Full text: Hessenland (44.1933)

44 
Werbetätigkeit der Kleinstädte und deö flachen 
Landes, z. 23 . die Woll- und Leinweberei, erst den 
Handel ermöglichten. Genau so wie die Behaup 
tung, der Handel trage die Gewerbe, gilt die an 
dere, die Gewerbe ermöglichen erst den Handel. 
Die Kleinstädte haben jedenfalls für die territoriale 
Wirtschaft wichtige städtische Aufgaben erfüllt. 
Gewiß, die Landwirtschaft spielte wie heutzutage 
eine erhebliche Rolle in den hessischen Städten. 
Für einige ist aber ausdrücklich bezeugt, daß sie 
eine außerordentlich kleine Feldflur hatten, daß 
ihre Bewohner also vornehmlich auf gewerbliche 
Tätigkeit angewiesen waren 10 11 ). In den größeren 
dieser Städte war ein Ausfuhrhandel beheimatet 
ilnd außerdem war der Durchgangsverkehr im 
Zeitalter des Fuhrmanns von Bedeutung. Ihre 
wichtigste Funktion erfüllten die Kleinstädte aber 
als Marktorte ihrer ländlichen Umgebung. 
Beschränken wir den Begriff „Stadt" auf Ge 
meinwesen über 1000 Einwohner, so hatte Nieder- 
hefsen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
folgende Städte: Kassel (4780), Schmalkalden 
(394o), Eschwege (3300), Hofgeismar (2400), 
Allendorf a. d. W. (2300), Homberg a. d. Efze 
(2130), Grebenstein (1940), Treysa (1920), 
Wolfhagen (1795), Vacha (1640), Rotenburg 
und Wißenhausen (je 1550), Spangenberg 
(1215), Melsungen (1200), Neukirchen und 
Immenhausen (je 1080), Treffurt (1070) und 
Sontra (1040). Für Oberhessen sind die entspre 
chenden Orte: Marburg (3863), Gießen (2722), 
Alsfeld (2182), Frankenberg (2130), Grünberg 
(1890), Butzbach (1350), Kirchhain (1130). 
Die bei weitem wichtigste Frage bei der Be 
trachtung der Bevölkerungsverhältnisse ist aber 
die nach der Bevölkerungsbewegung. Es unterliegt 
keinem Zweifel, daß die Bevölkerung Europas 
und im besondern Deutschlands sich im Laufe des 
16. Jahrhunderts beträchtlich vermehrt hat"). 
Wie liegen die Verhältnisse in Hessen? 
Aus einer Anzahl oberhessischer Ämter ist ein 
namentliches Verzeichnis der „Männer, welche 
dem Landgrafen dienst- und bedepflichtig" waren, 
überliefert 12 ). Es handelt sich demnach um eine 
Aufnahme der landgräflichen Hintersassen, die 
steuer- und dienstpflichtig waren. Also dürften nur 
die Befreiten in diese Liste nicht aufgenommen 
sein. Wenn die Zahl dieser Befreiten auch nicht 
zu bestimmen ist, so kann doch ganz allgemein ge 
10) Vgl. F. Küch, Quellen zur Rechtsqeschkchte der 
Stadt Marburg I 33. 
11) Vgl. I. Belach, Die Bevölkerung Europas zur 
Zeit der Renaissance (Zs. f. Sozialwiss. III sigoH) 
76A ff. 
12) Heute als S. 57 signiert. 
sagt werden, daß sie einen sehr kleinen Bruchteil 
der Bevölkerung ausmachten. Wenn also diese 
„Männer" des Verzeichnisses von 1502, wie es 
den Anschein hat, den Hausgesessenen der Dorf 
bücher entsprechen, so ergibt sich in den acht Jahr 
zehnten bis zu den Aufnahmen der Dorfbücher eine 
Bevölkerungszunahme von ungefähr 100 Proz? 2 ). 
Dieser Prozentsatz erscheint unwahrscheinlich hoch, 
selbst wenn man etwa 10—20 Proz. für die Be 
freiten abzöge. Eine Erklärung bietet sich vielleicht 
nur durch die Annahme, daß im Anfang des Jahr 
hunderts die Pest die Bevölkerung dezimiert und 
dadurch die Zahl der Haushaltungen unverhältnis 
mäßig heruntergedrückt hatte 14 ). Jedenfalls zei 
gen auch Vergleiche einzelner Ortschaften, für die 
Angaben aus mehreren Jahrzehnten vorliegen, daß 
eine starke Bevölkerungsvermehrung stattgefunden 
haben muß. Für dieses Urteil zeugt auch eine 
Äußerung Landgraf Wilhelms, daß „deö Volks 
zuvil" geworden fei 15 ). FabricinS, der zuverlässige 
Unterlagen auch aus dem 17. Jahrhundert zur 
Verfügung hatte, stellt fest, daß die Bevölkerung 
der Obergrafschaft um das Jahr 1383 ebenso 
groß, wahrscheinlich noch etwas größer war als 
1629. 
An der Tatsache einer starken Bevölkerungs 
vermehrung während deö 16. Jahrhunderts ist 
demnach nicht zu zweifeln. Dieser Bevölke 
rungödruck ist aber der stärkste Motor der 
Wirtschaftöentwicklung. Womit soll der Bevöl 
kerungszuwachs ernährt werden? Eine Erweite 
rung der Anbaufläche wurde durch die in allen 
Forstbezirken bezeugte Rodung versucht. Es ist 
klar, daß damit nur verhältnismäßig wenig Nah- 
rungöraum gewonnen wurde. Wie viele „Ent 
erbte" auswanderten, wissen wir nicht. Daß Aus 
wanderung stattfand, erscheint gewiß. Erst unter 
der Tatsache dieses Bevölkerungsdruckeö wird die 
frühkapitalistische Unternehmungsperiode verständ 
lich, die ungemein starke Initiative, die Deutsch 
land auf dem Arbeitsfelde der Gewerbe entfaltete. 
Die aus dem Kreise der großen Unternehmer kom 
menden Anregungen setzten sich auch in der terri 
torialen Wirtschaft durch. Die ländliche Bevöl- 
13) Oie Zahl ist errechnet aus allen vergleichsmäßigen 
Angaben, die Reimers Ortslexikon für 135 Ortschaften 
für die^ i. und 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts bringt. 
Das Verzeichnis von 1302 bildet den beherrschenden 
Grundstock. 
1 4 ) Vgl. die Angaben bei E. Otto, Oie Bevölkerung 
der Stadt Butzbach (1898) 34, welche die geradezu un 
glaublichen Schwankungen der Bevölkerungszahl unter 
den Einwirkungen der Epidemien veranschaulicht. Ähn 
liche Zeugnisse sind auch aus andern Städten beizu 
bringen. 
13) Akten des Marburger Landtages von 1383.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.