Full text: Hessenland (45.1934)

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fcncfc Berge liegt die Ruine eines alten Schlosses 
mit unterirdischen Gewölben. Man würde von 
oiesem Standpunkt aus eine schöne Aussicht ge 
nießen, wenn die Gegend überhaupt schön wäre. 
Welche unzerstörbare Festigkeit der Mauern auch 
hier! Man muß die Manipulation der Alten in 
dieser Hinsicht bewundern. Fürwahr, die feste Ge 
diegenheit und der trotzende Kühnmut unserer Vor 
eltern spricht sich in ihren gotischen Bauten leb 
haft aus. Ihre Manier ist übrigens kein Ge 
heimnis. Sie ließen teils den Kalk viele Jahre 
lang in Gruben gären, wodurch er eine unge 
wöhnliche Bindungskraft erhielt, teils umgaben 
sie die aufzuführenden Mauern mit Brettern, 
löschten alsdann den Kalk auf den Steinen und 
ließen ihn da kochen. 
Vor dem Wärtshause hielten viele Fuhrleute. 
Diese sind indessen jetzt zum Teil keine so will 
kommene Gäste mehr alö sonst, denn statt viel zu 
verzehren und gut zu bezahlen, borgen sie noch 
obendrein Geld von den Wirten. Viele von ihnen 
sind durch den Frieden zurückgekommen, indem sie 
gegenwärtig äußerst wenig Verdienst haben; denn 
durch die langen Kriege war ihre Zahl plötzlich 
zur Legion geworden. Die Aufwartung bei unse 
rem Wirt, Herrn Schäfer, war außerordentlich 
schläfrig, sonst ist sein Haus ziemlich bequem ein 
gerichtet. Wie ganz anders fanden wir's später 
hin in Frankreich. In Deutschland muß man auf 
eine warme Biersuppe oft länger warten alö in 
Frankreich auf ein vollständiges Souper. 
Sonderbar! Vom Dorfe Zwehren an, eine 
Stunde von Kassel, bis nach Marburg hin be 
merkte ich an der Landstraße nur hin und wieder 
einen Obstbaum. Gerade alö wenn Hessen an 
Obst Überfluß hätte oder als wenn gutes Obst 
ein nicht zu achtender Gewinn wäre. In den 
Rheingegenden denkt man ganz anders und befin 
det sich wohl dabei. In dem Wirtshause von 
H o l z d o r f war wieder, so wohlhabend auch der 
Wirt zu sein schien, kein Bier zu haben. So 
geht's in Hessen fast überall. Gutes Bier ist da 
jetzt die größte Seltenheit. Durch das ungenieß 
bare Bier hat das Weintrinken und Kaffeeschlür 
fen so recht wie eine Seuche um sich greifen 
können. Ehemals hatte man in Hessen treffliche 
berühmte Biere und man trank — Bier. Ich 
kenne die Gründe nicht alle. So viel weiß ich, 
daß der Hopfenbau entsetzlich vernachlässigt ist, 
daß die ausschließlichen Braugerechtigkeiten und 
die allzu niederen Taxen viel geschadet haben. — 
Unerträglich war der Moderduft der Stube, in 
die man uns führte. Seit vielen Tagen war sicher 
trotz des häufigen Zuspruchs kein Fenster geöffnet 
worden. Wahrlich, wenn der Genuß der aro 
matischen Feldluft und die häufige Bewegung 
nicht ein kräftiges Gegengift wären, so müßte sich 
der Landmann bei seinen engen dunstigen Stuben 
recht übel befinden. Dem Äußern nach scheint der 
Wohlstand ves Orts nicht groß zu sein. Ein 75- 
jähriger Invalide sprach uns um ein Almosen an. 
Ein ehrwürdiger Greis mit einem schönen Silber 
haupte. Er hatte den ganzen siebenjährigen Krieg 
mitgemacht und sprach noch mit Feuerglut von den 
heißen Tagen, wo der Tod Leichenhügel türmte 
und mancher Brave die Augen schloß. Jetzt muß 
er am Rande des Grabes stehend, ungekannt, 
verlassen, von Lotterbuben verspottet, wie ein 
Waisenkind herumirren und vor fremder Leute 
Türen sein Brot suchen. Mein Herz blutete, 
denn, ach, kann es ein schrecklicheres Schicksal 
geben? In Frankreich find die Invaliden geehrte 
Rüänner und leben in ihrem Hotel nach ihrer 
Vveise wie Prinzen. I— Die Männer tragen hier 
(in der Schwalm) weiße linnene Kittel, selbst 
beim Mistaufladen. Die Seife muß hier beson 
ders wohlfeil fein. Warum nicht lieber blaue, sonst 
die Leibfarbe der Hessen? — Die Weiber tragen 
kurze Röcke, die ihre stämmigen Wmden bloß 
lassen, und um die breite Hüfte herum durch eine 
wulstige Unterlage einen widerlich großen Umfang 
erhalten. Beim Gehen empfangen diese kurzen 
UUaschinen eine Schwingung, die den vierschröti 
gen Gestalten, besonders a posteriori (von hin 
ten), ein drolliges Ansehen gibt. Zwischen Holz 
dorf und Marburg sahen wir wieder zur Linken 
und zur Rechten viele unbebaute Strecken. 
UÜ a r b u r g 6 Anblick gewährte unsern Au 
gen nach dem langen einförmigen Wege hinter 
Wabern eine wahre Erquickung. In der Tat ist 
seine Lage romantisch und anmutig. Am Tore 
wurden wir examiniert, aber man forderte die 
Pässe nicht. Man nimmt'ö damit in Hessen über 
haupt nicht so genau, selbst in der Residenz nicht, 
obgleich der Staat sonst ganz militärisch organi 
siert ist. Ich fand bald, daß Marburg noch ganz 
das alte ist. Rtoch eben so schmutzig, krumm, ber 
gig und eng, eine gleichsam zusammengewürfelte 
Häusermafse. Ich glaubte indessen zu gewahren, 
daß sich auch hier allmählich der Geschmack ver 
edelt. Dies zeigt sich sowohl im Häuserbau, als 
in der Wohnung der Einwohner und Studenten. 
Die Stadt verdankt ihre Lebhaftigkeit der Gar 
nison, der Universität und den Landleuten, die hier 
ihre Einkäufe machen. Im Ganzen genommen 
herrscht hier wenig Wohlhabenheit, obgleich die 
Einwohner sehr betriebsam find. Der vorherrschende 
Ton der Marburger Zirkel ist gastfrei und trau 
lich, aber doch auch oft äußerst kleinstädtisch. An 
der Klatschsucht laborieren viele und die tausend-
	        

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