Full text: Hessenland (44.1933)

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Es ist ja kein Fleckchen Erde so arm nnd kahl, daß 
wir beim Abschied, wenn eö uns eine Zeit lang ge 
herbergt hat, nicht um irgend etwas trauerten. An 
dem Tage, an welchem wir Abiturienten entlasten 
wurden und als reif vom Schulbaum abfielen, 
stand ich noch lange allein in den verödeten Räu 
men der Prima. Die Übrigen waren im Jubel 
davongebraust, ich blieb und sagte den Wänden, die 
ich so oft nie wieder zu sehen gewünscht hatte, ein 
stilles Fahrwohl. Da sahen ste nun ganz anders 
aus als sonst. Über die braunroten Bänke spielte 
die Spätsonne und ste begannen allerlei alte liebe 
Geschichten zu erzählen. Kein grämliches Exer- 
citiengestcht verscheuchte den Rosenschein der Er 
innerung, der ste umwebte, und als selbst der Pe 
dell, wie ich ihm den Abschiedstaler in die Hand 
drückte, seinem spirituosen Antlitz das Gepräge der 
Wehmut aufzwang, da ward mir wunderlich und 
fast hätte ich gewünscht, noch einmal in die Tiefen 
der Vminta hinabsteigen nnd zum zweiten Mal 
den mühsamen Calvarienberg hinanwandeln zu 
dürfen bis zu der Station, wo dem, welcher aus- 
gebüßt hat, die Absolution erteilt wird." 
Nach bestandener Reifeprüfung studierte Alt- 
müller Ln Marburg, Berlin und München die 
Rechte, nebenbei Philosophie nnd Literatur. In 
der hessischen Musenstadt umfing ihn der Zauber 
des akademischen Lebens, aber es muß ihn wohl 
manches dort abgestoßen haben, denn in seinen 
„Ironischen" beichtet er uns: „In den Flitter 
wochen des akademischen Lebens hatte der scharfe 
Nordost der TArklichkeit schon wacker an dem 
TÄnnderbaum der Erwartung gerüttelt und manche 
Blüte abgeweht. Ich fand vieles anders, als ich 
es mir geträumt, eine mißmutige Stimmung brei 
tete sich über das erste Hochgefühl der neuen Frei 
heit und es verlangte mich wieder aus den engen 
Gasten heraus, die meine Einbildung mit so viel 
lieben Schatten bevölkert hatte." 
Nach beendigtem Studium gab Altmüller in 
Kassel die Wochenzeitschrift „Der Telegraf" her 
aus, die durch ihre witzige und frische Kritik rasch 
Aufsehen erregte. Seine Absicht, sich der Schrift 
stellerei zu widmen, gab er bald wieder auf und 
trat beim Dbergericht in Kassel in den Vorberei 
tungsdienst, schied aber 1671 ans dem Staats 
dienst aus und wurde Leiter der von den Brüdern 
N^urhard begründeten Stadtbibliothek in Kastel- 
Er starb, wenn auch nach längerem Herzleiden, 
doch unerwartet in der Nacht vom 22. auf den 
23. September 1880 am Herzschlag. 
Altmüller gehört wie Ernst Koch zu den 
Dichternaturen, die nur ganz wenig der Öffent 
lichkeit übergeben haben. Bei Koch waren es die 
Karl Altmüller 
widrigen Lebensumstände, die ihn daran hinderten, 
ein reiches Schaffen an den Tag zu legen, bei Alt 
müller war es eine ungemein scharfe Selbstkritik, 
die er an sich übte. Dafür spricht auch, daß nach 
seinem ausdrücklichen Wunsch sein reicher Hand 
schriftlicher Nachlaß nicht veröffentlicht werden 
darf, auch nicht sein reichhaltiger, interessanter 
Briefwechsel mit befreundeten Dichtern wie Gei- 
bel, Bodenstedt u. a. 
Freilich, was von ihm in Zeitschriften und 
Sammelbänden sich zerstreut findet, ist nicht gering 
an Umfang, wenn auch schwer zugänglich. Er 
wähnt sei hier z. B. die Novellensammlung „Was 
Ihr wollt" (Göttingen, G. H. Wigand 1856 
ff.), in deren erstem und drittem Band fich die 
autobiographische Skizze „Veronika" (Ein Weih 
nachtsbrief) und die Reiseskizze „Wo Du bist, da 
will ich auch sein" findet. In Buchform dagegen 
hat Altmüller nur wenige Werke veröffentlicht: 
1839 die Studentenerzählung „Die Ironischen" 
(Göttingen, G. H. Wigand), 1864 eine Samm 
lung „Gedichte" (Kassel, Theodor Kay), eine 
Übersetzung von Robinson Crusoe (Hildburghansen 
1868), sowie endlich 1878 den klassischen Vortrag 
„Der Humor". 
Als sein Hauptwerk dürfen wir die unter 
Jean Pauls Einfluß stehenden „Ironischen" an 
sehen. Die Fabel erinnert an dessen Erzählung
	        

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