Full text: Hessenland (45.1934)

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Ludwig Spohr. 
Gedächtuisanfprache im Kasseler Staatstheater 
am 16. Sept. 1934. 
Wir feiern in diesem Jahre das Gedächtnis 
eines deutschen Tonmeisters, den unser Kurhessen 
land mit Stolz den Seinen nennen darf: wir 
feiern den 75. Todestag und den 150. Geburtstag 
von Ludwig Spohr. Nicht weniger als 
3V2 Jahrzehnte lang bildete er die weithin leuch 
tende Spitze des kurhessischen Musiklebens. 
In den Dank aber, den ihm seine Wahl 
heimat abstattet, klingt hinein ein Innewerden 
auö allen Gauen deutscher Kunstpflege, welch 
ganz ungemeine Lebensleistung doch die Jahre 
1784—1859 umschließen, wie sich da eine Fülle 
des Wirkens ausbreitet, die zur Bewunderung 
zwingt. In dieser vorbildlichen Künstlerpersönlich- 
keit, an deren Lauterkeit nie ein Makel haftete, 
vie hilfsbereite Güte und anspruchslose Bescheiden 
heit mit natürlicher Würde, ja mit ehrfurchtge- 
bietender Hoheit verband, wurzelte eine so ur 
sprüngliche Schöpferkraft und ein so reiches Ge 
staltungsvermögen, daß die deutsche musikalische 
Romantik in ihr den am vielseitigsten begabten 
und gleichzeitig den am strengsten geschulten Mei 
ster erblickte, die Nachwelt aber einen Künstler 
bestaunt, der als Haupt der deutschen Geigerschule 
nicht nur eine ünsumme an konzertierenden und 
erzieherischen Leistungen bewältigte und dazu 
pflichtgetreu im Amte sowie als gefeierter Fest 
dirigent im In- und Auslande kapellmeisterliche 
Aufgaben erfüllte, sondern außerdem noch 3 Ora 
torien, 10 Opern, 9 Symphonien, 15 Violin 
konzerte, 34 Streichquartette und viele, viele an 
dere Werke sckuf, Werke, von denen gar manches 
heute noch nicht einmal im Druck vorliegt. 
Am eindrucksvollsten hebt sich das Bild seines 
Wesens und Schaffens ab von dem des nahezu 
gleichalterigen Carl Maria von Weber. Von 
Statur Spohr ein Hüne, von robuster Körper 
lichkeit, glänzender Schwimmer und begeisterter 
Anhänger der Jahnschen Turnbewegung, in sei 
nem Empfinden von zerfließender Weichheit und 
ergreifender Mälde — Weber allzuzart gebaut, 
klein, blaß, hinkend und kränkelnd, in seiner Kunst 
jedoch von frischester Männlichkeit und sprühender 
Energie. Wie beide Meister aber in ihren 
Schöpfungen die notwendige Gegenspannung und 
Ergänzung ihres naturgegebenen Wesens fanden, 
so mußte Webers „Freischütz", der den Ton 
volkstümlich-naiver Drastik so sicher traf, — eben 
deshalb von Spohr als trivial abgelehnt werden. 
Prof. Dr. Herm. Stephani. 
Der über Neid erhabene, vornehm zurückhaltende 
Spohr, der allem Aufdringlichen, wie billigen, 
wohlberechneten Kontrasten und wirkungsficheren 
Steigerungen weit aus dem Wege ging, er, der 
im Rufe stand, der künstlerisch Durchgebildeste zu 
sein und im In- wie Auslande seinem Gefühl für 
Wert und Würde der Tonkunst mannhaft Gel 
tung zu schaffen wußte, Spohr sollte zum großen 
Musikerzieher seiner ganzen Epoche werden. 
Alö echtem Norddeutschen lag ihm eine Be 
freiung in naiver Heiterkeit fern. Indem er die 
leidenschaftlichen Impulse seines hohen Gedanken 
fluges von vornherein zum Maßhalten zwingt, 
läßt auch feine Kunst, bei aller Freiheit in der 
Behandlung der Kunstmittel, in ihrem strengen 
Festhalten an überkommenen Formen doch Gren 
zen spüren. So anziehend und ursprünglich seine 
Gedanken find, — seine charaktervolle Selbsttreue 
hat seiner 2 Veiterentwickelung allmählich Eintrag 
getan und, bei aller „Neigung zum Großen", wie 
sie Rochlitz schon am Jünglin Spohr fest- j 
stellt, ein „Schwärmen in sanfter Wehmut", in 
feingliedriger Figuration, in chromatischem 
Schweben und Gleiten zur Folge gehabt, das sich 
der Gefahr ermüdender Gleichheitlichkeit nicht im 
mer zu entziehen vermag. Und wenn auch niemals 
sein unerhört beseeltes, hoheitsvolles Geigenspiel, 
das sich auf vollen markigen Ton bei langatmiger 
Bogenführnng gründete, Anzweiflung fand, noch 
auch seine hohe pädagogische Gewissenhaftigkeit, 
noch die großzügige Überlegenheit seines Dirigie- 
rens, so warfen ihm doch seine deutschen Zeitgenos 
sen eine zu exklusive Empfindungöweise vor, und 
dies in einem Deutschland, das, trotz eben fiegreicb 
bestandener Freiheitskriege, noch tief in einem 
Überkultus italienischer und französischer Musik 
verhaftet war. „Wcknn werden doch die Deut 
schen", ruft Spohr aus, „einmal aufhören, die 
blinden Bewunderer und Affen der Fremden zu 
sein.'"; nannte er doch, der Italien und Frank 
reich von seinen Reisen her gut kannte, das da 
malige Italien „ein Sibirien der Kunst" und die 
Franzosen „ein unmusikalisches Volk"; denn allen, 
urteilt er, mangele in der Tonkunst ein tiefes, 
wahres Gefühl. In Deutschland aber, das in der 
Musik längst alle Völker der Erde weit überflü 
gelt hatte, konnte mangelnder Kosmopolitismus 
als Vorwurf gelten! 
Wenn hier Grenzen seiner Natur spürbar 
werden, die gerade in seiner ausgesprochenen 
Deutschheit liegen, müssen wir uns da nicht umso
	        

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