Full text: Hessenland (44.1933)

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Federstrich auslöschen, sie wird für die hcimatgeschicht- 
liche Forschung immer eine große Bedeutung behalten. 
Dafür bot der Vortrag, den der Vorsitzende des Hessi- 
schen Geschichtsoereins, Herr Bibliotheksdirekror Dr. 
Hopf-Kastel, am Freitag, zi. März, im Rinteler Rats 
keller vor dem Heimatbund der Grafschaft hielt, einen 
unwiderleglichen Beweis. 
Der Vortragsabend wurde vom Vorsitzenden des Hei 
matbundes, Herrn Landrat Dr. Moewcs, mit herzlichen 
Begrüßungsworten eröffnet. Er wies auf die am s. 
Oktober o. I. erfolgte Abtrennung der Grafschaft 
Schaumburg von Hessen-Nassau hin und betonte, daß 
der Bevölkerung der Abschied nicht leicht geworden sei 
und daß man in der Grafschaft die Beziehungen zu Hes 
sen-Kassel aufrechterhalten wolle. 
Herr Dr. Hopf führte aus, daß es für den Hessischen 
Geschichtsverein eine schmerzliche Stunde gewesen sei, 
als die endgültige Abtrennnung der Grafschaft Schaum- 
burg vom alten Kurhessen zur Tatsache wurde. Die 
300 Jahre gemeinsamer Geschichte hätten durch Gene 
rationen hindurch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit 
wachsen lassen, das wohl auch noch länger bestehen blei 
ben werde, aber die große räumliche Entfernung und die 
veränderten Verhältnisse hätten die Trennung zu einer 
Notwendigkeit gemacht. Der Anschluß an Hannover 
dürfe nicht hindern, das Interesse an den geschichtlichen 
Zusammenhängen wachzuhalten. Der Hessische Ge 
schichtsverein werde nicht davon ablassen, die Erinnerung 
an die zoojährige Zusammengehörigkeit zu pflegen. 
Der Vortragende wandte sich dann seinem Thema zu 
und beantwortete in fesselnden Ausführungen die Frage, 
wo die Kräfte zu suchen sind, die zur Vereinigung so weit 
voneinander entfernter Gebiete wie der Grafschaft 
Schaumburg und der Lanidgrafschaft Hessen führten. 
Er räumte mit der alte» landläufigen Ansicht auf, daß 
es sich hierbei nur um den Wunsch der Gebietsbereiche 
rung, um rein dynastische Interessen gehandelt habe. I» 
einer weit ausholenden geopolitischen Beweisführung 
deckte der Vortragende in der geographischen Lage die 
llrsache» auf, die schließlich die beiden räumlich getrenn- 
leu Gebiete zusammenwachsen ließen. Die geographische 
Lage der Landgrafschaft Hessen war bedingt durch die 
Scheidelinien des Rheins und der mitteldeutschen Ketten 
gebirge von Thüringen bis zu deu Weserbergen. Sie 
hat die ganze Geschichte Hessens beeinflußt und die Ge 
stalt des Staates bestimmt. Hessen war im Norden und 
Süden dem Verkehr geöffnet, im Westen lind Osten 
eingeengt. Dadurch wurde eg zu einem für den Ver 
kehr wichtigen Derbindungsland zwischen dem Norden 
und Süden Deutschlands. Der Blick dieses Gebietes 
war nach Süden gerichtet, aber die Verkehrs- und han 
delspolitische Entwicklung veranlaßte die Landgrasen 
bald zu einer Orientierung nach Norden. Insbeson 
dere nach dem Verlust der Grafschaft Katzenellenboge» 
lebte die nördliche Politik auf. Die Vorgänge in der 
Handels- und Verkehrspolitik des i6. Jahrhunderts, die 
Umlagerung des Welthandels vom Mittelmcer nach dem 
Norden begünstigte» diese Politik. Bremen wurde Sta 
pelplatz für den niederdeutschen Verkehr mit Frankfurt, 
neben der neuen Handelsstraße der Weser wurde auch 
eine regelmäßige Postverbindung Frankfurt—Bremen 
eingerichtet. Oie Werra Weser-Linie hatte für Hessen 
aber auch eine unmittelbare politische Bedeutung. Die 
Absperrung des Bischofs von Mainz von seinen nordi 
schen Verbündeten war ein wichtiger Zug der hessischen 
Politik. Oie Sicherung der Werra lag in der sogenann 
ten Weserfestung mit ihren nach Norden gerichteten 
Pässen und Sperre», Schaumburg, Arensburg, Franken 
burg, und dem wichtigen Weserübergang bei Rinteln. 
Auf dieses Gebiet richtete Hessen sein Augenmerk, um 
seinem Ziel, im Norden an der Weser Fuß zu fassen, 
näherzukommen. Diese Gelegenheit bot sich im Wege 
der Belehnung, und als mit dem Tode des Grafen Otto 
und nach Beendigung der langwierigen Erbstreitigkeiten 
die Grafschaft Schaumburg endgültig an Hessen fiel, 
war ein bedeutsames Ziel der hessischen Verkehrspolitik 
erreicht: Hessen hatte sich an der Straße nach Norden 
an wichtiger Stelle eingeschaltet. 
Oer Weg im Wesertal hinab genügte nicht, um Hes 
sen die Verbindung mit dem Norden zu sichern. Es 
mußte dazu auch die Verbindung vom Osten nach dem 
Westen, nach den handelswichtigen Niederlanden kom 
men. Daraus entsprang das Bestreben Hessens, auch 
in Westfalen festen Fuß zu fassen. Den nördlichen 
Weg zu gewinnen, war schwierig. Das Vorhandensein 
der dortgelegenen geistlichen Fürstentümer verhinderte 
eine für Hessen günstige Lehenserwerbung oder Lehens 
übertragung. So richtete Hessen dann sein Augenmerk 
besonders auf die Grafschaft Arnsberg. Das Vordrin 
gen Hessens in den lözoer Jahren, das fast ganz West 
falen in hessischen Besitz brachte, ließ hier einen vollen 
Erfolg für Hessen erhoffen. Aber der weitere Verlauf 
des zojährigen Krieges entriß Hessen seine Errungen 
schaften in Westfalen wieder und es mußte im West 
fälischen Frieden i6/s8 endgültig auf seine Bestrebungen, 
sich mit den Rheinlanden und den Niederlanden in Ver 
bindung zu setzen, verzichten. 
Der Vortragende wies besonders darauf hin, daß der 
Übergang der Grafschaft Schaumburg au Hessen unter 
Erhaltung ihrer Verfassung erfolgte, daß das Kohlen 
bergwerk und zunächst auch die Universität in gemein 
samem Besitz mit Schaumburg-Lippe blieben. Die 
Landstände, die ReligionS- und Kirchenordnung blieben 
unverändert bis i8zi, ähnlich verhielt es fich mit dem 
Privatrecht, den: ehelichen Güterrecht, dem Meierrecht. 
Nach allmählicher Angleichung trat erst 184.8 eine völ 
lige Gleichheit mit dem hessischen Recht ein. So ist es 
verständlich, daß trotz der räumlichen Trennung der Graf 
schaft von Hessen nach und nach ein Gefühl der Zusam 
mengehörigkeit entstanden ist, das, von den Landgrafen 
und Kurfürsten verständnisvoll gepflegt sich bis heute 
tragbar erwiesen hat. Wenn wir uns auch der Notwen 
digkeit des Anschlusses an Hannover beugen, so werden 
wir im Hessischen Geschichtsoerein es immer als unsere 
Aufgabe betrachten, die Erinnerung an die zoo Jahre 
gemeinsamer Geschichte zu pflegen und durch Vertiefung 
und Erweiterung der Forschung zu fördern. 
Bürgermeister Dr. Wachsmuth dankte dem Vorkra 
genden im Namen der Rinteler Ortsgruppe des Hessi 
schen Geschichtsvereins für seine interessanten Ausfüh 
rungen. Oie schaumburgische Politik Hessens habe ihre 
Früchte getragen, denn man könne noch heute immer wie 
der den Ausspruch hören: Was haben wir es doch bei 
Hessen gut gehabt. Das Bedauern über die Abtren 
nung von Hessen sei groß, aber man sei auch vernünftig 
genug einzusehen, daß die Neuregelung eine Notwendig 
keit war. In so aufgeregten Zeiten, wie wir sie jetzt 
erlebten, sei es gut, einen Blick in die Vergangen 
heit zu werfen, und es sei deshalb doppelt zu begrüßen, 
daß unter der nationalen Regierung die Pflege der Ge 
schichte wieder den ihr gebührenden Platz finden solle. 
Ein Volk, das nichts auf seine Geschichte halte, gebe sich 
selbst auf. Mit nochmaligem Dank an den Vortragen 
den gab Bürgermeister Dr. Wachsmuth die Versiche 
rung, daß man auch von Rinteln aus alles tun wolle, 
um die alten Beziehungen zu Hessen, insbesondere zum 
Hessischen GeschichtSverein, aufrecht zu erhalten. 
(Echauniburger Heimatblätter.)
	        

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