Full text: Hessenland (45.1934)

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kam in den 6oer Jahren des vorigen Jahrhunderts auf, 
eine gewisse Schwarzwälder Huttracht erst gar um die 
Jahrhundertwende. Wir dürfen gewiß sein, daß nach 
30 Jahren nichts mehr von unseren heutigen hessischen 
Trachten besteht. 
Einstweilen aber ist Hessen unter den deutschen Län 
dern noch eins der trachtenreichsten. Über 300 Dörfer 
zeigen Trachten. Davon bewahren z. B. 47 die 
Schwälmer, 21 die Hinterländer, 17 die Hcrsfelder 
und etwa ebensoviel die Schlitzer Tracht. Diese Fracht 
wird auch noch zum großen Teil Alltags und Sonn 
tags getragen, ist also eine echte Tracht. 
Der Vortragende zeigte ein sorgfältig ausgesuchtes 
gutes Lichtbilder-Nraterial, das in Beispiel und Segen- 
beispiel die dörfliche Tracht und ihren Ursprung in 
ehemaligen bürgerliche» Klcidformen wiedergab. Die 
Tracht der katholischen Dörfer bei Marburg ist eine 
echte Biedcrmeierstracht, die der Marburger Gegend 
entstammt dem Rokoko um 1760. Die Dissonanz der 
Farbe» will Rokokostoffe imitieren. 
Diese graziöse Tracht ist sehr wandlungsfähig, sie 
nimmt ganz unbekümmert stetig neue Elemente auf, 
z. B. den Bembergstrumpf und den Lackschuh, und er 
obert sich daher auch heute noch immer neue Gebiete. 
Die älteste hessische Tracht ist die des Hinterlandes, 
hinter Marburg, die in diesem weltabgeschlossenen Ge 
biet die bürgerliche Tracht um IZ2Z, wie sie die Dürcr- 
schen Bilder zeigen, unverkennbar bewahrt hat. Die 
Schwälmer Tracht ist ein Ueberrest der Spanischen, 
wie ße in Deutschland um 1380 getragen wurde. Sie 
zeigte ursprünglich lange Röcke und nur schwarz-weiße 
Farben. Erst seit 1840/50 sind die Buntheit der Far 
ben und die Kürze und die Vielzahl der Röcke aufge 
kommen, während damals die bis dahin kurzen Röcke 
der Marburgerinne» lang wurden. Die Schwälmer 
Tracht macht den Gesamteindrnck des Steifen, „Bret- 
tcrnen" und beeinflußt stark Haltung und Bewegung. 
Die stets ineinander gesteckten Hände entstammen dem 
spanischen Zeremoniell. Wie ungleich beweglicher sind 
in ihrer wandlungsfreudigen Tracht die Marburgerln- 
nen. Daß die zeremonielle Haltung und Bewegung 
sich manchmal durch lange Zeiten gehalten hat, wurde 
u. a. an der Handhaltung des Bamberger Reiters und 
des preußischen Feldwebels drastisch gezeigt. 
Das Vorgesagte gilt für die Frauentrachten. Die 
Männertrachten sind kaum älter als die Uniformen 
des Siebenjährigen Krieges, auf die manche zurück 
gehen. Der Schwälmer Bauer ist ursprünglich der 
Zietenhusar, der Landecker Bauer ein Abkömmling der 
Napoleonischen Krieger. Der ausgediente Mann bekam 
seine Montur mit »ach Hause, die auch für andere 
Oorfgenossen Vorbild wurde. Die Friedcwälder Män 
nertracht, die bis 1840 getragen wurde, war eine ty 
pische Rokokotracht, der Schwälmer Kirchenrock hat 
den französischen Rock der Allongemode um 1700 treu 
bewahrt. 
3 " 3 ° Jahren werden unsere heutigen Trachten ver 
schwunden sein. Daran können auch Trachtenfeste und 
Trachtenvereine nichts ändern. Nkan sollte, wie man es 
in der Schweiz und auch in Westfalen mit Erfolg ver 
sucht hat, eine neue Tracht gestalten, die ebenso einfach 
wie schön wäre, die sich als praktisch bei der Arbeit er 
weisen würde und auch als Festtracht getragen werden 
könnte. Sie würde sicher Eingang bei unseren Bauern 
finden, die, die Stadtkleidung der Konfektionshäuser 
nicht gebrauchen können. > 
Außerordentlich stark war der zweite Vortragsabend 
über Familienforschung und Vererbungs 
lehre am Freitag, dem 15. Dezember 1933 in der 
Gynmasialaula besucht, ein Zeichen dafür, daß der 
Vorstand des Geschichtsoereins seine Aufgabe, alles 
Geschichtswissenschaftliche unter nati'onalerzieherischem 
Gesichtspunkt auf Gegenwärtiges auszurichten, klar er 
kannt hat und auf diesem Wege weiteste Kreise zu be 
fruchten vermag. 
Privatdozent Dr. Ankel (Gießen) ging an sein The 
ma als DererbungSwifsenschaftler heran in der Erkennt 
nis, daß die so dringend nötige Familienforschung nur 
dann von üblem Diletttantismus freibleibt, wenn sie 
genügend biologisch unterbaut ist. Ziel solcher sinn 
voll und planmäßig zu gestaltenden Forschung wird 
dann nicht irgendeine „Kunde" an sich sein, sondern 
Vorbedingung für die von unserem Volkskanzler ge 
forderte Ausartung des deutschen Menschen. 
Starker Beifall dankte dem Vortragenden, der in 
der sich anschließenden Aussprache eine Reihe von 
Fragen zur weiteren Klärung beantwortete. 
P r 0 b l e in e der hessischen Siedlungg- 
g e s ch i ch t e. 
So überschrieb Prof. Dr. Michel (Kassel) seinen 
Vortrag, den er am Freitag, dem 2. Februar 1934 vor 
den Mitgliedern und Gästen des Hersfelder Geschichts 
oereins hielt. Er beschränkte sich hierbei auf Nieder 
hessen. 
Wenn wir alle vorgeschichtlichen Siedelnngen kenn 
te», könnten wir noch besser ihre Uranfänge aufzeigen. 
Aber allzuvieleg blieb unbekannt. Wir haben bisher 
an Siedelungen nur gefunden aus der Steinzeit: 12 
(dabei kleine in der Hersfelder Gegend), aus der 
Bronzezeit: 1 (Niederjossa), ans der Eisenzeit: 3—6 
(kleine bei uns). An Gräbern aus der Steinzeit: 9 
(u. a. bei Willingshausen, Obergrenzebach und HerS- 
feld-Reckerode), aus der Bronzezeit: 17 (u. a. bei Nie- 
deranla, Ottrau, Neukirchen, Friedigerode, Iba, Asbach, 
Frielingen-Reckerode und Heddersdorf), ans der Eisen 
zeit: 16 (u. a. in Bebra und Frielendorf). Wenn wir 
alle Funde überschauen, so ergibt sich eine Vorzugs 
stellung der hessischen Senke, des Ringgaues, des 
Werrataleg von Treffurt bis Sooden und des Fulda 
tales um Hersfeld von Niederjossa bis Bebra für vor 
geschichtliche Siedlungen. 
Gestalter dieses vorgeschichtlichen Niederhessen waren 
die Ehatten, die schon einige Jahrhunderte 0. Chr. das 
Land innehatten. Ihr Mittelpunkt, die Altenburg 
war schon 230 Jahre v. Chr. befestigt. — Aus vor 
geschichtlicher Zeit sind noch heute im Landschaftöbilde 
wirksam: viele Siedelungen, die in unseren heutigen 
Einzelhöfen, Weilern, Dörfern und Städten weiter 
leben, Wehranlagen und alte Straßenzüge, wenn auch 
überwuchert, und der Flurraum, wenn auch sein Bild 
sich wesentlich verändert hat. 
Redner ging dann zur Schilderung des Siedelungs 
bildes in historischer Zeit über, beschrieb die Orts 
formen (Haufen-, Straßen- und Reihendorf), und 
zeigte, daß uns auch die Ortsnamen bei der Feststellung 
ihrer Entstehungszeit gute Dienste leisten können. Bis 
etwa 500 n. Chr. haben die Orte kurze, oft so ohne 
weiteres nicht deutbare Namen, z. B. Aula, Kleba; 
von 300—800 n. Chr. entstehen Orte auf „bach", 
„Hausen", „born", „Hof", „feld", „fürt" u. ä., z. B. 
Kirchheim, Gersdorf, Hersfeld; von 800 bis 1300 
n. Chr. ist die große Rodunggzeit. Die damals ent-
	        

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