Full text: Hessenland (44.1933)

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Es wäre pedantisch, ihr darum Vorwürfe zu 
machen. " 
Nun es handelt sich um etwas mehr als genaue 
Daten. Dafür ein paar Beispiele, In den Me- 
moiren der Diana v. Pappenheim heißt es, Diana 
sei eine Jugendfreundin der französi 
schen Prinzessin M arie Therese, 
der späteren Herzogin v. Angoulème gewesen, die der 
Diana erzählte: „Über die Leichen auf den Straßen 
mußten wir schreiten, als die Getreuen des Königs 
hauses mich in der Verkleidung einer alten Bäuerin 
retteten." Weiter heißt es in diesen Memoiren, 
daß Königötreue, als Jakobiner verkleidet, die Ge 
rettete nach Straßburg brachten, wo fie lange im 
Hause royalistischer Adeligen verborgen blieb. Das 
wäre alles sehr interessant und neu, da man bisher 
angenommen hat, daß die Prinzessin nicht gerettet 
wurde, vielmehr die Gefangenschaft ihrer Familie 
im Temple teilte und erst lange nach der Hinrich 
tung ihrer Eltern nach Wien ausgewechselt wurde, 
ohne dabei Straßburg zu berühren. 
Doch man darf ja unbedingte Korrektheit von 
Diana nicht erwarten, vielleicht auch nicht im Fol 
genden. Diana erzählt, daß sie nach ihrer Heirat 2 ) 
röo6 mit ihrem Gatten einen eigenhändigen Paß 
Napoleons zur Reise nach Paris erhält. Dort steht 
sie im Theater in der „Königsloge" Napoleon, Jose 
phine und den „König Jerome". Napoleon läßt sie 
in die Königsloge kommen, sie fährt mit König 
Jerome zusammen aus dem Theater und bleibt in 
Paris, bis traurige Nachrichten aus Stammen sie 
an das Sterbelager ihres Schwiegervaters rufen, 
dessen letzte Tage ebenso ausführlich in Rede und 
Gegenrede geschildert werden wie die Haltung der 
Schwiegermutter ihr gegenüber. Dazu ist zu be 
merken, daß die bonapartistischen Brüder während 
des Krieges — er wird ausdrücklich erwähnt — 
kaum in Paris waren, daß Jerome noch kein König 
war und daß Diana v. Pappenheim ihre Schwie 
gereltern kaum je gesehen hat, da der Schwie 
gervater 1770, die Schwiegermut. 
ter 1796 gestorben ist! Wenn man sich 
auch in den Jahren irren kann, so ist doch die 
Schilderung der letzten Tage des Schwiegervaters 
in den Memoiren so genau, daß man sich an den 
Kopf faßt und fragt: wie ist eö möglich, so etwas 
zu erfinden? — 2Denn Diana ihren ältesten Sohn 
2) Die durch nichts begründete Behauptung, daß 
Goethe eine „leidenschaftliche Zuneignug zu Diana ge 
faßt und ste an seinen Freund Graf Pappenheim ver 
heiratet" habe, findet sich auf dem Umschlag der 
„Memoiren" und geht wohl auf Konto des Verlags. 
in Stammen geboren sein läßt, der nach Butt 
lars Stammbach in W e i m a r das Licht der 
Welt erblickte, wenn in ihren Memoiren die un 
möglichsten Namen und Daten vorkommen, so 
können das Irrtümer sein, verzeihliche Irrtümer, 
im Grunde genommen Lappalien. Aber was nun 
kommt, ist mehr. Auf Seite 149 heißt es: 
„Friederikens (v. Berlepsch) Schwester Karoline 
war mit Herrn v. Ma n t e u f f e l vermählt. 
König Jerome hatte bei dem einzigen Sohn des 
Paares Pate gestanden. Manteuffel gehörte 
zu den Häuptern der Dörnbergschen Ver 
schwörung ... Er wurde auf Fürsprache Ma 
dame Lätitias, der Mutter Jeromeö, die sich gerade 
in Kassel aufhielt, begnadigt. Georg v. Ber 
lepsch hat damals die Mutter seines Schwa 
gers, Frau v. Manteuffel, über eine Geheim 
treppe zu Mad. Lätitia geleitet. Für die Vermitt 
lung der Audienz erhielt Berlepsch zwei Tage 
Arrest. Manteuffel glaubte sich später von feinern 
angestammten Fürstenhaus nicht genügend belohnt. 
Er verließ die Heimat, um unter einem Negervolk 
ein solch tragisches Ende zu finden" 2 ). (Er wurde 
nämlich nach S. 148 vom Kaiser Christoph von 
Haiti zum Tode verurteilt.) Die ostelbische' Fa 
milie v. Manteuffel wird gewiß erstaunt sein, daß 
ein Mitglied von ihr zu den Häuptern der Dörn 
bergschen Verschwörung gehörte und später auf 
Haiti in einem Turme verhungerte. Bisher war 
davon nichts bekannt. Noch mehr wird die hessische 
Familie v. B e r l e p s ch sich über den ritterlichen 
Georg v. Berlepsch wundern und erstaunt sein, in 
dem neuen Memoirenwerk große Partien von Brie 
fen und Aufzeichnungen einer Friederike 
v. Berlepsch zu finden, die man ebenso wie 
ihren ritterlichen Gemahl in der Genealogie dieser 
Familie vergebens suchen wird. Dabei sind die 
Memoiren der Diana v. Pappenheim ohne dieses 
Ehepaar gar nicht denkbar. Auch Jenny v. Gustedt 
spricht in ihren Memoiren oft von „Tante Friede 
rike" und „Onkel Berlepsch" und „Georg v. Ber 
lepsch" muß sogar einmal in Weimar in Gegen 
wart Goethes eine Volksrede halten. Sicher etwas 
Irenes für die Goethephilologen. Um diese vor fal 
schen Schlußfolgerungen zu bewahren, sei mitge- 
3) Hier sind zwei romantische Schicksale miteinander 
verschmolzen, des eines Herrn v. d. M a l s b u r g, 
der wirklich zu den Häuptern der Dörnbergschen Ver 
schwörung gehörte und eines Leutnants N e u b e r, 
über dessen haitanische Schicksale man im Hessenland 
von 1889 S. 363 nachlesen möge. Die Figur des 
Georg v. Berlepsch ist eine völlige Erfindung. 
Wir bitten um Einzahlung des Abonnementsbetrages für das Jahr 1933 (RM.4.- resp.RM.3.60) 
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