpf: „Eckerd nicht — — wenn ich 
tot bin. — — Jost . .. ." 
Da gab ihm Eckerd einen derben Stoß, daß der Alte 
zurücktaumelte. Die Aufregung hatte dem alten Bast 
den Rest gegeben, tot lag er da. 
Eckerd schreckte zusammen. Aber dann richtete er 
sich bolzenstrak auf, kramte in den wenigen Papieren 
seines Vaters und nahm triumphierend auch dessen 
Sparkassenbuch an sich. 
Zuletzt schlug er Lärm. Jost eilte herbei, und dann 
folgte ein peinlicher Zwischenfall. Als der alte Bast 
auf der Oberstufe auf Stroh gebettet lag, griff Jojt 
unter das verlassene Bettkissen seines Vaters und zog 
verblüfft und bedrückt die Hand zurück. „Eckerd, das 
Geld ist weg. Du hast's genommen?" keuchte er. 
„Gib mir's wieder", bat er fast. 
Der stritt das aufgebracht ab. Nicht viel fehlte, so 
wären die Brüder am Totenbett ihres Vaters tätlich 
geworden. Erregt standen sich eine ganze Weile die 
beiden hohen Gestalten gegenüber. 
Da zuckte Jost zusammen. Eckerd war immerhin sein 
leiblicher Bruder, wenn er ihn auch für den Dieb hielt. 
Noch an demselbn Tag mußte die Haushälterin das 
Ellerhaus verlassen. Die ging zwar, was sie aber 
geifernd im Dorfe verbreitete, klang nicht nach Lob. 
Jedem machte sie wortreich klar, was für ein verhun 
gertes Chor Eckerdsbaste seien. 
Das Begräbnis des alten Bast wurde mit allem 
Pomp seines Standes begangen. Die Leute in Quell 
hausen rissen Mund und Nase auf und tuschelten: „Der 
Baste Eckerd, das ist 'mal ein guter Sohn!" In der 
Nähe und in der Ferne waren die Verwandten benach 
richtigt worden und eilten scharenweise herbei, dem 
„Vetter Eckerd" die letzte Ehre anzutun. Beim Leid 
mahl taten sie sich gütlich. Von wirklicher Trauer lie 
ßen sie nicht viel merken. Der Vetter Eckerd war alt 
und da müssen wir 'mal alle sterben. O ja. Das war 
das Leitmotiv beim Leidmahl. Die Lobrede des Pfar 
rers auf den fleißigen, braven Toten wurde gebührend 
umgepflügt und dem Kantor das Zeugnis ausgestellt: 
„Die Schulkinder haben 'mal schön gesungen!" 
Am Tag nach dem Begräbnis kam'g wieder zu einem 
heftigen Auftritt zwischen den Brüdern. Jost suchte 
nach dem Sparkassenbuch und auch dag war nirgends 
zu finden. 
In seinem Groll darüber sagte er Eckerd auf den 
Kopf zu: „Eckcrd, du hast's!" 
Der leugnete auch diesmal Stein und Bein und mur 
melte: „Ich glaub, Jost, du hast sie nicht all." 
Aber diesmal blieb er an einem Haken hängen. Jost 
eilte zur Kreissparkasse, um das Konto zu sperren. Ihm 
wurde gesagt, das sei bereits abgehoben. 
„Von wem?" brauste Jost auf. Der Direktor der 
Kreissparkasse gab den Bescheid: „Von Ihrem Bruder. 
Ich kenne ihn." 
Es kam auch diesmal zu einer gerichtlichen Aus 
einandersetzung und das Ende vom Lied hieß: „Laut 
Kaufvertrag fällt das zurückgelassene Vermögen des 
Eckart Bast sen. an dessen Sohn Jost. In diesem 
Vertrag ist nämlich ausdrücklich vermerkt: Nach mei 
nem Tode soll mein Sohn Jost meine sämtliche Hinter 
lassenschaft erben. Mein ältester Sohn Eckart ist be 
reits bei Übernahme des Gutes hinreichend abgefunden." 
Eckart Bast wurde verurteilt, die 1800 Taler, die er 
widerrechtlich in der Kreissparkasi'e abgehoben hatte, an 
Jost zurückzugeben. Es half ihm auch nichts, daß er 
sich mit dem langen Auszuggeben herausreden wollte. 
Unter vier Augen meinte der Amtsrichter: „Herr 
Bast, seien Sie ihrem Bruder dankbar, wenn er Sie 
nicht noch wegen des Verschwindens des Sparkassen 
buches belangt." 
Das tat Jost nicht des gemeinsamen Namens Bast 
wegen, aber von dem Gerichtstag an klaffte zwischen 
Jostebaste und Eckertsbaste Hof eine große Kluft. 
Jost fühlte und sagte zu seiner Frau: „Wer das Spar 
kassenbuch gemopst hat, der weiß auch todsicher, wo der 
Strumpf mit dem Geld hingekommen ist, wenn's ihm 
auch niemand zu beweisen vermag." 
Der Hader wurde mit jedem Jahr ärger, und als 
Jost so anfangs der 50 starb, brachte Eckerd die Hart 
köpfigkeit auf, bei dessen Leichenbegängnis mit seinen 
Angehörigen zu fehlen. 
2 . 
Die Zeit machte ihren Schlenderschritt. Auf schnee 
reichen Winter folgte ein blumenprangender Frühling, 
heiße Sommertage löste ein regnerischer Herbst ab. Der 
Quellbach rauschte sein Lied. Der Streit zwischen den 
Bastehöfen lohte weiter.... 
Bastjosts Sohn, der seines Vaters Namen geerbt 
hatte, wnrde 25 Jahre alt und heiratete auf Wunsch 
seiner Mutter Kurte Elg. Von Eckerdsbaste ließ sich 
weder auf den Handschlag (Verlobung) noch zur Hoch 
zeit jemand blicken.... 
Jostebaste Eller (Großmutter) wanderte den dunklen 
Weg aller Menschen. Eckerdsbaste nahmen keinen An 
teil daran.... 
Oer junge Bauer auf Josteburn Hof starb so um 
die 30 an der Auszehrung. Niemand von Eckerdsbaste 
bekümmerte sich darum.... 
Oie Tage des dritten Geschlechts schlugen ihre son 
nigen Augen auf. 
In Jostebaste Hof drückten Kleinjost und Kleinelg, 
die hatte der so früh Gestorbene hinterlassen, die NäS- 
chen an den Fensterscheiben platt und äugten auf den 
Quellbach, wie der Ästchen und Rasenstücke mit sich zu 
Tal führte, und durch Eckerdsbaste „junges Haus"
	        

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