Full text: Hessenland (44.1933)

Arzt, Dr. Vogt-Gießen, Walter Sohm als Hi 
storiker finden sich in dem sittlichen Urteil zusam 
men, daß Philipp mit seiner an sich unent 
schuldbaren Bigamie dennoch gewissenhaf 
ter handelte, als die Mehrzahl aller der Fürsten 
seiner Zeit, die über ihn herfielen, aber sich keine 
großen Gewissensbedenken über ihr Maitresten- 
wesen machten. Hätte Philipp sich keine Skrupeln 
über sein zuchtloses Leben gemacht und einfach das 
weiter getrieben, was sogar manche Päpste, viele 
Bischöfe und sehr viele Fürsten, ja nach der Be 
schwerde der deutschen Stände auf dem Reichstag 
zu Worms auch die Mehrzahl der Geistlichen 
jener Zeit, zum Teil mit Bewilligung ihrer Vor 
gesetzten, getan, so hätte kein Hahn darnach ge 
kräht. 
Sein Verhalten soll nicht beschönigt, nur ge 
recht beurteilt werden. 2 Die lagen die Dinge? 
Der gewaltigen geistigen und seelischen Kraft in 
diesem außergewöhnlichen Menschen entsprach lei 
der eine ebenso stark körperlich-sinnliche Leidenschaft. 
Er war darin von seinen beiden Eltern her erblich 
schwer belastet. Sein Vater ist an seinen Aus 
schweifungen frühzeitig zugrunde gegangen, seine 
Mutter zog sich den Beinamen Frau Venus zu. 
Und ein Mensch mit solcher Natur war im Alter 
von 19 fahren aus politischen Rücksichten mit einer 
Frau verheiratet worden, Christine von Sachsen, 
die ihn nicht zu fesseln vermochte. Philipp klagt 
selbst: „ich hab nie Liebe oder Verlangen nach ihr 
gehabt. Wie wohl sie sonst fromm, war sie un 
freundlich, häßlich und von üblem Geruch". So 
kam, was bei den Umständen zu befürchten war. 
Zunächst machte er sich keine Gedanken über seine 
Untreue, tat der junge Fürst ja nur, was alle seine 
Standesgenofsen ihm vorlebten. Als er jedoch an 
fing die Bibel zu studieren, um sich zu überzeugen, 
ob Luthers Lehre recht sei, da begann er vom Ernst 
der heiligen Schrift gepackt sich Gewistenöbedenken 
iiber sein Luderleben zu machen. Ein verzweifeltes 
Ringen begann. Er beichtete Luther seinen Zu 
stand: „da hab ich im Paulus gelesen, daß keine 
Hurer oder Ehebrecher werden das Reich Gottes 
erben. Dieweil ich denn befunden, daß ich bei meiner 
jetzigen Hausfrau mich dieser Sünde nicht erwehren 
mag, so habe ich nichts Gewisseres, denn die ewige 
Verdammnis zu erwarten. Meine Prediger liegen 
mir an, ich soll die Laster strafen. Wie kann ich 
Laster, darin ich selbst sticke, strafen? Sie ermah 
nen mich, zum Sakrament zu gehn. Mit was 
gutem Gewissen konnte ich aber zum Tisch des 
Herrn gehn? Ich wußte, daß ich dadurch nur zum 
Gericht kommen würde. So habe ich unsern Herr 
gott dicke angerufen und gebeten. Aber ich bin all- 
weg blieben einen Weg wie den andern". Das ist 
nicht die Sprache des frommen Heuchlers. Manch- 
mal war er der Verzweiflung nahe. Jahrelang 
schloß er sich selbst als Unwürdigen vom Abend 
mahl ans. Man muß sich ins 16. Jahrhundert 
versetzen, um zu verstehen, welche Strafe das für 
den Mensch jener Zeit war. Freilich hier beginnt 
nun sein Unrecht. Statt als Kenner der Bibel 
und guter Christ, der er doch trotz allem sein oder 
werden wollte, nach dem Vvorte Christi zu handeln: 
„diese Art fährt nicht aus denn durch Beten und 
F asten" huldigte der jugendliche Fürst den Freu 
den der Tafel und eines starken, guten Trunkes und 
zog dadurch die Sinnlichkeit immer von neuem 
groß. Wir haben aber heute nicht allzuviel recht, 
ihm daraus einen Strick zu drehn. Machen wirs 
denn bester? Hinderte uns nicht in dieser Beziehung 
zum Glück die Not der Zeit, so gäben wir der 
Zugend noch mehr Fleisch, Eier, Alkohol und Niko 
tin, lauter Dinge, die die Triebe anstacheln. Und 
dann schelten wir über die Unfähigkeit der Zugenv, 
Herr ihres Trieblebens zu werden! So widersinnig 
und grausam ging auch Philipp mit sich um. Aber 
seine Zeit kannte diese Zusammenhänge noch nicht 
so wie wir heute. Da schien ihm in seiner Not die 
Bibel einen Ausweg zu bieten. Hatten nicht so 
viel fromme Männer mehrere Frauen gehabt. 
Abraham, David? Und sagt nicht die Schrift, 
daß sie Männer nach dem Herzen Gottes ge 
wesen? M it keinem direkten W 0 r t 
wird dir Vielehe in der Bibel ver 
urteilt. Zn der Kasseler Landeöbibliothek wird 
noch Philipps Handbibel aufbewahrt. Sie ist vom 
ersten bis zum letzten Wort durchgearbeitet, Seite 
für Seite find Stellen unterstrichen und andere 
durch Randbemerkungen mit Rotstift hervorge 
hoben. So auch alle Fälle von Mehrehe von 
Abraham, Zacob, Esau, Elkana, dem Vater Sa 
muels bis zu dem König David, der 17 Frauen 
besaß. Von diesem heißt eö im ersten Buch der 
Könige XV Vers /[• „David hatte getan, was dem 
Herrn w 0 h l g e f i e l außer in dem Handel mit 
Uria", dem er bekanntlich sein Weib Bathseba 
wegnahm. Da steht in Philipps Bibel am Rand 
groß: Nota! als wollte er sagen: Merk dirs: 
„Den Bruch der Ehe verbietet und straft Gott, 
aber die Vielehe ist nach seinem Herzen, das lehrt 
dich Davids Geschichte." Da keimte in ihm die 
Hoffnung auf, er könne vor seinem Gott wieder 
als ehrlicher Mensch bestehen, wenn er eine, die er 
wirklich lieb hatte, zu seinem rechten Eheweib 
machte und alle Beziehungen zu anderen abbrach. 
Er fragte seinen Freund Ulrich von Württem 
berg um Rat, für den er ja so viel getan, dem er 
1,534 den verlorenen Thron wieder erobert hatte. 
Der riet dringend ab und schloß seinen Brief mit 
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