Full text: Hessenland (44.1933)

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gestrichen worden. So ist es schlechterdings unmöglich 
geworden, die Zeitschrift alle Jahre erscheinen zu lassen. 
Nur mit größter Mühe können die „Mitteilungen" 
aufrecht erhalten werden. Oie planmäßige Ergänzung 
unserer wertvollen Sammlungen ruht fast vollständig, 
Mittel für Ausgrabungen sind nicht frei zu machen. 
Dabei schickt der Verein sich an, im nächsten Jahre das 
Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens zu begehen. 
Sollen wir es wirklich erleben, daß auch bei diesem An 
lasse die Ausgabe eines neues Bandes der Zeitschrift 
an der Finanznot scheitert? Es ist doch n i ch t an dem, 
daß die Arbeit des Vereins für die Gegenwart 
unfruchtbar wäre. Wenn die preußische Staatg- 
regierung die in der Notverordnung vom i. August 
1932 verfügte Abtrennung des Kreises Schmalkalden 
von Hessen wieder zurückgenommen hat, so geschah dies 
mit einer Begründung, die zum Teil wörtlich in einer 
auf der Jahreshauptversammlung zu Hersfeld beschlosse 
nen Eingabe an dag Staatsministerinm zu finden war. 
Gewiß ein Beweis dafür, daß der Verein es sich ange 
legen sein läßt, aus der Erforschung und Erkennung des 
historisch Gewordenen die Nutzanwendung für aktuelle 
Fragen der Gegenwart zu ziehen! Und leistet der Ver 
ein vielleicht nicht nationale Arbeit im besten 
Sinne des Wortes? Je mehr er in der Lage ist, die 
Kenntnis von heimatlicher Geschichte und Kultur, Art 
und Sitte in das Volk hineinzutragen, um so mehr wird 
er es lehren können, seine Heimat, sein Vaterland zu 
lieben. Das ist eg doch gerade auch, was die Regierung 
der nationalen Erhebung erstrebt und wünscht; der Ver 
ein arbeitet also durchaus in ihrem Sinne. Möchten 
doch alle, die dazu in der Lage sind, sich dessen bewußt 
werden, daß sie durch ihren Beitritt dem Verein helfen, 
seine nationale Aufgabe zu erfüllen. Es ist selbst in 
dieser Notzeit wahrlich nicht zuviel verlangt, für diesen 
Zweck etwa eine halbe Mark im Monat aufzubringen, 
zumal Zeitschrift und Mitteilungen dafür kostenlos ge 
liefert werden. M a n ch einer i ft dazu in der 
Lage, der heute noch abseits steht. Es 
darf nicht dahin kommen, daß der hessische Geschichtg- 
oerein seine Veröffentlichungen und seine sonstige wissen-- 
schaftliche Arbeit auf unabsehbare Zeit einstellen muß. 
Daher sollte keiner, der es noch irgendwie ermöglichen 
kann und dem die nationale Wiedergeburt unseres Va 
terlandes am Herzen liegt, in unsere Reihen fehlen. 
Wie der Geschichtsoerein sich schon immer aus Angehö 
rigen jedes Standes und Berufes zusammengesetzt hat, 
so ist uns auch heute jeder willkommen, nicht nur der 
Forscher und Fachhi'storiker, sondern auch der Ge 
schichtsfreund, der durch den Besuch unseren Veranstal 
tungen seine Teilnahme an der Vereingarbeit bekundet. 
Mit der Mitgliedschaft wächst unsere Leistungsfähig 
keit. Darum unsere dringende und herzliche Bitte: 
Tretet dem Verein bei, soweit es noch nicht geschehen 
ist, und ihr, die ihr ihm schon angehört, haltet ihm die 
Treue und werbt für ihn in eurem Freundeskreise! Es 
kann und muß gelingen, ihm über die Krise hinwegzu 
helfen. 
Beitrittsmeldungen werden erbeten an den Verein für 
hessische Geschichte und Landeskunde, Kassel, Friedrichs 
platz 18. 
Nach Schluß der Mitgliederversammlung bot sich im 
kleinen Saale des Stadtparks Gelegenheit zu gemein 
samem Mittagsessen, die von zahlreichen auswärtigen 
Festteilnehmern benutzt wurde. Oie Pause bis zum Nach- 
mittagsausflug wurde von manchen Interessenten be 
nutzt, um die von der Buchhandlung Joh. Braun aus 
gestellten, von Maler Metz hergestellten, ganz vorzüg 
lichen Bilder hessischer Militäruniformen aus drei Jahr 
hunderten zu besichtigen. 
Um Z Uhr nachmittags erfolgte vom Kasino aus in 
drei großen Postautos die Abfahrt nach Wanfried. 
Unterwegs wurde die 0. Eschwegische Wasserburg in Aue 
besucht, wo Lehrer Fröhlich den Führer abgab. Oie 
wohlerhaltenen, die Burg umgebenden Wassergräben 
und die Keller der Burg ließen den alten Zustand der 
Burg noch deutlich erkennen, was sich von dem in neuerer 
Zeit hergestellten Oberbau leider nicht sagen läßt. Herr 
0. Eschwege, der zum Empfang der zahlreichen Gäste er 
schienen war, führte diese dann zum Herrenhause seines 
Gutes, dessen Portal Bewunderung erregte. Dann ging 
eg weiter nach Wanfried. Durch die stillen Straßen des 
freundlichen Städtchens der „Brombeermäimer" fuhr 
man zum Rathaus und begab sich zum Heimatmuseum, 
vor dessen Tür man von einem reizenden, kleinen 
„Brombcerniännchen" mit langem weißen Bart, spitzer 
Mütze und einer Kötze voll Brombeeren mit einem lan 
gen Willkommenögedicht empfangen wurde. Die kleine 
Lina Herber erledigte ihre Aufgabe glänzend und erntete 
reiches Lob. Herr Fabrikant Arthur Israël begrüßte 
dann die Festteilnehmer im Namen der Stadt Wanfried 
und lud zum Besuch des Heimatmuseums ein, dessen 
Sammlungen im Einzelnen durch Herrn Lehrer Pippart 
erläutert wurden. Von den vielen wertvollen Gegenstän 
den des Museums ist besonders die bekannte Oukaten- 
metze zu erwähnen, die der Schwälmer Junker Hans 
Hofe dem Landgrafen Karl für die Erlaubnis, die Land 
gräfin zu küssen, mit Dukaten gefüllt überreicht hatte *). 
Sehr ansprechend war dag letzte Zimmer des Museums, 
das eine vollständige Einrichtung eines Bauernzimmers 
der Wanfrieder Gegend zeigte. Eine prächtige „Anne- 
kathrin" in Wanfrieder Bauerntracht (Fräulein Klara 
Schröder) erläuterte die einzelnen Gegenstände der Mö- 
belauöstattung in einem schönen Gedicht in Wanfrieder 
Mundart, für dag sie ebenso reichen Beifall fand, wie 
für den vorzüglichen Brombeerschnaps, den sie kredenzte 
und den auch manche Damen nicht zurückwiesen. Mit 
herzlichem Dank an Herrn Lehrer Pippart und die 
„Annekathrin" verließ man das Museum und begab sich 
zu der schönen, vom sog. „gotischen Ungewitter" * 2 ) erbauten 
Kirche. Nach deren Besichtigung wurden die Omnibusse 
wieder bestiegen. Die Fahrt führte über die Werra 
brücke, von der man einen Blick auf die ehemals dem 
lebhaften Handel und der Werraschiffahrt Wanfried's 
dienenden Schlagden werfen konnte, an den Fuß von 
Beckers Berg, der auf steilem Wege erstiegen wurde. 
Oie kleine Gaststätte am Waldcsrand bot Kaffee und 
Kuchen, vor allem aber einen ganz herrlichen Blick in 
das Werratal, auf dag im hellen Sonnenschein mit 
seinen roten Dächern leuchtende Wanfried, auf die gegen 
überliegende Plesse und Keudelskuppe und alle sich an 
schließenden Werraberge. Zwei kleine Mädchen erfreu 
ten auch hier durch Gedichtvorträge, die wohlgelangen. 
Nur schwer konnte man sich von dem herrlichen Punkte 
losreißen. Aber die Zeit drängte — also wieder den 
steilen Berg hinab und in die Autos! Nun ging's aber 
nicht denselben Weg, wie bei der Hinfahrt, wieder zu 
rück. Man fuhr noch eine kurze Strecke im Werratal 
hinauf und schlug dann von Völkershausen aus den Weg 
durch den Schlierbachswald ein. Oie Fahrt durch die 
herrlichen Buchenwälder des Schlierbachs war unbe 
*) Uber die Dukatenmetze vergl. Hessenland, Band 23, 
Seite 212, 2^7. 
2 ) Georg Gottlob Ungewitter, Lehrer an der Poly 
technischen Schule in Kassel, * Wanfried 1820, f Kassel 
1864.
	        

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