Full text: Hessenland (45.1934)

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und, wenn wir die Sprache der Zeit berücksichti 
gen, gut gereimt, doch ohne die ZNunterkeit, wie 
wir sie auch bei dem Freiherrn von Canitz, einem 
der Vorgänger Mansbachs, durchbrechen sehen. 
Alles in allem der gleiche Eindruck wie bei Haller, 
dem unser Autor deutlich auf den Fersen bleibt 
und den er auch als einzigen deutschen Dichter 
gelegentlich mit Namen nennt. Ein paar Über 
schriften mögen das bezeugen. Die Sammlung 
beginnt mit einer „Todes-Betrachtung", dann 
folgen „Gedanken über einen großen Gottesacker", 
„Nachtgedanken", „Bußgedanken" und so fort; 
den zweiten Teil eröffnet (S. 81) „Die Herrlich 
keit Gottes in Zeit und Ewigkeit", dann werden 
die „Nachtgedanken" fortgesetzt ... die letzten 
Stücke sind überschrieben „Der Schmeichler", 
„Der unruhige Menschenfeind", „Das Ver 
geltungsrecht". 
Die Aufmerksamkeit des Literarhistorikers er 
regen insbesondere die „Nachtgedanken": sie sind 
gewiß eine der frühesten, vielleicht sogar die erste 
direkte Nachwirkung der berühmten Night- 
thoughts von Edward Poung, die 1742 zu er 
scheinen begannen und fast sofort einen euro 
päischen Ruf erlangten; in Braunschweig kam 
schon 1751 eine erste notdürftige Bearbeitung 
heraus. Zeigt sich v. ZN. so in Fühlung mit 
neuster Literatur, so ist ihm doch Klopstock, der 
seit 1748 mit einzelnen Oden und 1749 mit den 
drei ersten Gesängen seines „Messias" her 
vorgetreten war, ersichtlich unbekannt geblieben — 
wie er auch den Westfalen und den Bremer, die 
ihn zur Drucklegung seiner „Buchischen Gedichte" 
ermutigt haben mochten, kaum beeinflußt hat. 
Im übrigen ist v. M. ein Mann von reicher 
Bildung. Er kennt die römischen Dichter, insbeson 
dere Horaz, Vergil, Ovid gründlich, weiß in 
Theologie und Philosophie, in alter und neuer 
Geschichte und Völkerkunde gut Bescheid, ist aber 
freilich nach der Mode seiner Tage allzu bereit, 
sein Wissen überall anzubringen. Dies vor allen 
Dingen läßt ihn uns heute fremd und kaum ge 
nießbar erscheinen: er ist eben durchaus ein Re 
präsentant des späten, nüchternen Barock, bei dem 
sich die Reminiszenzen aus Andreas Gryphius ge 
legentlich wunderlich ausnehmen, wie etwa wenn 
er den irdischen Leib den „Notstall meiner 
Seelen" nennt. 
Ich bin daher in einiger Verlegenheit, wenn 
ich die Neugier meiner Leser durch eine Probe be 
friedigen soll, denn es gehört immerhin einige ge 
schichtliche Vertrautheit mit dem Stande der 
Dichtersprache um 1750 dazu, um den Leser, dem 
diese nur allenfalls aus dem Gesangbuch unserer 
Kirche noch gelegentlich nahe gebracht wird, von 
einem spöttischen Lächeln abzuhalten, das unser 
Autor doch wahrlich nicht verdient. Ich greife 
eine Strophe aus dem „Lob der Gottheit" (S. 
71) heraus: 
Oer Mund ist viel zu mangelhaft, 
Un Worte deutlich einzukleiden, 
Was dein Bewundern in mir schaft, 
Oie Zunge will den Geist beneiden. 
Er schwillt und dehnt die Schranken aus: 
Er sehnet sich aus seinem Haus, 
Dein Werk, HErr! freyer einzuschauen. 
Oer Stand des Körpers hemmet ihn, 
Er kan den Blick so weit nicht ziehn, 
Als er schon darf den Schlüssen trauen. 
Friedrich Wälhelm von Ntansbach war ge 
wiß kein Dichter, aber doch ebensowenig ein eitler 
Reimschmied. Er hat Achtung vor dem Gegen 
stand der Dichtung und Gewissenhaftigkeit gegen 
über der deutschen Sprache und der deutschen 
Verskunst. Das verleitet ihn gelegentlich zum 
Überschwang und läßt ihn anderseits wohl ein 
mal ins Triviale, aber kaum je ins Vulgäre 
entgleisen. Die deutsche Dichtung war ihm eine 
ernste Sache, der er im Bewußtsein seiner 
schwachen Kraft und in der Hoffnung diente, ihr 
auch in der engeren Heimat tüchtige Nachfolger 
zu erwecken. Das spricht er in der sympathischen 
Vorrede aus, wo er den Leser über seine Person 
nur soweit unterrichtet, daß er zur Zeit seinen 
Aufenthalt nicht innerhalb der Stifter Fulda 
und Hersfeld habe, die gewöhnlich zu den 
„Buchen" gerechnet würden. Nach seiner Mut 
maßung sei er der erste, der durch deutsche Ge 
dichte in seinem „Vaterlande" sich bekannt mache. 
Er zweifle daher, daß seine Erzeugnisse in einem 
Lande, „wo der Geschmack der alten Meister 
sänger noch ziemlich herrsche", eine günstige Auf 
nahme finden werden. Trotzdem aber hoffe er, 
daheim einige Nacheiferer dadurch zu erwecken: 
„so kann es auch noch dahin kommen, daß unser 
B u ch e n l a n d , welches so wenig als andere 
Länder an witzigen Köpfen einigen Miswachs er 
leidet, noch mit anderen wird um den Lorbeer 
streiten können". 
Diese Hoffnung hat sich freilich nicht erfüllt: 
das „Buchenland" hat in der Folgezeit den Dich 
ter nicht hervorgebracht, der unsern Philippsthaler 
„soweit als Virgiliuö den Bavius" übertreffen 
sollte. Und auch seine Nachbarschaft nicht. Als 
zwanzig Jahre später der in Witzenhausen im 
Geburtsjahr Schillers geborene Christian Philipp 
König mit 17 Jahren seine in Rotenburg ent 
standenen „Gedichte eines Jünglings an der 
Fulda" zu Göttingen, wo er eben immatriku 
liert war, drucken ließ (1776), da lieferte er nur 
eben den Beweis, daß das Wasser der Fulda aus 
keiner Hippokrene entspringt.
	        

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