Full text: Hessenland (44.1933)

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dem Untergeschosse des Südturmeö in eine Ecke ge 
stellt, wo für viele dieser Fahnen der völlige Zerfall 
eintrat. Waren es auch, bei den Bannern der 
einzelnen Herrschaften, nur auf schwarze Seide ge 
malte Wappen, die Schäfte nur roh bearbeitet und 
die Fahnenspißen roh aus Blech geschnitten, so be 
sitzen wir doch nur noch sehr wenige alte Trauer 
fahnen dieser Art. Am besten erhalten war noch 
die Trauerfahne mit dem kurhesfischen Gesamt 
wappen, die am 12. Januar 1875 anläßlich des 
Heimganges des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. 
geführt war. Nun find die letzten Stücke neu 
aufgezogen und werden so in geeigneter Weise wohl' 
auch für die Zukunft bewahrt. — Bemerkt soll 
aber noch werden, daß wohl gute zwei Dutzend 
leerer Fahnenschäfte davon zeugen, wie viel Kul 
turdenkmäler dieser Art untergegangen find, weil 
man um 1690 kein genügendes Verständnis dafür 
aufgebracht hat. 
Zum Schluß seien hier noch einige Worte ge 
sagt über die bauliche Erneuerung des Kirchen- 
innern, die seit jener in den neunziger Zähren des 
19. Jahrhunderts die erste ist, die zugleich auch die 
Mängel beseitigen will, die damals bei der Er 
neuerung durch Prof. Hugo Schneider sich 
eingestellt hatten. Was die Ausmalung der Kirche 
betrifft, so hat man die dunkle Farbe der Wände 
durch einen hellgrauen Anstrich ersetzt und nur die 
Architekturteile find dunkler, sandsteingrau, gehal 
ten worden. Man hofft damit eine bessere Belich 
tung des Kircheninnern zu erreichen. — Die schwere 
Empore im nördlichen Seitenschiff, die sich an die 
Pfeiler lehnte und deren Wirkung nicht zur Gel 
tung kommen ließ, ist leichter gestaltet und von den 
Pfeilern zurückgesetzt, so daß diese nun frei stehen. 
Da man den Raum, der durch Verkleinerung der 
Empore verloren geht, nicht entbehren kann, so 
wird im südlichen Seitenschiff eine gleiche Empore 
neu eingefügt, doch ist diese Arbeit wohl erst für 
das kommende Jahr zu erwarten. Beide Emporen 
schließen sich dann der Orgelempore an, die man 
auf beiden Seiten durch Anlage zweier „Nester" 
für einen Sängerchor erweitert hat. Auch wird 
die häßliche Lücke in der Mitte des Orgelprospektes 
durch eine Vororgel geschlossen werden. 
Sehr schön ist es gelungen, die Gewölbeschluß 
steine wieder wirksam zu machen, besonders auch 
durch Freilegung der Umfassung der Schlußsteine 
des Chores, die noch vollkommen intakt waren, wäh 
rend fie bei den Schlußsteinen des Mittelschiffes 
teilweise gelitten hat. Erneuert wird der Kanzel 
körper, während der alte, aus dem 17. Jahrhundert 
stammende Schalldeckel erhalten blieb. Einer 
gründlichen Erneuerung aber wurden die Glas- 
fenster unterzogen. Auch hier ging man davon ans, 
daß die bei der Erneuerung 1889/92 hergestellter' 
bunten Glasfenster zu viel Licht vom Kirchen 
innern absperrten, zumal auch die damals beschaff 
ten und in der Kasseler Glasmalerei der Gebrüder 
Ely hergestellten neugotischen Fenster keineswegs 
mehr unserem Empfinden entsprachen. Man har 
nun vollkommen neue Fenster in Antik-Glas be 
schafft, wobei im Chor die Wappen der Alt- 
hesstschen Ritterschaft (als Stifter) festgehalten 
wurden, wie sie in den Fenstern bislang erschienen. 
Sie umgeben die beiden hessischen Gesamtwappen, 
jenes, wie es in den Tagen des Landgrafen Philipp 
geführt wurde und daneben das Wappen des Kur- 
staates Hessen, wie es von 1818 bis 1866 Staats 
wappen war. Die übrigen Fenster wurden mit 
symbolischen Darstellungen, den zwölf Aposteln und 
Ornamenten geziert. Der entwerfende Künstler 
war B ö h l a n d , während der Maler der Ber 
liner Porzellan-Manufaktur, P eschel, die tech 
nische Herstellung der Glasmalerei durchführte. 
Die nun ausgeschalteten Fenster wurden auf 
Wunsch den Stiftern wieder zugestellt, der Rest 
ist auf dem Kirchenboden magaziniert worden. 
Die oben schon erwähnte Altar-Mensa mit den 
Skulpturen vom Hochgrabe der Herzogin Agnes 
wird künftig nicht mehr unter der bisherigen hölzer 
nen Verschalung stehen, vielmehr wird das schöne 
Werk, das wohl der Hand eines Kasseler Stein 
metzen des ausgehenden 15. Jahrhunderts ent 
stammt, nun den Besuchern des Gotteshauses nicht 
mehr verborgen sein. 
Wenn aber am 18. Dezember der eherne Mund 
der Osanna und der übrigen Glocken deö Geläutes 
die Gläubigen wieder in das erneuerte Gotteshaus 
ruft, dann möge man auch zugleich der Vergangen 
heit der St. Martinskirche gedenken, die so eng 
mit der Geschichte unseres angestammten Fürsten 
hauses verbunden ist, wie fie auch verbunden ist mit 
Kassels Schicksalen in guten und bösen Zeiten. 
Forschungsarbeit in Universitäts-Seminaren. Privatdozem Dr. Erwin Miskemann. 
Vielfach tritt heute das Bestreben hervor, die wissen 
schaftlichen Forschungsinstitute von den Universitäten zu 
lösen und zu verselbständigen. Daß solche aristrokratische 
Isolierung der allein seligmachende Weg der Forschung 
sei, kann nicht energisch genug bestritten werden. Von 
jeher beruhte doch der Fortschritt der Wissenschaft ge 
rade auf ihrer Verbindung mit den praktischen Lehrauf 
gaben der Universität, die ja auch ihrerseits ohne stetige 
Fühlung mit der Forschung unerfüllbar bleibe» würden. 
Darum muß es höchstes Ziel der Hochschule sein, das 
Gleichgewicht dieser ihrer beiden polaren Kräfte, der 
Lehre und der Forschung, sich zu erhalten.
	        

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