Full text: Hessenland (45.1934)

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stehenden Orte enden auf: rode, Hain, struth, kirch, zell, 
z. 23 . Goßmannsrode, Willingshain. Von 1200—1550 
ist die Zeit der Städtegründungen, sie saugen viele 
Dörfer in ihrer Nähe auf, so gingen zur Entstehung 
Lichtenaug 6 Dörfer ein. 23 is 500 n. Chr. waren 208 
Orte entstanden, bis 800 n. Chr. kamen 928 Orte 
hinzu, bis 1300 n. Chr. kamen noch 606 Orte zu die 
sen. Damals gab es also 1742 Orte. Aber von da 
ab ging die Entwicklung zurück, woran natürlich nicht 
allein der Dreißigjährige Krieg schuld ist: heute habe» 
wir nur noch 778 Ortschaften in Niederhessen. 
Wir haben also von 500 ab ein ungeheures Ringen 
der 23 evölkerung um Erweiterung des Nähr- und 
Siedelungsraumes, ein Vorgang, den der Redner in 
seiner Auswirkung im einzelnen beschrieb. Dieser er 
kämpfte Raum blieb in der Hauptsache erhalten, denn 
die Wirtschaftseutwicklniig war gering. (Don der 
Zweifelder- zur Dreifelderwirtschaft.) Auch war die 
Verinehtuug der 23 evölkerung eine sehr langsame, erst 
die Industrie hat sie beschleunigt. 
Dag Flurbild aber erfuhr in neuerer Zeit einen ra 
dikalen Wandel. Es siegte die gerade Linie, sie über 
tönt das natürlich Gewachsene. 
Da erwächst auch den Geschichtsvereineu die Pflicht, 
darüber zu wachen, daß bei der Weitergestaltung un 
seres Siedelungsraumes sein Organismus nicht zerstört 
und sein historisches Werden beachtet werde. 
Der Vortrag wurde mit 72 Lichtbildern illustriert. 
Er fand den lebhaften 23 eifall der zahlreich erschiene 
nen Zuhörer, für die Studiendirektor Dr. S ch 0 0 f 
dem Redner den herlichen Dank aussprach. 
Der vierte Vortrag im Heröfelder Geschichtsverein, 
am Freitag, dein 9. März 1934, beschäftigte sich mit 
den RI un dorten Hessens unter besonderer Be- 
rücksichtigung des Kreises Hersfeld. Referentin war 
Frau Professor Dr. 23 e r t h 0 l d , Marburg. 
Stud.-Oirektor Dr. S ch 0 0 f eröffnete den Abend 
mit herzlichen Worten des Gedenkens an de» vor 
kurzem Heimgegangenen Prof. W r e d e, der der 
schöpferische Geist und die führende Persönlichkeit der 
Mundartforschung nicht nur in unserer Heimat, son 
dern auch weit über ihre Grenzen hinaus gewesen ist. 
Frau Professor Dr. 23 e r t h 0 l d erzählte von 
dem großen „Deutschen Sprachatlas", für dessen Be- 
arbeitung in Marburg eine Zentrale geschaffen sei und 
mit welchen Methoden man der deutschen Sprache zu 
Leibe rücke, um die Lautgrenzen der verschiedenen 
Sprachgebiete festlegen zu können. Wie man an 4 » 000 
Orte Deutschlands die gleichen 4 ° einfachen Sätze mit 
etwa 470 Wörtern geschickt habe, mit der Bitte, sie 
durch geeignete Personen mundartlich wiedergeben zu 
lassen. So habe man einwandfrei die mundartlichen 
Eigentümlichkeiten der verschiedenen deutschen Gegenden 
feststellen können, denn diese 40 Sätze seien in geradezu 
raffinierter Weise zusaininengestellt worden, um das 
Wesentliche der lautlichen Erscheinung zu erfassen. 
Die Rednerin zeigte dann an einer langen Reihe von 
Lichtbildern, wie man das Ergebnis dieser Umfrage zu 
Worten umgearbeitet habe. Eingehend wies sie durch 
8 sprachliche Linienführungen nach, welchen Platz die 
Hersfelder Mundart innerhalb des deutschen Sprach 
gebietes einnimmt. 
Linie 1: ik gegen ich. ik niederdeutsch, ich hoch 
deutsch. Hersfeld liegt im hochdeutschen Gebiet. 
Linie 2: apfel (oberdt.) gegen appel (mitteldt.). 
Hersfeld liegt im mitteldeutschen Gebiet, ausgenom 
men einige wenige Orte im Nordosten des Kreises. 
Linie Z: punt (westmitteldt.) gegen f und oder 
pfund (ostmitteldt.). Hersfeld ist westmitteldt. 
Linie 4 : da t (mittelfränkisch) gegen da s (rhein 
fränkisch). Hersfeld ist rheinfränkisch. 
Linie 3: fest (nordrheinfränk.) gegen fe s ch t (süd- 
rheinfränk.). Hersfeld nordrheinfränkisch. 
Linie 6 : eis (Lahn-Kinzig-Mundart) gegen i s 
(Fuldaruuudart). Hersfeld Fuldamundart. 
Linie 7: —chen (Rotenburger Gebiet) gegen —ch e 
(Hersfeld-Fuldaer Gebiet). Hersfeld natürlich in letz 
terem. 
Linie 6 : H u i s „Haus" (Fuldaer Gegend gegen h u s 
(Heröfelder Gegend). 
Die Frage, woher diese Grenzen kommen, beant 
wortet uns die Geschichtsforschung. Es sind meistens 
die Grenzen der mittelalterlichen Territorien, die hier 
nachwirken. 
Wir sprachen bisher von den Lautgrenzen, die 
die gleichen Wörter in den verschiedenen Teilen des 
deutschen Vaterlandes haben; diese Lautgrenzen weist 
der deutsche Sprachatlas nach. Wenn wir uns nun 
mit den Unterschieden im Wortschatz, also mit der 
Tatsache, daß dieselbe Sache durch verschiedene Wör 
ter ausgedrückt wird, beschäftigen müssen, so kommen 
wir zu W 0 r t g r e n z e u und damit zur Wort 
geographie, die für unsere Heimatprovinz in dem Hes- 
sen-Nassauischen Wörterbuch eine Pflegestätte gefun 
den hat. Wir erleben solche Wortunterschiede so oft, 
so sagt man bahnamtlich in Kassel „Sonnabend", in 
Frankfurt a. M. „Samstag". Es gilt, die Verbreitung 
des Mundarlwortes festzustellen und zu zeigen, wo 
und warum es durch ein anderes Wort abgelöst wird. 
So wird die Hersfelder Gegend sprachlich geteilt 
durch Wortgreuzen zwischen Gebieten, in denen Rahm 
oder Schmand — Kippe, Tasche oder Sack — Lam- 
bris oder Getäfelze -— gestern, nächt oder nächten — 
Godel, Töte oder Patenfrau sagt. 
Welche Bedeutung die Mundart-Forschung für die 
Erforschung der Geschichte und Kulturgeschichte einer 
Gegend hat, konnte die Vortragende im Rahmen die 
ses Vortrags natürlich nur andeuten. 
Vor einer gefüllten Aula und einem recht interes 
sierten Publikum hielt Direktor Wilhelm T e u d t am 
Donnerstag, dem 22. März 1934, auf vielfachen Wunsch 
interessierter Kreise, seinen Vortrag über dag Ergeb 
nis seiner langjährigen Forschungen im Gebiet der 
deutschen Vorgeschichte. 
Ausgehend von den Grabungen in Paderborn, 
die gezeigt hätten, daß unter den Fundamenten des 
frühmittelalterlichen Ortes neue ältere Fundamente 
vorhanden seien, die darauf hinweisen, daß hier schon 
vor Karl dem Großen (Redner nannte ihn den „West- 
franken") eine große vorgeschichtliche Stadt gestanden 
haben müsse, kam er auf Hersfeld zu sprechen. 
Auch hier habe schon zur Zeit Sturms ein größerer 
Ort gestanden, auf den sowohl die gewaltige Stifts 
kirche, wie der große Marktplatz hinweise (!). Es 
müsse eben auch Hersfeld eine bedeutsame Stätte ge 
wesen sein, die sich der Gunst Kaiser Karls zu er 
freuen hatte. Redner hatte auch die Langen 
Steine am Stoppelsberg besucht und war der An 
sicht, daß sie wohl die Säulen eines gestürzten ger 
manischen Heiligtums sein könnten. Alles spräche auch 
dafür, daß auf dem Berge eine Dolksburg gestanden 
habe, zu der eine Kampfspielbahu gehört habe, dort
	        

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