Full text: Hessenland (44.1933)

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neue Verfassung vereidigt, am 26. Mai jenen Jahres 
erfolgte die Weihe von zwei Fahnen und einer Stan 
darte auf dem Friedrichsplatz, das auch in Brunners 
Geschichte von Kassel mitgeteilte Bild jener Begeben 
heit ist wohl allgemein bekannt. 
Nachdem Zolldirektor W 0 r i n g e r noch über einige 
Persönlichkeiten der Bürgergarde, so den bekannten 
Militär-Schriftsteller Max von Ditfurth, Ehrenbürger 
von Kassel, gesprochen und Volkswirt Jacob 
Einiges über die Bewaffnung und die Wache der 
Bürgergarde im Hallengebäude am Königsplatz mitge 
teilt, sprach Zolldirektor Woringer über die Dich 
terin H. Brand, deren eigentlicher Name Hille 
brand war und deren 100. Geburtstag am ig. Januar 
begangen werden konnte. Ihr ältester bekannter Vor 
fahre Joh. Phil. Hillebrand aus Niederelsungen war 
1726 geboren, zeichnete sich als Gefreiter zu Roermonde 
aus und wurde daraufhin sofort zum Leutnant befördert 
*1758). Seine Söhne nahmen teil am Amerikanischen 
Feldzuge, einer von ihnen ging später wieder nach Nord 
amerika, der andere setzte das Geschlecht fort und einer 
von dessen Söhnen gehörte jener Deputation an, die dem 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. i. I. 1850 zu Philipps 
ruhe Vortrag hielt über die Gewifsensbedrängmfse der 
Offiziere infolge des Eides auf Kurfürsten und Ver 
fassung. Seine Tochter war die bekannte Dichterin. Sie 
vermählte sich mit dem Buchhändler Wigand, der zuerst 
eine Omnibusoerbindung zwischen Kassel und Wilhelms 
höhe schuf und dann auch der Anreger der Trambahn 
wurde. 
Dann nahm noch einmal Studienrat Dr. Schmitt 
dag Wort. Er berichtete über den nun verschollenen 
Gesundbrunnen zu Nordshausen, der iZchi 
und 1609 sowie 1633 erwähnt wird und von dem aller 
lei Wunderkuren berichtet werden. Eine gefaßte Duelle 
liegt im S. O. von Nordshausen, doch scheint nach de» 
dürftigen Angaben in der Literatur die eigentliche Heil- 
guelle näher dem Baunsberge oberhalb des Dorfes ge 
legen zu haben. Die erstgenannte Quelle hat i. I. i8/;8 
Apotheker Gläßner untersucht, der Gehalt an minera 
lischen Bestandteilen ist schwach. Die andere Quelle, 
die zeitweilig auch schon zwischen den genannten Jahren 
verschüttet war und dann wieder aufgeräumt ward, soll 
Blinde und Lahme, Taube und andere Kranke geheilt 
haben. 187g wurde noch einmal eine schwindelhafte 
Nachricht über die Wiederauffindung der Heilquelle 
verbreitet, doch war es nur ein Manöver eines Sängers 
Kaufhold zu Wehlheiden, der auf diese Weise gehofft 
hatte, ein Grundstück günstig zu verwerten. — Es schloß 
sich noch eine kurze Aussprache über weitere Quellen, 
so zu Dörnhagen und beim Bergamte auf dem Habichtg- 
walde usw. an. 
Zum Schlüße nahm noch einmal Zolldirektor 
W 0 r i n g e r dag Wort und knüpfte an die jetzt wie 
der in Aufnahme gekommene Sitte des Kurrende-Sin- 
gens an. Bekannt ist ja, daß Luther in Eisenach auch 
ein Kurrende-Schüler oder „Partekenhengst" gewesen 
ist. Auch wir hatten in Kassel eine solche Einrichtung 
bei den Schülern der städtischen Lateinschule, die ur 
sprünglich die Schule des St. Martinsstifts gewesen 
war, 1779 aber zum Lyzeum Friderieianum wurde. Nach 
Weber sollen sogar schon im 13. Jahrhundert in Kassel 
Kurrende-Schüler gewesen sein, später wissen wir, daß 
es vornehmlich die Schüler der 7. und 8., also der zwei 
untersten, nur in Deutsch unterrichteten Klassen gewesen 
sind, die man auch als Partimschüler begriff. Später 
ging diese Einrichtung ans die 1792 gebildeten 6 Frei 
schulen über, von denen merkwürdiger Weise vier in 
der Oberneustadt, eine aber nur in der Altstadt und eine 
in der Unterneustadt lag. 1823 waren es 50 Partim- 
schüler, von denen jeder aus den Einnahmen jährlich 
zwei Anzüge mit Schuhen bekam. Ja, das Vermögen 
dieser Einrichtung stieg so, daß man größere Geld 
beträge, 1768 schon ioo Reichstaler, 1810 aber g 45 
Reichstaler gegen Sicherheit ausleihen konnre. 
Der letzte Rektor der Freischulen versammelte zu 
seinem 70. Geburtstage noch einmal seine ehemaligen 
Partimschüler und er, sein Name war Georg Milde, 
verteilte an die „alten Knaben" wie einst die üblichen 
Wecke. 
Nach einigen abschließenden Worte» des Vorsitzenden 
konnre dann der reiche Abend gegen 10^2 Uhr geschlossen 
werden. c. 
Den wissenschaftlichen Unterhaltungsabend am 27. 
Februar 1933 eröffnete Landesbibliotheks-Direktor Dr. 
Hopf mit einem Glückwünsche für Bankdirektor 
Boppenhausen, der vor kurzem seinen 70. Ge 
burtstag beging und für Hofschreinermeifter Jean 
D ö t e n b i e r, der am 27. dag 75. Lebensjahr vollen 
dete. 
Dr. Hopf sprach dann über die Vorgeschichte der 
Heirat des Königs Jerome von Westphalen mit der 
Prinzessin Katharina von Württemberg. Schon das 
Jahr 1804 hatte die Scbatten des Rheinbundes voraus 
geworfen und Anfang 1803 war schon von Paris aus 
sondiert worden, ob nicht eine Verbindung der beiden 
uiöglich sei. Aber König Friedrich von Württemberg, 
damals noch Kurfürst, hatte Bedingungen gestellt, die 
noch nicht zu erfüllen waren: namentlich, daß der Gatte 
seiner Tochter mit einem souveränen Lande ausgestattet 
werde. Napoleon aber war es daun gelungen, in 
Bayern und Baden mit seiner Familien-Politik Fuß zu 
fassen. Für seinen Bruder Jerome bestiiumte er 
nu» eine Tochter des Kurfürsten und späteren Königs 
Friedrich August von Sachsen und die Herrschaft in dem 
neu zu errichtenden Königreiche Polen. Aber da letz 
tere an dem Einsprüche Rußlands scheiterte, so griff er 
wieder auf die württembergischen Pläne zurück, und die 
Schlacht von Jena gab de» Weg frei zur Errichtung 
des Königreichs Westfalen. Jerome's Ehe, die er in 
Amerika geschlossen hatte, wurde für ungültig erklärt, 
und wenn auch seine Ehe mit der Prinzessin Katharina 
eine ausgesprochen politische war, so hat die Prinzessin 
doch ihrem Gatten auch im Unglück die Treue gehalten. 
Anschließend sprach Dr. Hopf noch über eine mit 
dem holländischen Professor Vergell geführte Korre 
spondenz über einen Aufsatz dieses, in welchem gesagt 
wird, daß der Ausdruck „Ab nach Kassel" zurückzufüh 
ren sei auf die Rücksendung des Königs Jerome aus 
dem russischen Feldzuge 1812 durch seinen kaiserlichen 
Bruder. Leider aber versagen die hier zitierten Quellen 
restlos und man muß nach wie vor annehmen, daß in 
der Tat jenes Wort erst i. I. 1870 nach der Schlacht 
von Sedan entstanden ist. Da sich Bergell's Aufsatz 
mit den traditionellen Stiefeln Napoleons befaßte, so 
ergab sich noch eine angeregte Diskussion. Kaufmann 
Dickert erinnerte sich, den Ausdruck „Ab nach Kassel" 
zuerst in Kaiserslauten im September 1870 gelesen zu 
haben, Volkswirt Jacob erwähnte, daß der Spitz 
name „Der gestiefelte Kater" für Napoleon III. schon 
1848 in der deutschen demokratischen Presie allgemein 
sei und auch das „Kutschke-Lied" 1870 von den Stiefeln 
der beiden Napoleone spricht. Pfarrer Hiei)cn: 
schein erinnerte weiter an das Lied „Napoleon, Du 
Schustergesell", das den russischen Feldzug spöttisch be 
handelt, und Dr. Hopf machte abschließend noch die Be 
merkung, daß ein Wort Napoleons III auf die Stiefeln
	        

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