Full text: Hessenland (45.1934)

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Ein Beitrag zur hessischen Geschichtsschreibung. 
Ein Versuch, sie zu beleben, im Dreißigjährigen 
Krieg. 
Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt 
übertraf seinen Vater Ludwig V. noch an ernster 
Liebe zu den Wissenschaften. Schon sehr früh 
ging er daran, eine Geschichte seines Hauses und 
des Hessenlandes entstehen zu lassen, er begann 
alle Urkunden über seine Familie zu sammeln 
und sorgfältig aufzubewahren und wurde in die 
sem Bestreben von einer Reihe tüchtiger Rate, 
die sich alle in der Bedeutung der schriftlichen 
Unterlagen für laufende und zukünftige Staats 
gelegenheiten einig waren, takräflig unterstützt. 
Als Erbe feines Vaters hatte der junge Land 
graf auch den Streit um den Marburger Teil 
der alten Landgrafschaft Hessen übernommen. 
Obwohl er kurz nach Antritt seiner Regierung 
mit Hessen-Kassel einen Vergleich schloß (1627), 
erkannte er gar bald, daß das unter den durch 
den 30jährigen Krieg geschaffenen Verhältnissen 
kein endgültiges Beilegen der alten Streitigkeit 
sein konnte. Bald sah er sich gezwungen, nach 
gelehrten Männern sich umzusehen, die imstande 
waren, seinen Ansprüchen durch großangelegte 
Beweisschriften Nachdruck zu verleihen, und un 
erläßlich erschien diesem tüchtigen Landesfürsten 
auch eine umfafsende Geschichte seines Hauses und 
seines Landes. Die Geschichte des Hessen- darm 
städtischen Landes war durch den Erbstreit mit 
Hesten-Kastel verflochtener und interessanter ge 
worden und bald fanden sich auch Gelehrte, die 
sich mit ihr beschäftigen wollten x ). 
Aus seiner Sammlung der Hausurkunden 
unterstützte Georg II. schon früh den Geschichts 
schreiber der Reformationökriege, Friedrich Hort 
leder 1 2 ) zu üßetmar. 1628 berief dann der Land 
graf den berühmten Sammler und Herausgeber 
der Reichssatzugen, Melchior Goldast 3 ), nach 
Gießen, dessen Bleibens aber nicht lange war; 
er leistete einer Berufung als Kanzler nach Bücke 
burg Folge; der trotzdem fortgesetzten Arbeit an 
dem hessischen Geschichtswerk setzte der Tod ein 
baldiges Ende. 
In den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts, in 
der Zeit, da Hessen am schwersten unter den 
Kriegswirren zu leiden hatte, ruhte diese Tätig- 
1) Dergl. Wenck,Heff. Landesgejch. I. XXXIII ff. u. Diehl, 
Arch.f. Hess. Gesch. u. F. 23 ., 25 ff. 
2) Dgl. Mg. Deutsche Biographie Bd. XIII S. 165 ff. 
3) Dgl. Mg. Deutsche Biographie Bd. IX G. 327 ff. 
Von Fr. W ilhelm Schäfer, Langen. 
keit fast ganz, 1639 hören wir wieder von einem 
Versuch, die hessische Geschichtschreibung zu be 
leben. Im Staaatöarchiv Darmstadt (Abt. IV, 
Geschichtsschreiber, Konv. 1) ist uns ein Brief 
des hessischen Kanzlers Anton Wolff von To- 
denwarth erhalten, worin dieser die Sache wie 
der aufzunehmen bittet. 
Landgraf Georg II. hatte im Jahre zuvor den 
verdienten Kanzler zur Ruhe gesetzt, mit Rücksicht 
auf Anton Wolffs Krankheit, wie angegeben 
wurde, in Wirklichkeit aber wäre der ehrgeizige 
Mann wohl niemals freiwillig gegangen. Jahre 
lang war er der mächtigste Mann in Heffen- 
Dnrmstadt gewesen. Und man kann nicht sa 
gen, daß er seine Dienste umsonst geleistet hätte; 
viele Belohnungen und Geschenke Georgs II. an 
seinen Kanzler beweisen es uns. Dies erreichte 
seinen Höhepunkt, nachdem eö dem Kanzler ge 
lungen war, mit Sachsen und Brandenburg zu 
sammen mit dem Kaiser den Prager Separat 
frieden zustandezubringen. Eine Fülle von Gunst 
bezeigungen ergoß sich über Anton 2 Dolff von 
Todenwart. Dies zog ihm den Neid und Haß 
aller Räte und Adeligen am hessischen Hofe zu. 
Der vorher noch so umschmeichelte Kanzler und 
Statthalter der Marburgischen Lande stand 
plötzlich allein, die Beamten und Stände arbei 
teten zu dem Sturze des verhaßten, mächtigen 
und rücksichtslosen Mannes zusammen. 
Landgraf Georg II., der sich der Verdienste 
Anton Wolffs für fein Land wohl erinnerte, 
konnte sich nach langem Widerstand den Vor 
stellungen und der Beweisfiihrnng seiner Stände 
und seiner Räte nicht mehr verschließen, suchte 
jedoch dem Kanzler den Abgang so leicht und 
schonungslos zu gestalten als möglich. 
Anton Wolff von Toöenwarth hatte, sicherlich 
nur in dem Bestreben, sich ständig in Erinnerung 
zu halten, oft beim Landgrafen über die Last der 
Geschäfte geklagt und Krankheit vorschützend, um 
seine Entlassung nachgesucht, Georg II. hatte je 
doch nie etwas davon wissen wollen. 
Daran erinnerte er sich nun und schrieb dem 
Kanzler in einem längeren Schreiben, er könne 
es nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren, 
daß er ihn, der sich auf den zahlreichen, im In 
teresse des Landes und des Friedens für das 
deutsche Vaterland ausgeführten Reisen aufge 
opfert und seine Gesundheit hingegeben habe, nicht 
länger um die wohlverdiente Ruhe bringen dürfe, 
deshalb entbinde er ihn, den Kanzler, seiner
	        

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