Full text: Hessenland (45.1934)

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verfehlt, sm 2 z. 23 . tragt nicht nur in Stadt 
gemarkungen wie Marburg, Kirchhain u. a. 
weitgehend Felder, sondern auch in vielen dörf 
lichen Gemeinden (z. 23 . Anzefahr, Stausebach 
usw. auf Blatt Kirchhain); die Verhältnisse lie 
gen also im einzelnen viel komplizierter. Sie kön 
nen in jedem einzelnen Fall nur durch kritische 
Untersuchung bei Auswertung sämtlicher über 
haupt möglicher Hilfsmittel geklärt werden. 
Dazu gehört auch die Berückfichtigung der 
Böden. Zwar ist die Behauptung unzutref 
fend, der Löß z. B. sei waldfeindlich. Wo aber 
Löß Wald getragen hat, da ist er entkalkt und 
oberflächlich zu Lößlehm oder gar Lehm umge 
wandelt. V 3 o also heute Löß auftritt, da kann 
kein V 3 ald gestanden haben. Ähnliches gilt viel 
leicht für alle Kalkböden, so daß Kalkreichtum 
der obersten Horizonte den Schluß auf ständiges 
Fehlen des V 3 aldes zulasten würde. Genaue in 
dieser Richtung angestellte Bodenanalysen geben 
uns vielleicht noch einmal brauchbare Neethoden 
an die Hand. Durch ihre Ausbildung und durch 
die genauste Kartierung der Böden der Procinz 
könnten die auf anderen V 3 egen zu findenden Er- 
gebniste fester unterbaut werden. 
Die Bodengüte jedenfalls ist kein Indiz 
für altes Siedlungsland; find auch vielfach die 
guten Böden waldfrei gewesen, als Gesetz ist das 
nicht zu fasten: Durchaus schlechte Böden treten 
als altbestedelt, gute als waldbedeckt entgegen (so 
z. 23 . die weiten Lößlehmgebiete im Süden des 
Amöneburger Beckens. fBlatt Amöneburgs). 
Einen wichtigen Anhalt aber bietet das Stu 
dium der klimatischen Verhältnisse, insbe 
sondere der Temperatur und der Niederschläge. 
Seit Gradmann wissen wir 16 ), daß die relativ 
warmen, niederschlagsarmen Gebiete weitgehend 
zusammenfallen mit den alten Giedlungsräumen, 
die kühleren, regenreicheren mit den Waldgebie 
ten. Eine eingehende klimatische Spezialunter 
suchung für Hessen ist daher eine dringliche For 
derung; die Klimakarten von Hellmann find für 
diesen Zweck, weil größere Räume behandelnd, 
nicht ausreichend 17 ). 
Diese relatrv warmen, niederschlagsarmen Be 
zirke aber find ferner gekennzeichnet durch das 
Auftreten einer ganz bestimmten Wärme und 
Trockenheit liebenden Pflanzengenofsenschaft, der 
Steppenheide. Damit wird die Steppenheide 
weitgehend zum Indikator alter offener und be- 
16) G r a d m a n n , s. o. 
17) H e l l m a n n, Gustav, Klimaatlas von Deutsch 
land. Berlin 1921. 
fiedelter Räume. Diese entscheidenden Zusam 
menhänge find bereits um die Jahrhundertwende 
von dem Erlanger Geographen Robert Gradmann 
aufgedeckt worden 18 . Die kartographische Auf 
nahme der pontischen Florenrelikte in Hessen, die 
seit kurzem unter Leitung von Professor Claußen 
durch das Botanische Institut der Universität be 
trieben wird, muß abgeschlossen sein, ehe mit 
einiger Aussicht auf Erfolg an die Rekonstruktion 
der TLaldverteilung herangegangen werden kann. 
Zu alledem kommen nun aber die zahlreichen 
direkten und indirekten Spuren, die der Mensch 
in der Landschaft hinterlassen hat. Hier stehen 
in vorderster Linie die früh- und vorgeschichtlichen 
Funde, deren Kartierung Professor Merhart 
mit seinem vorgeschichtlichen Seminar in Angriff 
genommen hat. Wichtig ist dabei, daß die Spu 
ren alter Wohnplätze scharf getrennt werden von 
Funden, die nur indirekt auf die Siedlungö- 
flächen schließen lasten, wie Gräber, Fluchtbur 
gen u. a.; daß ferner eine strenge Sonderung der 
Funde nach dem Alter vorgenommen wird: Nur 
die Funde der La-Tene-Zeit find für unsern ersten 
Querschnitt, um 500 n. Chr. zu benutzen, alle 
früheren zunächst auf die Frage der Konstanz der 
Siedlungsplätze hin zu prüfen. 
Durch die sorgfältige Festlegung des alten 
Straßennetzes, das um 1300 ein wesentlich an 
deres ist als um 300, wird das gewonnene Bild 
weiter an Schärfe gewinnen. Wissen wir doch, 
daß im frühen Mättelalter die Städte die alten 
Wege an sich gezogen und somit eine Verlegung 
von den Höhen hinunter (vgl. Weinstraße) an die 
Talränder bewirkt haben (vgl. Wehrda-Mar 
burg). Über diese Fragen ist im „Institut für 
geschichtliche Landeskunde" von Görich eingehend 
gearbeitet worden; die Ergebnisse seiner Untersu 
chung, die in mehreren Straßenkarten Hessens 
niedergelegt find, werden in Kürze vorliegen. 
Alle diese Untersuchungsmethoden werden 
weitgehend ergänzt durch die Auswertung der 
Ortsnamen. Die Bedeutung dieses Hilfsmittels 
liegt darin, daß das Ortsnamenmaterial über das 
ganze zu untersuchende Gebiet hin und in fester 
räumlicher Fixierung zur Verfügung steht, die 
Gefahr, daß es trotz zahlreicher feit Arnold ange 
stellter *0) kritischer Untersuchungen nur schwer 
fehlerfrei auszuwerten ist. Dabei muß zunächst 
die vollständige Kartierung aller Ortswüstungen 
18) Gradmann, s. o.; Pflanzenleben der schwä 
bischen Alp. 2. Aufgl. 1900. 
19) Arnold, Wilhelm, Ansiedlungen und Wan 
derungen der deutschen Stämme auf Grund vorwie 
gend hessischer Ortsnamen. Marburg 1875.
	        

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