Full text: Hessenland (44.1933)

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kerung wandte fidj immer mehr den Nebengewer 
ben zu, der ärmere Teil der Kötter wurde sogar zur 
ausschließlichen Gewerbetätigkeit gezwungen. So 
erscheint das Wirtschaftsleben des 16. Jahrhun 
derts von ungewöhnlichen Triebkräften erfüllt. Es 
kündet sich etwas von der Energie der Arbeit an, die 
der Inhalt modernen Lebens werden sollte. 
Die Burg Stedebach. 
Am 22. Juli i4?6 stellten Landgraf Heinrich 
und sein Sohn Ludwig dem Deutschen Orden eine 
Urkunde aus, durch die ste dem Ordenshof Stede 
bach mit den Höfen zur Burg und allen andern 
Gütern gewisse Freiheiten verliehen 1 ). Die Burg 
und das Burggütchen Stedebach kehren auch später 
in den Leihekontrakten der Hofleute wieder 2 ). 
Wer heute in Stedebach, das 2 Kilometer südwest 
lich Niederwalgern unmittelbar an der alten 
Straße von Marburg nach Wetzlar liegt, nach 
einer Burg oder ihren Überresten Umschau hält, 
wird keine Spur mehr davon entdecken. Ein Blick 
aber auf die Gemarkungskarte von 1768 8 ) belehrt 
uns über ihre Lage und ihren Charakter. Sie war 
östlich der Höfe als Wasserburg inmitten eines 
Teiches errichtet, der von einem Bach aus einer in 
der Nähe entspringenden Ouelle gespeist wurde 4 ). 
Uber ihre Geschichte wissen wir wenig. Die 
eben genannte Urkunde von 1476 bringt von ihr 
die erste Nachricht. Seit wann der Deutsche 
Orden in ihrem Besitz war, ob er selbst sie zum 
Schutze der curia Stedebach gebaut oder sie mit 
seinen Erwerbungen übernommen hat, läßt sich nicht 
feststellen, ebenso wenig, ob ein Zusammenhang zwi 
schen Stedebach und der Befestigungsanlage be 
stand, die der ungefähr 600 Nieter südlich ge 
legene Rückelsberg — im Volksmund jetzt Nickelö- 
berg — offenbar einmal getragen hat. Es ist aber 
anzunehmen, daß zur Aufnahme des besonderen 
Verwaltungöbeamten, der vom Deutschen Orden 
zu Zeiten nach Stedebach bestellt war, wie aus 
Gründen der Sicherung 5 ) schon früh ein festes 
Hans neben den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden 
der Hofleute vorhanden war. Als Stedebacher 
Komtur ist für den Anfang des 14. Jahrhunderts 
der Deutschordensbruder Gobelo nachzuweisen 6 7 ), 
1) St. 21 . Marburg, Urkunden, Deutscher Orden. 
2) Reimer, Histor. Ortslexikon von Kurhessen, 1926, 
S. 453 - 
3) St. 21 . Marburg, Kartenrepositur A 93. 
4 ) Ein — unvollständiges — Verzeichnis der hes 
sischen Wasserburgen bei E. Wenzel, Oer Wehrbau im 
Reg.Bez. Kassel. Phil. Oiss. Halle 1928, S. 68. 
3) Vgl. die Beschwerde der Stadt Wetzlar von 
1349 über den Raubzug der Grafen von Solms gegen 
Stedebach. Wiese, Urkundenbuch der Stadt Wetzlar 1, 
1911, Nr. 1612. 
Es ist offenbar, daß sich aus diesem spannungs 
reichen Wirtschafts- und Gesellschaftszustand un 
zählige Aufgaben für den Staat ergaben. Das 
kraftvolle Leben, welches uns aus dem Deutschland 
der Reformation entgegenströmt, findet seinen un 
mittelbarsten Ausdruck in der Entwicklung der Be 
völkerung. 
Von Ewald Gutbier. 
dann freilich erst wieder für die zweite Hälfte des 
13. Jahrhunderts Herr Martin Schenk zu 
Schweinsberg, der, von 1450 an Landkomtur, den 
Hof 1456 übernahm und als Komtur von Stede 
bach 1468—1473 auftrat Z. Nachdem er 1473 
das „Amt" Stedebach aufgegeben hatte, um dis 
Komturei Griefstedt in Thüringen zu über 
nehmen 8 ), ließ er fich nach seiner Rückkehr vom 
Statthalter des Deutschen Ordens Ludwig Nor 
deck zur Rabenau 1477 das Haus Stedebach wie 
der übertragen 9 ). Nach ihm wurde ein sonst 
Bnrggut genannter Hof auch als Martinsgütlein 
bezeichnet 10 11 12 ). 
Aus der Zeit um 1530 ist das erste Inventar 
der Burg erhalten, das uns erlaubt, wohl die Zahl 
und Bestimmung der einzelnen Räume, aber nicht 
ihre Lage einwandfrei festzustellen “). II. a. wer 
den aufgeführt ein Turm mit einem kleinen Käm 
merchen oben, eine große neue Stube, eine Bade 
stube, eine Anzahl Kammern und vier Ställe. Von 
den einzelnen verzeichneten Gegenständen soll nur 
auf ein Meßbuch, zwei kleine Meßkannen und 
einen zinnernen Weihkefsel aufmerksam gemacht 
werden, weil diese Geräte darauf hindeuten, daß 
auf der Burg auch gottesdienstliche Handlungen 
vorgenommen worden find. 
Ihre Rolle als Wehranlage hat die Burg wie 
so viele ihres gleichen im 16. Jahrhundert ausge 
spielt. Sie diente nunmehr nur dazu, den Land 
komturen Xlnterkunft zu bieten, wenn fie die Jagd 
oder eine andere Gelegenheit hierher führte "). 
6) Gundlach, Die hessischen Zentralbehörden von 
1247—1604, 3, 1930, (5.25g. 
7) St. Ä. Marburg, Oeutschorden, Rechnung 1468. 
Pachtregister i 4 ä 9 - Gundlach a. a. O. S. 234. 
8) St. A. Marburg, Oeutschorden, Pletanzleihbuch 
1456/1532, S. 27. 
9) St. A. Marburg, Urkunden, Oeutschorden 1477 
Juli 25. 
10) St. A. Marburg, Oeutschorden, Pachtregister 
1509/28. 
11) St. A. Marburg, Oeutschorden, Inventars, 
Stedebach. 
12) St. A. Marburg, Oeutschorden, Trappeneirech 
nung 1548/49 2 lusgaben für Wein und Bier nach St. 
für den Komtur und dieGeiger, 1554/Z für den Kom 
tur, als er zum Waidwerk da war, für die Geiger, die 
23 Mahlzeiten verzehrt haben.
	        

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