Volltext: Hessenland (45.1934)

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züngige Fama stößt bei jeder Gelegenheit in die 
Posaune. Die Universität befindet sich dermalen 
in keinem erfreulichen Zustande, sie zählt kaum 
150 Musensöhne. Es mögen der Gründe viele 
sein. Ich rechne dahin die Abreißung des linken 
Rheinufers, die Veredlung mehrerer bisher schlecht 
organisierter Akademieen, die Einschränkung des 
Skudierens von Seiten der kurhessischen StaatS- 
regierung, die Strenge des akademischen Senats, 
den gestiegenen Preis der Dinge, worin sich viele 
Eltern nicht zu finden wissen und dergl. mehr." 
Nachdem der Verfasser dann die einzelnen Pro 
fessoren charakterisiert — er selbst hatte ja vor 
kurzem dort studiert — nimmt er von der Musen- 
stadt Abschied. „Vor dem Barfüßer Tore ge- 
ivährte uns Marburg zum zweiten Mal einen 
reizenden Anblick. Auf dem Vvege nach Gießen 
dufteten uns viele anmutig blühende Felder mit 
Wintersamen aus ihren gelben Blumen den wür 
zigsten Genuß entgegen. Schon hier war die 
Vegetation augenscheinlich besser als in Unter- 
Hessen. Wie mancher Marburger Studiosus, 
dachte ich, indem ich lächelnd die Chaussee mit 
meinen Augen maß, mag schon mit beklommener 
Brust auf eiligst gemieteter Rosinante diese 
Straße gezogen sein, um sich in Gießen, wo man 
mit solchen Artikeln nicht teuer ist, für Geld und 
gute Worte ein Doktordiplom zu holen, damit er 
mit dieser ehrfurchtgebietenden Urkunde in der 
Hand daheim für einen hochgelehrten Mann gelte 
und dadurch entweder eine fette Pfründe oder eine 
goldschwere Braut oder wenigstens äußere Ehre 
erangele. Denn in dem titelsüchtigen Deutschland 
ist jeder gleich null, der keinen Titel aufzuweisen 
hat, ausgenommen, wenn er durch vollwichtige 
Louis(d'ors) Bücklinge zu erschwingen weiß, dann 
stehen ihm aber auch alle geheimen Kanzleien und 
alle Charaktere zu Gebote." 
Eine Neuerwerbung des UniversitäLsmufeums zu Marburg. 
Von F. K ü ch. 
Bei der Anlage der Autoumgehungsstraße in 
Marburg, die auch eine geringe Verschiebung des 
Lahnbettes im Süden der Stadt, einige hundert 
Meter oberhalb der Süvbahnhofsbrücke, mit sich 
brachte, wurden mehrere archaeologisch bemerkens 
werte Funde gemacht. Im Flußbette selbst kamen 
die Reste eines Holzbaues zu Tage, die mit ziem 
licher Gewißheit auf eine schon 1248 urkundlich 
bezeugte Muhle des Deutschen Ordens zwischen 
der Mühle am Grün und dem Dorfe Iberns- 
hausen, einem ausgegangenen Orte in der Gegend 
des Südbahnhofö, hindeuteten. Dann aber wurde 
beim Abbruch eines Bahnwärterhauses am 
„Hohen Rain" ein in dessen Fundament einge 
mauertes Fundstück geborgen, das der Erklärung 
größere Schwierigkeiten bereitete, nämlich ein 
viereckig gehauener Block grobkörnigen Sand 
steins von 105 Zentimeter Länge, 26—30 Zenti 
meter Höhe und 45 Zentimeter Tiefe. Die 
rechte Seite der Vorderfläche zeigt das hier ab 
gebildete Flachrelief. 
Unter einem Rundbogen von 33 Zentimeter 
Durchmesser ist ein Schiff von der Steuerbord 
seite dargestellt, das zum Segeln und Rudern 
eingerichtet ist. Es hat einen Mast, dessen Se 
gel an der Raa geborgen ist. Den sechs Riemen 
an Steuerbord werden ebensoviele an Backbord 
entsprechen. Heck nnd Bug haben Aufbauten. 
Der Bug endet in einer mächtigen Galjonöfigur 
(Drachen- oder Hundekopf). Das Schiff hat kein 
Hecksteuer, sondern wird durch einen seitlichen 
.leiem gelenkt. 
Das Häuschen, dessen Fundament den Stein 
enthielt, kann nicht vor Anlage der Bahnlinie, 
also erst um das Jahr 1630, erbaut sein. Der 
Stein muß mithin von einem anderen, er 
heblich älteren Bauwerke herrühren. Sogar eine 
mehrmalige Verwendung ist denkbar. Unwahr 
scheinlich ist, daß er anderswoher aus größerer 
Entfernung nach dem steinbruchreichen Marburg 
gefiihrt worden sei. Seine Herkunft ist vielmehr 
in der Stadt selbst zu suchen. Aber von welchem 
Bauwerk kann er stammen? 
Der dargestellte Gegenstand läßt allein auf 
eine steinerne Brücke schließen, und unter den in 
Marburg nachweisbaren kommt nur die große 
oder lange Brücke in Frage, die von altersher 
die Vorstadt 2 Deidenhausen mit der Altstadt ver 
bindet und — in Gemeinschaft mit den Brücken 
vor Weidenhausen x ) und der jetzt verschwundenen 
„kurzen Brücke" zwischen Weidenhausen und 
Zahlbach 1 2 ), den Verkehr von Niederhessen und 
aus dem Ebsdorfer Grunde in die Stadt lenkte. 
Sie hat mannigfache Schicksale erlebt, denen 
wir in Kürze nachgehen müssen. Sie wird so 
alt sein, wie die Stadt selbst, also schon um die 
Wende des 12. Jahrhunderts erbaut sein, wenn 
sie auch erst im Jahre 1230 als „pons lapideus" 
urkundlich erwähnt wird. Von ihrer wie der 
Straßen guten Unterhaltung hing das wirtschaft 
liche Gedeihen der Stadt unmittelbar ab, sie bil- 
1) Siehe Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Marburg 
l Taf. 119,2. 
2) Ebenda Taf. Zo,2
	        

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