Full text: Hessenland (45.1934)

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sen abgetretene Reichsburg Boyneburg diente. Mit 
ihrer Einverleibung war für Hessen wohl ein vorüber 
gehender, aber kein endgültiger Abschluß seines Vor 
dringens in das Werratal gekommen. Stellte doch die 
im Frieden von 1265 an Thüringen gefallene Wart 
burg den Mittelpunkt einer historischen Landschaft dar; 
mit der den Paß von Herleshausen sperrenden Bran 
denburg, die man wohl als Vorburg der Wartburg be 
zeichnet hat, bildete sie eine drohende Einfallspforte in 
das Hefsenlaud von Osten über den Thüringer Wald. 
Dazu kam noch von Osten her über das Bistum 
Würzburg die stete Bedrohung Hessens durch das Bis 
tum Mainz, dessen Bestrebungen, in Hessen in größe 
rem Umfang festen Fuß zu fassen, erst nach 2oojähri- 
gem Kampfe von Hessen endgültig beseitigt wurden. 
Hessen mußte hiernach notgedrungen sein Augenmerk 
auf das Gebiet der Grafen von Henneberg richten, wo 
sich ihm die meiste Aussicht bot, Einfluß zu gewinnen, 
durch den es sein eigenes Gebiet sichern konnte. 
War hiernach Hessen durch die Natur und die ge 
schichtliche Entwicklung des Landes in die wohlbegrün 
dete Notwendigkeit versetzt, seine unabweisbare Siche 
rung werraaufwärts zu suchen, so kamen ihm die na 
türlichen Verhältnisse der Herrschaft Schmalkalden 
hierbei durchaus entgegen. Denn sie blickt, am Süd 
westrande des Thüringer Walde gelegen, klar und deut 
lich nach der Werra, der alle seine Flußläufe zuströ 
men. Damit ist die natürliche Verbindung Schmalkal 
dens mit dem Werratal, sowie ferner durch eine alte 
Straße von Berka nach Rotenburg ins Fuldatal nach 
Hessen und von hier ins Stromgebiet der Weser gege 
ben. Seine, des Werratals, durch Henneberg geschaf 
fene Verbindung nach dem Süden ruht rein auf dyna 
stischer Grundlage, konnte sich daher in der weiteren ge 
schichtlichen Entwicklung gegen die natürliche mit 
Hessen nicht behaupten. Es konnte freilich von einer 
Ausnutzung des Wasserlaufes der Werra nur in sehr 
bescheidenem Maße die Rede sein. Aber doch hatten 
schon frühe Versuche zur Schiffbarmachung der Werra 
stattgefunden. Der früheste Versuch dazu ist wohl der 
des Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen, des Ge 
mahls der Heiligen Elisabeth, vom Jahre 1220, der 
freilich ergebnislos verlief. Erft nach längerer Pause 
faßte Landgraf Moritz von Hessen den Plan, die 
Werra big Meiningen schiffbar zu machen, der aber 
an dem Einspruch der Anlieger scheiterte, die eine 
Schädigung ihrer Wiesen durch die, die Schiffe auf 
wärts ziehenden Pferde befürchteten. Bei einem 1651 
von Herzog Ernst von Gotha gemachten Versuch, mit 
kleinen Schiffen bis Wanfrid hinab zu fahren, ge 
lang dies zwar mit einem der beiden Versuchsschiffe, 
aber unter solchen Schwierigkeiten, daß man den Plan 
aufgab. Ein wichtiger Schritt vorwärts in ihrem 
Bestreben, sich an der Werra festzusetzen, gelang den 
hessischen Landgrafen durch die im Jahre 1387 erreichte 
Erwerbung von % von Schloß und Ort Barchfeld. 
Von gleicher Wichtigkeit war für Hessen, als 1^27 die 
Henneberger Grafen ihre den Eingang zur Herrschaft 
Schmalkalden beherschende Burg Todenwarth an die 
sich nun die Wölfe von Todenwarth nennende Familie 
der Wölfe zu Lehen gaben und damit unter hessischen 
Einfluß brachten. 
Es war aber nicht die Sicherung des hessischen Kern 
landes allein, die den Blick der Landgrafen auf die 
Herrschaft Schmalkalden lenkten. Der Holzreichtum 
des Thüringer Waldes, der sich auf der Werra leicht 
Verstößen ließ, und der Erzreichtum des Landes, der 
frühe zur Anlage von Waldschmieden führte, spielten 
dabei auch eine wesentliche Rolle. Zur Verfrachtung 
der Erzeugnisse des Bergbaues und der Eisenindustrie 
diente ein sorgfältig ausgebautes Straßennetz, das durch 
zahlreiche Burgen gesichert wurde. Die wichtigste Ver 
bindung Schmalkaldens mit Hessen war die Straße 
von Berka über Weiterode, wo schon im ich Jahrhun 
dert eine Zollstätte erwähnt wird, Bebra, Rotenburg, 
Melsungen nach Kassel. Sie fand ihre südliche Fort 
setzung von Vacha aus, das als Treffpunkt mehrerer 
Straßen von großer Bedeutung war, über Hergfeld 
nach Fulda. Von Vacha aus führte nach Osten eine 
wichtige Sraße über Salzungen, Barchfeld, Breitungen, 
Wernshausen nach Schmalkalden, von wo sie in zwei 
Teilstrecken über das Gebirge führte, der eine Ast über 
Friedrichroda nach Reinhardsbrunn, der andere über 
den Nesselberg nach Tambach. Den ersten Ast, die alte 
Weinstraße, sicherte die Burg Falkenstein, den anderen 
Schloß Waldenfels in der Nähe von Dietharz. Eine 
südliche Straße führte von Schmalkalden über Stein- 
bach—Hallenberg »ach Ohrdruf, sie war gedeckt durch 
die Moosburg bei Rotterode und die über dem Flecken 
Steinbach gelegene Hallenburg. Mehr örtlichen, dem 
heimischen Bergbau dienenden Charakter trug die 
Straße von Frauenbereituugen über Kleinschmalkalden 
nach Brotterode und weiter nach Waltershausen und 
Gotha, deren Sicherung die starke Wallenburg diente 
und von der in Cabarz eine Straße über Schweina 
nach Barchfeld abzweigte. An ihr lagen die Burgen 
Altenstein und Liebenstein. Das für den Wasserverkehr 
sehr wichtige Barchfeld gewann hierdurch auch Bedeu 
tung für den Landoerkehr. 
Dieses weite Straßennetz beweist, daß neben starkem 
Durchgangsverkehr auch im Innern der Herrschaft 
Schmalkalden ein reiches wirtschaftliches Leben blühte. 
Umsomehr mußte es das Bestreben der hessischen Land 
grafen sein, die Herrschaft dem Hessenlande anzuglie 
dern. Nach einigen politischen, wirtschaftlichen und 
religiösen Kämpfen gelang das beim Augsterben der 
Henneberger Grafen. Nun aber war es eine selbstver 
ständliche Verpflichtung der hessischen Fürsten, das rei 
che wirtschaftliche Leben Schmalkaldens weiter zu pfle 
gen und zu fördern. Das haben sie — von geringen, 
durch die allgemeine politische Lage gebotenen Unter 
brechungen abgesehen —- in reichem Maße getan. So 
hatte der Anschluß Schmalkaldens an Hessen in den 
natürlichen Gegebenheiten seine tiefste Begründung und 
hat demnach auch alle territorialen Verschiebungen der 
letzten Jahrhunderte überdauert. Möge er auch für die 
Zukunft sich als testgegründet zeigen 
Der durch zahlreiche Karten, Pläne und Ansichten 
von Burgen erläuterte Vortrag fand bei den zahlreichen 
Zuhörern reichen Beifall, dem der stellvertretende Vor 
sitzende nochmals besonderen Ausdruck gab. 
Der erste Unterhaltungsabend dieses Winters wurde 
am 6. November igZZ wie üblich im Bierhaus Meister 
abgehalten. Der erste Vorsitzende, Bibliotheksdircktor 
Dr. Hopf, eröffnete und wies darauf hin, daß der 
Verein nun in fein 100. Lebensjahr eingetreten sei und 
daß man die Jubiläumsfeier im kommenden August zu 
Kassel zu begehen hoffe. Er wies auch darauf hin, daß 
durch die Not unserer Tage ein Rückgang im Mitglieder 
bestand bemerkbar sei, der nur durch eifrigste Werbung 
neuer Freunde und Mitglieder ausgeglichen werden 
könne. Mit einer warmen Bitte um diese Werbe 
tätigkeit ging Redner dann über zu dem Berichte über 
die diesjährige Tagung Deutscher GeschichtS- und Altcr- 
tumsvereine in Königsberg. Diese stand ganz im Zei 
chen des Ostproblems, war aber auch beeindruckt durch 
die politischen Umwandlungen in der Stuktur des
	        

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