Full text: Hessenland (44.1933)

02 
der daran anschließende „lange Gang". Die 
Mantelmaner erreicht eine Höhe bis zu 18 Meter 
nnd die zugehörigen fünf Türme weisen in Bau 
art und Einteilung eine gewisse Regelmäßigkeit 
ans, soweit eS die jeweiligen Geländeverhältnisse 
zulassen. So liegen zwei Schießkammern jeweils 
übereinander 4 ). Die zweckmäßige Anlage der zahl 
reichen Schießschachten gestattet eine Beschießung 
der ganzen Umgebung. Das dritte Tnrmgeschoß 
ist bei drei Türmen ausgebaut, bei den Ecktürmen 
der Nordfront dagegen plattformartig angelegt. 
Innerhalb der Mmntelmauer, vermutlich durch 
Zwischenräume von dieser getrennt, erhob sich als 
ältester Teil der Burg der eigentliche Wohnkern, 
ganz auf Basalt errichtet. Dieser Burgteil wird 
im Süden durch die Kapelle, von dem dritten Tor 
und dem „verfallenen" Turm, der auch sonst als 
der Bergfried „mit Burgverließ" in Niederschrif 
ten bezeichnet wird, begrenzt 5 ). Das dritte Tor, 
zu dem jetzt zahlreiche Steinstnfen emporführen, 
läßt deutlich den hochliegenden Schwellenabsatz nnd 
den Mauerkanal für die Riegelbalken erkennen. 
Dahinter, durch das noch höher gelegene vierte Tor 
geschützt, lagen die vorerwähnten Wohnbauten 
oder, wie es in einer Niederschrift heißt, „die drei 
Gebäude des alten Hanfes". Am vierten Torban 
finden sich Merkmale von zwei verschiedenen 
Banperioden. Der ältere gotische Torbogen ist znr 
Renaissancezeit verändert worden. Spuren eines 
Treppenturmes am erwähnten Bergfried stnd un 
schwer zu erkennen. 
Zst schon der Höhenunterschied zwischen der 
Sohle des zweiten und des dritten Burghofes für 
den heutigen Beschauer ein großer, so war dieser 
Gcländennterschied in früherer Zeit noch aus 
fallender. Lag doch der zweite Burghof 2 Nieter 
tiefer als jetzt, was die Tiefenlage der alten 
Türschwelle am Treppentnrm des Gerichtsturmes 
anzeigt. Dieselbe Sohlentiefe mögen die Zugänge 
zu den Schießkammern der fünf Türme der 
Nsantelmaner gehabt haben, nnd die gleiche Soh 
lentiefe weist jetzt noch die Vorburg vor dem Ein 
gang zum zweiten Tor ans. 
Es erscheint begreiflich, daß der prüfende Be 
schauer an den vorhandenen Baulichkeiten drei 
Hanptbanperioden zu erkennen glaubt, obwohl zu 
allen Zeiten an der Burg bauliche Veränderungen 
vorgenommen worden sind. 
Die erste Banpcriode umfaßt den nicht näher 
nachweisbaren Zeitraum der Entstehung der Burg 
nnd die Bautätigkeit beschränkte sich wohl nur auf 
die Errichtung der Kapelle, des von dieser durch das 
dritte Tor getrennten „verfallenen" Tnrmes und 
4 ) Dal. Happel: „Die Burgen im oberen Hessen". 
5) Akten der Renterei in Breitenbach a. H. 
des ältesten TLohnkerneS. Die zweite Periode fällt 
in die Zeit des Hofmeisters Hans v. Doringen- 
bergk, sie führt eine völlige Umgestaltung der 
Burganlagen herbei und äußert sich jetzt noch durch 
gotische Nterkmale. Die dritte Periode, die in 
die Renaissancezeit fällt, verdrängt gotische For 
men, führt weiter zu Neugestaltungen und legt 
Wert auf eine wohnliche und zugleich künstlerische 
Ausgestaltung der Wohnbauten. 
Aus der Baugeschichte der Burg ist im Ein 
zelnen folgendes hervorzuheben: Nach Belehnung 
mit der Bnrg Herzberg war der Hofmeister 
Hans v. Doringenbergk entschlossen, umfangreiche 
Erneuernngs- und Erweiterungsbauten vorzuneh 
men, wie sie die damalige Zeit nach Erfindung des 
Schießpulvers erforderte. Zu dem Zwecke berief 
er als Baumeister den berühmten Hans Jakob von 
Ettlingen, dessen Zeichen am nordöstlichen Eckturm 
der Hauptmantelmaner, am sog. Gehaner Turm an 
gebracht isE). Hans Jakob von EttlingenZ erfreute 
sich eines besonderen Rufes als Festnngsbanmeister 
und hatte für den Landgrafen von Hessen bedeutende 
bauliche Arbeiten an den Schlössern TTolkerödorf, 
Friedewald nnd Marburg etwa um dieselbe Zeit 
vornehmen lassen. Auf dem Herzberg wurde von 
1483 an eifrig an dem sogen, „alten Hanse", dem 
innersten Wohnkern, gebaut. Fünfzig Steinmetzen, 
deren hervorragende Arbeit wir noch jetzt an vielen 
Stellen der Burganlage bewundern können, waren 
als ständige Arbeiter tätig. Sie erhielten, wie es 
in der Familienchronik von 1609 heißt: „einer» 
Böhmischen gleich 5% Groschen täglich" als Lohn. 
Nach Fertigstellung des „alten Hauses" wurde fol 
gende Anschrift, die durch die Chronik überliefert 
ist, angebracht: „Nach Christi Geburt im Jahre, 
als man zählte XlVGGERXXXIII (1483) ist die 
ses BEerk durch den festen Hans von Dormgen- 
bergk, Hofmeister gewesen Landgraf Wilhelm zu 
Hessen, hergestellt." Anschließend an diesen Barr 
wurde eine größere Feste angefügt. Auö dem Zahre 
1483 wird berichtet, daß acht Zahre lang an den 
„dicken Mauern" gearbeitet und daß zu dieser Zeit 
auch die Bestückung der Nkauern mit schwerem 
Geschütz in Angriff genommen worden sei. Gerade 
auf die Herstellung sehr starker M'anern zum 
Zwecke wirksamer Verteidigung und auf die Be 
schaffung schweren Geschützes zur Bekämpfung 
feindlicher Artillerie mußte damals besonderes Ge 
wicht gelegt werden. 2 Daren doch die Feuerwaffen 
in deutschen Landen bereits im vierzehnten Zahr- 
6) Baurat Becker, der nach 1919 am Fritzlarer Dom 
Erneuerungsarbeiten leitete, stellte das Zeichen fest und 
machte davon eine photographische Aufnahme. 
7) Vgl. den Artikel von Archi'vdirektor Küch in 
„Hessenknnst 1921".
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.