Full text: Hessenland (44.1933)

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Kartographen nur ein Schritt. Wann er seine 
große Landesaufnahme begonnen hat, läßt sich nicht 
mit aller Bestimmtheit sagen; der Auftrag des 
Landgrafen Earl, der offenbar die Eignung des 
Ingenieurs für eine solche Aufgabe selbst erkannt 
hat, ist nicht, wie bei den Ntercators uno bei 
Dilich, unmittelbar erhalten oder bezeugt. Nach 
Reuße hätte er schon 1704 nach der Beendigung 
des rheinischen Feldzuges im Spanischen Erbfolge 
krieg damit begonnen. In der Tat kann er aber 
ron dieser Campagne, da Landau, das die Hessen 
mit belagerten, erst am 2g. November 1704 ge 
fallen ist, nicht lange vor Jahresschluß in die Hei 
mat zurückgekehrt sein. Nun erscheint das Pferde 
geld, das er in den nächsten Jahren regelmäßig er 
halten hat s ) und das in den Pfennigmeisterey 
rechnungen von 1709—1710 ausdrücklich auf die 
Arbeit an den Landkarten bezogen wird, in diesen 
Rechnungen vom i. Februar 170g an zum ersten 
(Male. Wahrscheinlich ist ihm also der Auftrag 
zur Landesaufnahme eben damals erteilt worden. 
Die Familienüberlieferung läßt Schleenstein „vier 
bis fünf Jahre" an seinem Werke arbeiten. Doch 
kann er 1706 noch nicht fertig gewesen sein, da ihm 
das Geld für die beiden Pferde, „biß zur Verferti 
gung der unter der Hand habenden Landkarten 
monatlich 8 Thaler", auch noch 1709 und 1710 
gezahlt worden ist. TÑir dürfen also annehmen, 
daß er mit dieser seiner Aufgabe von 170g—1710 
beschäftigt gewesen ist. 
Sein Werk, so epochemachend eö auf dem Bo 
den der deutschen Territorialstaaten auch war, — 
es ist, da es gleich seinen Artgenossen in anderen 
Ländern im Kabinett des fürstlichen Auftraggebers 
begraben blieb, zu seiner Zeit weiteren Kreisen un 
mittelbar nicht bekannt geworden. 
Seine Einwirkung auf die gedruckten Karten 
des 18. Jahrhunderts — die von Rozière (um 
1760) find offenbar abhängig von ihm 8 9 ) — bleibt 
noch zu prüfen. Bei den Umwälzungen des 19. 
Jahrhunderts hat es gar mehrfach das Schicksal 
erfahren, außer Landes wandern zu müssen; und es 
ist so schließlich auf mehr als ein halbes Jahrhun 
dert verschollen. Während der westfälischen Zeit 
gehörte eö zu den handschriftlichen Schätzen, die die 
Franzosen nach Paris verschleppten; und als es auf 
Grund der Verhandlungen, die am Ende der Frei 
heitskriege, übrigens unter Teilnahme keines Ge 
ringeren als Jacob Grimms, in Paris geführt 
wurden, nach Kassel zurückkehrte, fehlte gerade das 
8) Marburg, St. Arch. Kriegspfennigmeistereyrech- 
nungen 1705 S. 362, 1706 ©.336, 1708 S. 173, 1709 
S. 158, 1710 S. 155. 
9) Vgl. schon Has 637. 
erste, den Umkreis der Landeshauptstadt behan 
delnde Blatt. Auf Grund einer früher von 
I. Q. Kühne hergestellten Copie des ganzen 
Atlas 10 ) hat es dann der spätere (Major Fer 
dinand Pfister X1 ) sehr geschickt stilgetreu rekon 
struiert. Seitdem lag Schleensteinö Atlas in der 
„Plankammer" des kurhessischen Generalstabes. 
1840 hat ihn so Reuße benutzt und kurz beschrieben 
und noch 1860 ist er Landau bekannt gewesen 12 ). 
Seitdem hat sich etwa 60 Jahre lang kaum jemand 
mehr um ihn gekümmert; und als vermißt, ja als 
verloren, stellte er sich erst heraus, als wir vor etwa 
zehn Jahren bei den Vorarbeiten für den geschicht 
lichen Atlas von Hessen und Nassau die ältere 
kartographische Überlieferung der Landgrafschaft 
Hessen zusammenstellten. Nachforschungen sowohl 
im (Marburger Staatsarchiv wie in der Kasseler 
Landesbibliothek führten damals zu keinem Ergeb 
nis. So kam ich schließlich dazu, sie auch auf Ber 
lin auszudehnen, in der Vermutung, daß bei der 
Annexion Kurhefsens im Jahre 1866 dies Pracht- 
stück der Kartierungskunst des alten hessischen 
Heeres vielleicht den Weg in das Archiv deö preu 
ßischen Generalstabö angetreten haben könnte. 
Wirklich fand dieser Argwohn nach einiger Zeit 
durch eine Recherche R. VaupelS in Berlin seine 
Bestätigung. Freilich war der gesuchte Schatz in 
zwischen weiter gewandert; im Jahre 1919 bei der 
Auflösung des Preußischen Großen Generalstabes 
war er mit dessen ganzem Kartenarchiv an die Kar- 
tenabteilung der Berliner Staatsbibliothek abge 
geben worden 13 ). 
Gchleensteins Werk, ein Band in Duerfolio- 
Format (etwa 50X70 Zentimeter groß), den wir 
dank dem Entgegenkommen der Berliner Biblio- 
theksverwaltung in Marburg eingehend unter 
suchen konnten, besteht, einschließlich des rekon 
struierten Blattes, aus 20 zum Teil gefalteten und 
bis 100 Zentimeter breiten Einzelkarten, die im 
gleichen (Maßstab von etwa 1 -.50 000 gehalten 
sind. Jede von ihnen behandelt ein Amt oder meh 
rere, einen einheitlichen Komplex bildende Ämter 
und Gerichte, derart, daß Randgebiete nicht selten 
wiederholt erscheinen. Die sehr saubere, ohne Ver 
wendung von Farben in schwarzer Tusche ausge 
führte Zeichnung bietet vom Gelände Wälder, 
10) Landesbibliothek Kassel (aus der alten Wilhelms 
höher Bibliothek). 
11) Über ihn Has 729s. 
12) Vgl. die Bemerkung der Schriftleitung: Zeit 
schrift VIII 200. 
13) Vgl. die Notiz im 28. Jahresbericht der Histori 
schen Kommission für Hessen und Waldeck (1924/23) 
S. 4.
	        

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