Full text: Hessenland (44.1933)

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freigelegt, deren eine mit vollkommen zerstörter In 
schrift nur noch die Jahreszahl 1550, die andere 
aber, bei der auch die Inschrift nicht mehr les 
bar war, die in ihrem Charakter jedoch auf das 
15. Jahrhundert hindeutete, einen Priester mit 
Kelch in eingeritzter Arbeit erkennen ließ. — Etwas 
mehr Klarheit erbrachten zwei Steinsärge, die auf 
der Nordseite des Chores, dicht unter dem ge 
goffenen Epitaph der Landgräfin Christine, von 
Philipp Soldan's Hand, sich fanden. Der eine die 
ser Steinsärge barg die Gebeine des Dekans Lud 
wig von Radehausen, der für 1452 ur 
kundlich bezeugt ist. Die Inschrift, in gotischen Ma 
juskeln umlaufend, aber nur teilweise lesbar, lau 
tet: Ludovic de Rodehusen, dec. h ... eccle ... 
h. sepulc ... — Der zweite dieser Steinsärge aber 
gehört dem für das Jahr 1430 uns bezeugten Ka 
nonikus Dietrich Schwarz. Leider ist auch 
hier die Inschrift nur schlecht lesbar bis auf die 
2 Vorte: Hie jacet Thyderic Swartze ... 
Das Hauptinteresse bei den Arbeiten an dem 
Gotteshause, soweit dabei Grabstätten angeschnitten 
wurden, mußte natürlich den Ruhestätten der fürst 
lichen Familie Hessen gelten, von denen man bis 
lang nur wußte oder zu wissen glaubte, daß sie sich 
im Chore von St. Martin unter den beiden Grab 
platten des Landgrafen Philipp und seiner Ge 
mahlin Christine befänden, wie auch das elf Meter 
hohe Alabaster-Epitaph für Philipp und Christine 
von der Hand der beiden Meister Godefroy und 
Liquir-Beaumont dafür zu sprechen schien, daß ihre 
Ruhestätte unter dem Chore der Kirche sei. Wird 
doch auch erzählt, daß Philipp bei seiner Rückkehr 
am 12. September 1552 am Grabe seiner Gattin 
im Chor im Gebet niedergekniet habe. Aber man 
kannte, obwohl noch im 18. Jahrhundert Besucher 
der Gruft fürstliche Särge gesehen haben wollten, 
nicht mehr den Eingang zu diesem Raume, wie auch 
A. Holtmeyer im Band VI. der „Bau- und 
Kunstdenkmäler" ausspricht. Man hat jetzt den 
Eingang wiederendeckt und zwar zugesetzt unter der 
steinernen Mensa, über die der hölzerne Altartisch 
als Verkleidung sich legte. Bei der Erneuerung des 
Kircheninnern nach den Verwüstungen des Sieben 
jährigen Krieges hatte der Stadtbaumeister I 0 - 
Hannes Wolfs am 21. Juni 1764 (lt. In 
schrift) jene Mensa über dem Grufteingange er 
richtet aus den Resten des ersten fürstlichen Hoch 
grabes, des einzigen, das sich wohl in St. Martin 
befand. Es deckte die Gebeine einer Tochter des 
Landgrafen Hermann des Gelehrten, der Her 
zogin Agnes, Gemahlin Ottos des Ein 
äugigen von Braunschweig, die am 16. Januar 
,471 hochbetagt zu Hann.-Munden verstorben und 
am 25. Januar in der Vaterstadt Kassel beigesetzt 
war. (Die irrige Agnoscierung, die Holtmeyer im 
Denkmälerwerk gab, mitverschuldet zu haben, ist 
Verfasser Dieses zu bekennen dem Andenken seines 
Heimgegangenen Freundes auch an dieser Stelle 
schuldig.) Die Reste dieser Tumba zeigen außer 
dem hessischen Löwen die Leoparden der Plan 
tagenets, die ins Wappen der Welfen übergingen, 
ferner als Wappenhalter den Wilden Nkann und 
den Engel, die Halter des Kasseler Wappens und 
neben einem Löwen den Greifen. Aber das Grab 
hat wohl kaum an der heutigen Stelle gestanden, 
wo wir für die Tage des Mittelalters eher den 
Hochaltar zu suchen haben. 
In der nun zugänglich gewordenen Gruft wur 
den 20 Särge gefunden, die dicht übereinander 
gestellt, nur schwer zugänglich waren und um deren 
Agnoscierung sich die Herren Regierungs- und 
Baurat Dr. T e x t 0 r und Dr. S t 0 l b e r g , 
Assistent des Herrn Bezirkskonservators, bemüht 
haben. TVaS dort beim Scheine einer Taschen 
laterne entziffert werden konnte und was stch sonst 
an Einzelheiten erkennen ließ, mag nun in Nach 
stehendem ausgeführt fein. Soviel aber muß gleich 
mitgeteilt werden, daß es sich bei den Särgen in 
erster Linie um Geschwister und Kinder des L a n d- 
grafen Nt 0 r i tz handelt, während weder die 
Särge des Landgrafen Philipp des Großmütigen 
und seiner Gemahlin Christine noch die Särge des 
Landgrafen Wilhelm IV., seiner Gemahlin Sa 
bine, des Landgrafen Moritz und seinerGemahlinnen 
gefunden werden konnten, obwohl z. B. für dessen 
zweite Gemahlin der aktenmäßige Nachweis des 
gezahlten Begräbnisgeldeö mit 40 fl. vorliegt. Es 
scheint aber, daß einmal, und vielleicht schon in 
früher Zeit, eine Beraubung der Grabstätte statt 
gefunden habe. Ntan könnte an eine Zeit denken, 
in welcher noch neue Särge über die alten hinge 
stellt wurden, also an das 17. Jahrhundert, ebenso 
aber auch an die Möglichkeit, daß die Beraubung 
und Zerstörung der fürstlichen Särge erst während 
der Benutzung des Gotteshauses als Lazarett und 
Magazin im Siebenjährigen Kriege erfolgt sei. 
Gegen diese Annahme aber spricht der Umstand, 
daß die uns heute noch fehlenden fürstlichen Särge 
zu unterst gestanden haben müssen, indessen man 
hier die späteren Särge darüber packte, wie gerave 
Raum war, ganz ebenso wie es vor 1891 in der 
Fürstengruft unter dem Kapitelsaale der Fall war, 
wo erst mit der Herausnahme der nichtregierenden 
Glieder des Hauses Hessen die heutige Ordnung 
geschaffen werden konnte. Das Gleiche gilt für 
die Vermutung, daß bei Anlage der Zentralheizung 
für die Kirche, die außerhalb der Südseite des 
Chores liegt, ein Einbruch in den neunziger Jahren, 
verbunden mit Beraubung fürstlicher Särge, er
	        

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