Full text: Hessenland (44.1933)

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„-Qnintus Fixiern". Hier wie oort sind die Haupt 
personen Studenten, die nur ein Bett, einen Rock 
usw. haben. Bei Jean Paul sind es allerdings 
arme, aber sonst ordentliche Menschen, während 
es hier liederliche Studenten sind, von denen nur 
einer, der Held der Erzählung, eine edlere Lebens 
ansicht gewinnt. Die Geschichte, deren tieferen 
Hintergrund die damals so vielen gefährliche Pe 
riode des wissenschaftlichen Materialismus bildet, 
zu dem hier als Ergänzung der heilende Idealis 
mus eines warmen Menschengemütes tritt, ist 
schlicht und einfach, aber mit großem Geschick be 
handelt und mit manchem frischen und geistreichen 
Zug durchwebt. Zu bedauern bleibt, daß statt eines 
sorgfältig ausgeführten Gemäldes nur eine leicht 
hingeworfene Skizze jenes halb frivolen, halb senti 
mentalen Hindämmerns im Studentenleben gege 
ben ist, wie es Eichendorff in seinen Schilderungen 
des süßen Nichtstuns und der Seligkeit des Hin 
brütens liebte. Besonders ansprechend sind die Na 
turschilderungen der Marburger Umgebung, 
welche die Eigenart des Dichters kennzeichnen, 
z. B.: „In den vollen Lindenkronen des Kirchhofs 
wogte der Morgenwind hin und her, daß das Bild 
lebendiger ward und die schöne Brust der ehrwür 
digen alma matar sich sichtbar hob und senkte. 
Ich erstieg die Höhe des Bergrückens und verlor 
mich in der heimlichen Nacht des Waldes. Noch 
blickten die Gräser wie mit Kinderaugen in un 
schuldiger Tauklarheit der Sonne entgegen. Die 
Tannenwipfel flackerten mit ihren jungen lickten 
Spitzen zum Himmel auf, als ob es schon Weib 
nachten wäre, und rauschten in das Frühgebet der 
Drosseln." 
Wie man hier den durch gründliche Studien 
und Lebenserfahrung hochgebildeten Menschen und 
vor allem den liebenswürdigen Humoristen erkennt 
und Schlichtheit und Einfachheit als einen hervor 
stechenden Zug seiner Muse schätzen lernt, so er 
kennt man in Altmüllers „Gedichten" bald den ge 
mütvollen Hessen, der des tiefen Ernstes wie des 
heiteren Humors gleich fähig ist, ob er nun gewöhn 
liche Lebenserscheinungen poetisch besingt („An 
meine Wandertasche") oder in die Tiefen des Her 
zens dringt („In der Fremde"). Am höchsten von 
seinen Gedichten stehen die von wärmster Vater 
landsliebe beseelten Heimatlieder und die zum Teil 
in der Brautzeit entstandenen zartempfundenen 
Liebeslieder. Auch unter seinen Gelegenheits 
gedichten finden sich formgewandte, treffliche 
Stücke ernsten und heiteren Inhaltes, die zum Teil 
eines feinen Spottes nicht entbehren („Das Lied 
vom veilchenblauen Referendar"). Zu den treff 
lichsten Perlen seiner Lyrik gehören unstreitig: 
„Mein Deutschland", das in Tonfall und Inhalt 
an das Deutschlandlied erinnert, „Meiner Mmt- 
ter Bild", „An Ernst Koch", „Am Ziel", „An 
deiner Brust entschlief mein Leid", „Daheim", 
„In der Fremde". In diesen ist alles ungekünstelt, 
schlicht und wahr, erfüllt von warmem Gemüt und 
echtem Empfinden. Das tiefe Hestenheimweh, das 
die besten unserer heimatlichen Dichter beseelt, fin 
det bei ihm einen ergreifenden Ausdruck und bildet 
einen Grundzng seiner dichterischen Wesensart. 
Kein Heimatlied hat bei den Hessen in der Fremde 
so tiefen Eindruck gemacht wie das bekannte, von 
Meyerbeer und Lewalter komponierte: „Ich weiß 
ein teuerwertes Land", in welchem die tiefe Ge 
mütsart des Dichters sich mit einer volkslied 
mäßigen Schlichtheit und Einfachheit im Ton 
paart. 
Kein Wunder, daß viele seiner Lieder wegen 
ihrer volksliedmäßigen Tonart von 9 N e y e r - 
beer und anderen Tondichtern gern komponiert 
worden find wie seine „Lieder zu Volksweisen" und 
„Lieder ohne Worte". 
So gebührt Karl Altmüller neben Ernst Koch, 
Franz Dingelstedt, Julius Rodenberg u. a. ein 
ehrenvoller Platz unter den hessischen Dichtern des 
vorigen Jahrhunderts. Er ist neben Ernst Koch der 
reinste Typ eines Hefsendichters, dem es leider nicht 
vergönnt gewesen ist, die Volkstümlichkeit des von 
ihm so hoch verehrten und gefeierten Dichters des 
„Prinzen-Rosa-Stramin" zu erlangen, den er zwar 
dichterisch nicht ganz erreicht, weil er herber in 
Form und Auffassung ist, den er aber andererseits 
übertrifft, weil er größer an Geist und umfassender 
an Bildung ist. 
Eine Gedenktafel für Karl und Hans Altmüller. 
Am Sonntag, dem i. Januar, wurde in Kastei 
an dem Hause Königötor 48 in feierlicher Weise 
eine Bronzetafel enthüllt, die zwei Repräsentanten 
des hessischen Geisteslebens gewidmet ist und an ihre 
Verdienste um die Heimat dauernd erinnern soll: 
Karl Altmüller, dem Dichter des Hestenliedes, und 
seinem Sohn Hans Altmüller, dem Kasteler 
Dickter und Philosoph. 
Die Gedenktafel hat folgende Inschrift: In 
diesem Hause wohnte seit 1871 Karl Altmüller, 
der Dichter des Hestenliedes, geb. 1833, gestorben 
1880, und sein Sohn Hans Altmüller, der Kas 
seler Dichter und Philosoph, geb. 1863, gestorben 
1932.
	        

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