Full text: Hessenland (44.1933)

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an . . ." Was alles Menzel in diesen vier Tagen 
in M'arburg an Architektur und Ntenschen ge 
zeichnet hat, ist geradezu unfaßlich, aber für seine 
große Arbeitskraft bezeichnend. Alle diese Zeichnun 
gen und Aquarelle, die in Marburg entstanden 
snw, sind ebenso wie der große Carton selbst in der 
„Hessenkunst 1928" abgebildet. Eö sind nicht nur 
Studien von dem Äußeren und dem Inneren der 
Elisabethkirche und eine Gesamtansicht von Mar 
burg, die er zeichnete, auch die 'Landleute, Frauen 
in der alten Tracht, Männer im weißen Kittel und 
dem mächtigen Zweispiß fesselten ihn und er hinter 
ließ sie uns in wunderbaren Zeichnungen. 
Angeregt von Menzel kam später dessen Freund 
Eduard 9 QI? eyerheim (1808—1879), einer 
der feinsten Sittenbildmaler seiner Zeit nach M'ar 
burg. Meyerheim nahm seinen Wohnsitz im 
nahen Ockershausen, wo er mehrere Fahre in den 
Sommermonaten Bilder auö dem Leben der 
Bauern malte. Sein Bild eines Krammarktes im 
Dorf ist im oberheffifchen Heimatkalender 1931 
abgebildet. Auch fein Sohn Franz M^ eyer- 
heim, der eine schwärmerische Liebe sein Leben 
hindurch für M'arburg hatte, malte manches Bild 
in Ockershausen. 
Zwar nicht Maler von Beruf, aber ein vor 
trefflicher Zeichner und Aquarellist, war der 1909 
verstorbene Professor der orientalischen Sprachen, 
Ferdinand Fusti. Von Prof. Fusti stammt 
eine große Anzahl bis ins Feinste durchgeführter 
Federzeichnungen aus Alt-8Narbnrg und das be 
rühmte „Hessische Trachtenbuch", in welchem er 
in ausgezeichneten Aquarellen die Trachten der 
Kreise Marburg und Biedenkopf festgehalten hat 
und zwar so, daß jeder Träger einer Tracht eine 
besondere vorzüglich charakterisierte Persönlichkeit 
darstellt, und daß dadurch das Trachtenbnch ein 
wertvolles Zeugnis für diesen Volksstamm gewor 
den ist. 
Von der Darstellung der Architektur und der 
Landschaft find wir durch Menzel und Fusti bei 
dem Figurenbild angelangt. 
Wie oben erwähnt, hatten im Fahr 1882 Die 
Freunde Klingelhöfer und Ritter mehrere befreun 
dete Weimarer Maler mit nach M'arburg ge 
bracht. Außer Theod. Hagen, Karl Tübbeke und 
Gust. Kocken waren es noch die Figurenmaler Prof. 
Otto Piltz und Sturtzkopf. Piltz, der bis 
dahin Sittenbilder in seiner thüringischen Heimat 
gemalt hatte, ließ sich mit Sturtzkopf im nahen 
Cappel nieder, wo im Laufe der nächsten drei 
oder vier Fahre eine Reihe hervorragender Bilder 
aus dem Cappeler Leben entstand, besonders von 
Vorgängen in der malerischen Cappeler Kirche, 
Taufgang (Heimatkalender 1931), Nkänner auf 
der Empore, Frauen beim Vaterunser, ein Bild, 
das ich 1683 im Pariser Salon sah, wo eö einen 
vorzüglichen Rang einnahm, und anderes mehr. 
Auch in der alten Schäferei am „Glaskopf" mal 
ten die beiden Weimarer. Piltz malte dort die Fa 
milie des Schäfers Becker beim Nachmittags 
kaffee und hatte dabei feine größte Freude, „wenn 
er sah, wie den Kindern die Schnuznasen in die 
Tassen liefen". Vielleicht hat er das auch auf dem 
Bilde verewigt. Sturtzkopf aber malte in dem 
großen malerischen Schafstall eine heilige Familie. 
Die hessischen Bider von Otto Piltz sind durch den 
Berliner Kunsthändler Lepke fast alle nach Amerika 
verkauft worden. 
Später malte Heinrich Giebel auch 
nrehrere Figurenbilder in der Umgebung Mar 
burgs, z. B. das ausgezeichnete Innere einer 
Bauernstube mit einer alten Frau vor rotem Him 
melbett, das seinen Platz in einem hessischen Mu- 
seum finden müßte, ferner Kinder beim Kartoffel 
feuer u. a. m. 
Diese Bilder entstanden in Silberg im Kreis 
Biedenkopf. In einem anderen Dorfe dieses Krei 
ses, in Erdhaufen, der Heimat seiner Eltern 
und seiner Gattin lebt seiner einer Reihe von Fah 
ren, der Maler Karl Lenz. Lenz war Schiller 
des Städtischen Instituts in Frankfurt und später 
der Düsseldorfer Akademie unter dem Tiermaler 
Prof. Funghannö, dem gegenwärtigen Rektor der 
Düsseldorfer Kunstakademie. Lenz schildert Land 
und Leute seiner Heimat mit einer Echtheit, wie sie 
nur der geben kann, der mit beiden verwachsen ist. 
Mag er die Menschen bei der Arbeit oder bei 
Festen zeigen, immer wird man wieder erstaunt sein 
über die ganz selbstverständliche Echtheit seiner 
Darstellungen. 
Eine längere Reihe von Fahren kam auch bis 
vor zwei Fahren Lenz' Lehrer Prof. Fung 
hannö mit seinen Düsseldorfer Schülern alljähr 
lich nach Erdhausen, wo er hauptsächlich Tier- 
bilder in der dortigen Landschaft malte. 
Der ans Baden stammende berühmte Ntaler 
Fritz Böhle (1879«—1916), dessen Leben sich 
aber in Frankfurt a. M) abspielte, wurde durch 
den Schweinemarkt in Kirchhain zu einem großen 
ausgezeichneten Gemälde angeregt, welches jetzt im 
Marburger Kreishaus hängt. 
Erwähnen muß ich noch einen älteren Realer, 
der zwar nicht aus dem kurhesfischen Oberhessen 
sondern aus dem unmittelbar an dessen Grenze ge 
legenen hessen-darmstädtischen Dorf Londorf 
stammte, Karl Engel, 1817—1870, der sich 
„v 0 n der Rabenau" (die „Rabenau", Be 
sitzungen der Herren von Rabenau in mehreren 
Dörfern dieser Gegend) nannte. Engel hatte seinen 
Wohnsitz in Frankfurt a. M., später in Rödel-
	        

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