Full text: Hessenland (45.1934)

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lerischen Leistung so einzudringen, daß man die „Auf 
nahme" fast mit der schöpferischen Wiedergabe einer 
Komposition durch den ausübenden Musiker vergleichen 
möchte. 
Unter den zahlreichen Veröffentlichungen dessen, was 
Deutschland an eigenem Kunstschaffen in vergangenen 
Zeiten hervorgebracht und was an fremden Werken ge 
sammelt wurde, befindet sich auch eine Reihe vom 
deutschen Kuü st Verlag Berlin (B u r k - 
hard Meier) in schneller Folge unter dem Titel: 
„Deutsche Lande, deutsche Kunst" herausgebrachter 
M onographien deutscher Städte. Vor 
kurzem wurde Kassel von Dr. Walter Kramm be 
handelt. Das elegante Buch, wie die übrigen Bände 
schön ausgestattet, enthält eine Fülle vollendeter Neu 
aufnahmen zumeist gut ausgewählt. Man bedauert 
nur, daß nicht einige der vorzüglichen Aufnahmen des 
Verfassers aus einem kleinen Werk über A. Herber 
und die Kasseler Plastik des 16. Jhdts. hier mit hin 
eingenommen wurden, denn er weiß die Werke oft in 
ganz überraschend neuer Weise zu sehen und ihnen 
ihren eigentlichen künstlerischen Gehalt erst abzugewin 
nen. 
Kramm spricht nicht nur pro domo, wenn er über 
die großartige Verbindung von Natur und Kunst sei 
ner Vaterstadt schreibt, er besitzt auch als Kunsthisto 
riker das nötige Fachwissen. Nach einer Einführung 
über Städtebau im allgemeinen folgt eine treffliche 
Schilderung der teils „gegründeten", teils „zwanglosen" 
Entwicklung der Stadt Kassel seit grauester Vorzeit 
bis zur Gegenwart und ihrer Verbundenheit mit dem 
wechselvollen Schicksal der Fürstengeschlechter, deren 
Residenz sie war. Doch was wesentlich ist, ohne allen 
wissenschaftlichen Ballast in knapper klarer, gemein 
verständlicher Darstellung im besten Sinne. Fast alle 
Stilperioden haben bald weniger bald mehr zum orga 
nischen Wachstum der Stadt beigetragen. Freilich ist 
hier wie anderwärts von den Enkeln viel gesündigt 
worden und ohne immer gezwungen gewesen zu sein, 
hat man kultur- und kunstgeschichtlich wertvolle Zeugen 
eines naiven oder bewußten Schönheitssinnes der Ver 
gangenheit beseitigt und den Charakter der vornehmen 
alten Residenzstadt und ihre Wohnlichkeit stark beein 
trächtigt. 
Bedeutsame Fürsten wie Moritz der Gelehrte, 
Philipp der Großmütige, vor allem die Landgrafen 
Karl, Wilhelm VIII. und Friedrich II., welche den 
Ruhm Kassels gründeten, von dem es noch heute zeh 
ren kann, werden mit prägnanten Strichen gezeichnet; 
die Künstler, welche von ihnen herangezogen wurden 
und mit ihnen ihre Werke, die der Stadt ihr beson 
deres Gepräge geben, erscheinen und dann die Samm 
lungen, welche sie als echte Repräsentanten des Barock 
und des absolutistischen Regimes zusanunenbrachten, 
um welche die Welt Kassel beneiden darf. Doch hier 
hätte man es nicht versäumen dürfen, wenigstens auf 
die allerwichtigsten Werke ein wenig mehr einzugehen 
als es geschah. Man vermißt Abbildungen der „clous", 
des Kasseler Apoll und einiger Hauptwerke der Male 
rei. Gewiß kennt man etwa das Bild von Rembrandts 
Saskia, aber wie viele wissen, daß es sich in Kassel 
befindet! 
Auch bei Schloß Wilhelmötal hätte sich Gelegenheit 
geboten, aufzuzeigen, wie trotz des wesentlichen Anteils 
des Franzosen Euvillies schließlich doch ein so köstliches 
deutsches Bauwerk daraus geworden ist, ein geeignetes 
Beispiel für die Entwirrung der Vorstellungen vom 
Wesen nationalen Kunstschaffens, an dem jene Zeit 
trotz der großen Zahl der tätigen landfremden Künstler 
zwar nicht arm war, das aber nicht viel solch reizvol 
ler Schöpfungen aufzuweisen hat. 
Vielleicht wäre auch mancher Leser dem Verfasser 
für die Angabe älterer und neuerer Literatur, die ihn 
weiterführt, dankbar gewesen. Denn im ganzen ist es 
doch ein Buch, das keineswegs nur der Fremden-Jndu- 
strie gewidmet ist, sondern auch dem Kasselaner selbst 
wie überhaupt jedem geistig und künstlerisch interessier 
ten Menschen, weil es zu lehren vermag, aus alten 
Kulturformen neue Lebenswerte aufzunehmen. 
Wilhelm Jde. Das rote Haus. Eine 
Erzählung aus Hessen. Gütersloh (Bertelsmann) 1933. 
79 Seiten. Geb. 1.10 Ji. 
Die im „Hessenland" 1933 (S. 123) besprochene 
Sammlung „Das kleine Buch" ist inzwischen mit Bd. 12 
durch eine literarisch hochwertige Erzählung bereichert 
worden, durch die sich unser Landsmann Wilhelm Ode 
aufs vorteilhafteste als Erzähler einführt. Jde er 
zählt die Geschichte eines waldversteckten Hauses, bei 
dem einmal in der Johannisnacht um der Liebe willen 
Blut geflossen ist und zwei Menschenalter später noch 
einmal geflossen wäre, wenn nicht die geheimnisvolle 
Holdermarthe eingegriffen und damit den Fluch von 
diesem Haus gelöst hätte. Wo dag rote Haus mit der 
geschnitzten Amsel im Gebälk am Otterberg bei dem 
Dorf Wolfenstein zu suchen ist, ist unschwer zu erra 
ten. Diese feinsinnige, auf den Pfaden Eichendorffs 
wandelnde Erzählung muß jedem Hessen vertraut und 
lieb werden. Hbach. 
Das Bergland von Hessen und Wal- 
deck. Wanderführer mit Beschreibung der 17 
Durchgangswanderstrecken von W i l h e l m Jde. 
Mit Übersichtskarte und i/\ Kartenskizzen. Kassel 
(AG. für Druck und Verlag) 1933. Z22 Seiten. Lwd. 
3.80 Ji. 
Nachdem der von W. Muhr bearbeitete Brunne- 
mann'sche Führer seit vielen Jahren vergriffen war, 
wurde das Verlangen nach einem neuen hessischen Füh 
rer immer dringender, sodaß jetzt der schon lange er 
wartete, im Auftrag des Verkehrsverbandes für Hessen 
und Waldeck herausgegebene Jde'sche Wanderführer 
wirklich eine empfindliche Lücke ausfüllt. Was diesen 
neuen Führer besonders kennzeichnet und auszeichnet, 
ist die schwierige, aber äußerst glücklich gelungene Ein 
gliederung in dag große deutsche Wanderverkehrsnetz. 
So sind die durch Deutschland führenden großen Wan 
derströme nun durch ein über 3300 Kilometer langes 
Durchgangsstreckennetz geschickt auch durch unser Hes 
senland geleitet worden. Vorbildlich für die neue 
deutsche Wanderliteratur ist hier zum ersten Mal ein 
Knotenpunktsystem angewandt worden, das ein mühe 
loses Erwandern ermöglicht, wobei als besonderer Vor 
zug noch hervorgehoben werden muß, daß jeder Wan 
derweg in beiden Richtungen beschrieben ist. Wilhelm 
Jde konnte diese Aufgabe lösen, da er dabei die nach 
haltige Unterstützung der hessischen Gebirgö- und Wan- 
dervereine fand und selbst unser Hessenland gründlich 
durchwandert hat. Besonders wertvoll ist die Bear 
beitung der mit charakteristischen, rasch volkstümlich 
gewordenen Bildzeichen versehenen Ourchgangswander- 
strecken und ihre Anknüpfung an die Hauptwander- 
strecken. Gerade diese Methode wird nicht nur dem 
Einheimischen die Wanderfreude erhöhen, sondern auch 
außerhalb für unser Gebiet aufs kräftigste werben. Der 
Führer hat mir bei den Wanderungen dieses Sommers 
zuverlässige Dienste geleistet. Er ist das gegebene 
Geschenk für unfere hessischen Wandersleute. Hbach.
	        

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