Full text: Hessenland (44.1933)

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Da waren weiter drei Halbfigurenbilder von 
größter Bedeutung: die „Alte Frau" aus der Ga 
lerie in Dresden. Von vielen am meisten geliebt 
unv am höchsten gestellt. Wundervoll dies Gesicht 
mit den vergilbten Fleischtönen, den großen, um 
den Tod wissenden Äugen, die alte feingemalte 
Tracht. Ferner der „Falk" aus der Galerie Han 
nover, ein Bild männlicher Kraft und bäuerlichen 
Stolzes, auch hier mit den feinsten, Mätteln sach 
licher Interpretenkunst gemalt. Und ein drittes 
Halbfigurenbild, ein junges Mädchen in Tracht, 
frische Wangen, voll Lebenslust, von Sorgen noch 
unbeschwert. Diese Halbfigurenbilder sind be 
kanntlich eine Eigenart Bantzerscher Kunst, die er 
recht eigentlich in der modernen Kunst wieder ein 
geführt hat. 
In den OTebenräumen zeigte Prof. Bantzer noch 
Zeichmmgöstudien zu den großen Bildern: dem 
Abendmahl, der Äbendruhe, dem Familienbild, 
dem Tanz, dem Waldbild und dem Rathausbild, 
die sehr interessant sind. Welche Vorarbeiten sind 
nötig, bis das große Bild gelungen ist, bis die große 
Conception zur Composttion, in der Bantzer be 
kanntlich Meister ist und zur Durchführung im 
Einzelnen gediehen ist. Auch die bekannten Litho 
graphien werden hier gezeigt. Und welch ein Zeich 
ner der Künstler ist, kann m in an ausgewählten 
Landschaftszeichnnngen studieren. 
Diese Ausstellung des Hauptlebenswerkes — eö 
ist ja hoffentlich noch zu bereichern und noch nicht 
abgeschlossen — gab. -das eindrucksvollste Bild von 
der künstlerischen Größe und Persönlichkeit Prof. 
Banßers. Was Banßer gegeben hat und gibt, ist 
hohe Kunst des wahrhaft gottbegnadeten Künstlers, 
die an sich weder an das Gefühl der heimatlichen 
Zusammengehörigkeit noch an bestimmte volkskund 
liche oder sonstige Ausdrucksweise gebunden ist. 
Seine Heimatliebe ist die natürliche Grundlage 
seiner menschlichen und künstlerischen Persönlichkeit, 
durch diese im Tiefsten wurzelnde Verbundenheit 
mit der Wirklichkeit, die er verklärt und erhebt in 
die Sphäre eines höheren Daseins, ist feine Kunst 
hessische Kunst und wahrhaft echte Kunst. 
Banßers künstlerische Persönlichkeit im Ringen 
nach Licht und Farbe, das weite Jahrzehnte die 
Entwicklung der deutschen Kunst beherrschte, zu 
schildern, ist nicht Aufgabe dieser Zeilen. Jeder 
Künstler hat seine Entwicklung, die seine Ausein- 
anderseßung mit den ewigen Grundlagen der Kunst 
und mit den Problemen der Zeit ausmachen. Auch 
Banßer hat sie, wenn er auch von den verschiedenen 
„Richtungen" am wenigsten berührt erscheint. Von 
einem gewissen Zeitpunkt ab ist er völlig er selbst 
und bleibt es. Seine Kraft ruht ganz im Innern. 
Er dringt in das Wesen der Persönlichkeit ein, wie 
in das Wesen der Landschaft, und gestaltet das 
Einzelne zum Allgemeingültigen, er sucht und fin 
det das Symbolische. Auge und Hand gestatteten 
ihm, seinem künstlerischen Vdollen und Wirken die 
adäquate und letzte Form zu geben. Das aber 
macht den echten Künstler, als der er, Banßer, als 
der Besten einer heute vor uns steht. 
Der Kunstbetrieb unserer Tage hat es mit sich 
gebracht, daß der Begriff der künstlerischen Per 
sönlichkeit und das „Können" nicht so hoch geschätzt 
wird als die „Richtung", noch dazu die am lau 
testen vorgetragene und von den Kunstschriftstellern 
propagierte (so muß man schon sagen). Die Kunst 
geschichte lehrt, daß über solche Zeiten hinaus sich 
die echte Künstlerpersönlichkeit noch immer durch 
gesetzt hat und — geblieben ist. Die Schätzung 
Prof. Banßers ist immer groß gewesen. Viele Ga 
lerien und bedeutsame Privatsammlungen be 
wahren seine Werke, obwohl er von Richtungen 
heute wie von jeher frei gewesen ist. Banßers 
Kunst wird bleiben. 
Im Jahre 1918 änderte sich die Lebensbahn des 
Künstlers noch einmal. Er folgte einem Rufe als 
Direktor an die Kunstakademie in Kassel. Es ist 
ihm nicht leicht gefallen, seine lange und fruchtbare 
Lehrtätigkeit in dem ihm doch auch lieb gewordenen 
Dresden aufzugeben. Er hat damals schwere innere 
Kämpfe durchgefochten. Aber schließlich siegte die 
Hoffnung, seiner Heimat näher und mehr sein zu 
können. Seine Berufung machte er damals von der 
Berufung seines Freundes Paul Baum als Lehrer 
der Landschaftömalerei abhängig, und es gelang, 
dies bei der Regierung, und was schwerer war, bei 
Paul Baum durchzusetzen. Aber die Zeiten waren 
für die Wirksamkeit Banßers nicht günstig. Die 
Kampftendenzen eines nicht naturgebundenen Ex 
pressionismus erschwerten eine organische Tätigkeit 
in der mit Intriguen geladenen Atmosphäre jener 
revolutionären Zeit. Baum zog sich schon 1921 
wieder zurück nach Marburg und Bantzer hatte 
sich im Jahre 1924 ein eigenes Haus erbaut und 
wohnt seit 1925 jetzt in Marburg, wo die Uni 
versität ihn bereits 1904 zum Ehrendoktor und die 
Stadt Marburg zu seinem 75. Geburtstage zum 
Ehrenbürger ernannte. In Marburg nimmt er 
noch lebhaft an den öffentlichen Angelegenheiten 
teil, wo er in Fragen des Städtebaues u. a. sein 
künstlerisches Urteil zur Verfügung stellt. Bantzer 
ist übrigens auch Dr. ing. h. c. der Technischen 
Hochschule Darmstadt. Die Münchener und Ber 
liner Sezession ernannten ihn bald nach ihrer Grün 
dung zu ihren auswärtigen Mitglied, die könig 
liche Akademie der Künste in Berlin im Jahre 
1904 zum Mitglied, an der Dresdner Kunstaka 
demie war er seit 1908 Leiter eines akademischen
	        

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