Full text: Hessenland (45.1934)

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Kämpfe, behauptete. In ferner Hand liefen alle 
Fäden der deutschen Sprach- und Literatur- 
knnde, der historischen Rechtswissenschaft, der Ge 
schichte unseres Volkes zusammen. Er verkörperte 
das Bild einer Wissenschaft von der Nationalität 
im umfassendsten Sinne. Damals hatte die deut 
sche Philologie unbedingt die Führerrolle, und von 
ihrem Vorbild haben nicht nur die nationalen 
Wissenschaften der Nachbarvölker, sondern auch 
die klassische und die orientalische Philologie nach 
haltige Anregung empfangen. Von uns lernte 
man die Duellen allseitiger würdigen, die Auf 
gaben historisch vertiefen, die Methode reicher 
ausgestalten. 
Und wie ein ehrwürdiger Volkökönig der alten 
Zeit erscheint Jacob Grimm: ihm nahen von 
allen Enden der germanischen Wrlt die freiwil 
lig seine Gefolgschaft gesucht haben, und bringen 
ihm dar Die Spenden, die keiner wie er zu wür 
digen und an den rechten Pla»tz zu stellen weiß: 
Ausgaben alter Gedichte und Rechtsbücher, 
Sammlungen von Mmrchen, Liedern und Sagen, 
von Sitten und Bräuchen der Vorzeit und der 
Gegenwart. Aber dies Bild des schätzespendenden 
Gefolgöherrn und tributfrohen Herrschers ist nicht 
erschöpfend. Was Jacob Grimm zu einem wahr 
haft großen Gelehrten macht, das ist seine nie er 
lahmende uno nie ruhende Lernfreudigkeit. Von 
seinen kleinen, wohlabgerundeten Einzelgaben find 
allerdings manche ohne weiteres dem reichgefüllten 
Schatzhaus seines Wissens entnommen, aber in 
der Niehrzahl seiner Wrrke sehen wir ihn direkt 
bei der Arbeit: wir erleben mit ihm die Freude 
des Findens und die Lust des Lernens und wir 
freuen uns selbst an dem mühelosen und an 
spruchslosen Gestalten, das nie der Anmut ent 
behrt, aber auch nie mit künstlerischer Prätenfion 
auftritt. 
Es ist schwer zu sagen, was für die Zeitgenos 
sen der Brüder das größere Glück gewesen ist: 
ihre Persönlichkeit, oder der Geist und Ertrag 
ihrer gelehrten Arbeit; denn beides zu trennen ist 
nicht leicht. Niemals find wissenschaftliche Gaben 
so im beständigen Gedenken an die Spender ent 
gegengenommen worden. Diese Gelehrten von un 
erschöpflichem Misten waren zugleich die Schutz- 
geister der Volkspoefie und die Poeten der Kin 
derstube; sie wußten anderseits, wo es Not tat, 
ihre politische Meinung und Freimut zu be 
kennen und die Feder des Journalisten gewandt zu 
führen. Hatte sich anfangs um die Marchen- 
brüder ein idyllischer Sagenkreis gewoben, so 
wurde das anders, als fie die Göttinger Kata 
strophe als Männer zeigte, die nicht im weichlichen 
Egoismus des Hauses und der Bücher aufgingen. 
Von diesen reinen, guten Menschen ging ein 
Hauch sittlicher Befreiung uno Erhebung aus. In 
jenen trübsten Tagen der neueren Geschichte, als 
sich zu dem Elend von Schleswig-Holstein und der 
Verfastungsnot ihrer kurhesfischen Heimat die 
Selbsterniedrigung ihres Adoptivvaterlandes Preu 
ßen gesellte, da wußten die Vaterlandsfreunde, 
daß in die Seelen der Brüder all diese Schmerzen 
am tiefsten einschnitten, und nirgends glauben wir 
heute den erregten Pulöschlag der Nation deut 
licher nachzufühlen, als in den mannhaften Er 
klärungen Jacob Grimms. 
Das Ganze ihrer literarischen Tätigkeit und 
viele ihrer Einzelschriften find mächtige Förderer 
des nationalen Einheitswerkes gewesen: ja wenn 
wir zwischen unser klassisches Zeitalter und das 
Zeitalter Bismarcks in der Entwickelung unseres 
Volksbewußtseins eine Station benennen sollten, 
so dürfte sie gewiß am ehesten den Namen 
der Grimms führen. Die Grimmschen Mar- 
chen find die reinste und reifste Frucht der roman 
tischen Periode, die einzige, der man Unvergäng- 
lichkeit weissagen kann. Es war ein großer Se 
gen für unser Volk, daß hier neben die stolzen 
Kunstwerke der überragenden Genies zwei Bänd 
chen traten, die auch den mitschaffenden Anteil 
der Millionen Namenlosen am poetischen Haus 
schatz der Nation zu Ehren brachten. Eö war 
ein Versohnnngöwerk, wie es die Aufklärung mit 
all ihrer gesuchten Volkstümlichkeit nicht zu 
Stande gebracht hatte. And es war nicht das 
einzige Versöhnungswerk der Brüder. Sie ha 
ben die deutschen Stämme angenähert, indem sie 
Art und Erbe jedes einzelnen von ihnen ins Licht 
zu stellen wußten. Sie haben das Laienpublikum 
mit den Gelehrten ausgesöhnt, und indem sie dem 
Dilettantismus Gebiete für immer entrissen, auf 
denen sein Treiben die Wissenschaft lange hintan- 
gchalten hatte, haben sie ihn anderseits zu nütz 
licher Mitarbeit auf dem Neubruch der Volks 
kunde ermutigt. 
Und wer wollte die Fülle künstlerischer Bestre 
bungen auf allen Gebieten aufzählen, die durch 
die Brüder direkt und indirekt wachgerufen, er 
muntert und gefestigt find?! Poeten wie Gottfried 
Keller und Eduard Ntörike, Gustav Freytag, Theo 
dor Storm und Jos. Victor Scheffel, Maler 
wie Moritz Schwind, Alfred Rethel und Ludwig 
Richter, Tondichter wie Richard Wagner und 
Engelbert Humperdinck, um nur wenige Namen 
aus der schier endlosen Schar herauszugreifen, ihnen 
allen haben die Grimms Wege gewiesen, Stim 
mung und Stoffe geboten und, nicht zum wenig
	        

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